AA

"16 Tage gegen Gewalt": Mehr Opferschutz gefordert

28 Femizide im Jahr 2022
28 Femizide im Jahr 2022 ©APA/THEMENBILD
Am Freitag hat die Sensibilisierungskampagne "16 Tage gegen Gewalt" mit zahlreichen Forderungen nach besserem Opferschutz begonnen. Vom Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November bis zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember werden weltweit bekannte Gebäude mit orangem Licht bestrahlt, um das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen zu thematisieren. In Österreich gab es heuer laut Zählung des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) bereits 28 Femizide.

"Jeder Frau muss bewusst gemacht werden, dass ein Ausweg aus der Gewaltspirale möglich ist, sobald Hilfe in Anspruch genommen wird", sagte Monika Gabriel, Frauenvorsitzende der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, am Freitag. Es müssten noch mehr Anlaufstellen geschaffen und Informationskampagnen dazu gestartet werden. Wichtig sei vor allem die Gewaltprävention. "Wir benötigen konstruktive Männerberatung, aber auch die Zivilcourage jedes Einzelnen."

Der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) bezeichnet die Situation in Österreich als alarmierend und inakzeptabel. "Nur weil sie oft hinter verschlossenen Türen oder unsichtbar stattfindet, ist Gewalt keine Privatsache", hieß es in einer Mitteilung. Gewalt sei für viele Frauen und Mädchen nach wie vor tägliche Realität. Ein Ende dieser Entwicklung sei "leider nicht abzusehen", sagte BÖP-Präsidentin Beate Wimmer-Puchinger. Der Verband fordert deutlich mehr Unterstützung für Betroffene, ein stärkeres Engagement zur Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft sowie ein Schulterschluss aller Gesundheitsberufe und anderer relevanter Beteiligter, um sich gemeinsam gegen Gewalt einzusetzen.

Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) betonte im Vorfeld, dass ein Großteil des Frauenbudgets in den Gewaltschutz fließe. Für 2023 sind 24,3 Millionen Euro budgetiert. Sozialminister Johannes Rauch (Grüne) erklärte, dass 2023 in seinem Ressort das Budget für Gewaltprävention von derzeit vier auf sieben Millionen Euro erhöht wird. Für die Gewaltschutzorganisationen ist das viel zu wenig. Frauenorganisationen, Frauenhäuser, der Verein AÖF, die Frauenhelpline, alle Frauen- und Mädchenberatungsstellen und Opferschutzeinrichtungen benötigen mindestens 228 Millionen Euro jährlich und 3.000 zusätzliche Vollzeitarbeitsstellen.

Am Wiener Rathaus wurden am Freitag die Fahne der Menschenrechtsorganisation "Terre des Femmes" und die White-Ribbon-Fahne gehisst, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Die White-Ribbon-Kampagne ruft Männer dazu auf, sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt einzusetzen. Es sei wichtig, dass Frauen in Notsituationen schnell Unterstützung bekommen würden. "Der 24-Stunden Frauennotruf und der Frauenhaus-Notruf helfen rasch und unbürokratisch - rund um die Uhr", sagte Wiens Vizebürgermeisterin und Frauenstadträtin Kathrin Gaál (SPÖ). Eine Informationskampagne, um über die Gefahr sogenannter K.O.-Tropfen aufmerksam zu machen, sei ein Schritt in die richtige Richtung.

"Gewalt kann nicht nur in physischer, sondern auch psychischer Form stattfinden. Die Wiener Polizei ist da, um den Bürgerinnen und Bürgern zu helfen und sie zu beschützen", teilte Wiens Landespolizeivizepräsident Michael Lepuschitz mit.

Der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) erarbeitete in Kooperation mit dem Bundeskanzleramt, Fem Süd und dem Roten Kreuz eine neue Broschüre mit dem Titel "STOPP! Gegen Gewalt an Frauen und Mädchen". Die Broschüre bietet in sieben Sprachen Informationen über verschiedene Formen von Gewalt. Darüber hinaus unterstützt die Broschüre Betroffene mit Kontaktadressen und Anlaufstellen von Gewaltschutzzentren und Frauenhäusern, die Hilfe und Beratung bieten. Die Broschüre steht auf der Homepage des ÖIF zum Herunterladen bereit und wird auch in den Bezirksstellen des Roten Kreuz kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Büchereien der Stadt Wien setzen in den kommenden Tagen ein Schwerpunktprogramm mit künstlerischen und literarischen Beiträgen.

Die SPÖ machte am Freitag darauf aufmerksam, dass Kampf gegen Gewalt für alle Frauen gelten müsse. "Ganz besonders auch jene, die nicht nur von Sexismus, sondern gleichzeitig auch von Homo-, Inter- und Transfeindlichkeit betroffen sind", sagten die Frauen- und die Transsprecherin der sozialdemokratischen LGBTIQ-Organisation SoHo Österreich, Tatjana Gabrielli und Dominique Mras. Nicht nur Sexismus und Angriffe auf Frauen würden in Österreich massiv zunehmen, sondern auch Hassverbrechen gegen Frauen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Die SoHo forderte erneut ein aktives Vorgehen gegen hassmotivierte Gewalt und mehr Geld.

"Die Situation für Frauen in der EU ist infolge der Pandemie und zahlreicher Krisen so alarmierend wie nie. Männergewalt gegen Frauen ist keine Seltenheit, sondern für viele bitterer Alltag", sagte Monika Vana, Delegationsleiterin der österreichischen Grünen im Europaparlament. Es brauche ein konsequentes Maßnahmenpaket, um den Kampf gegen Gewalt endlich zur Priorität der EU zu machen. Dazu gehört neben dem raschen Beschluss der Richtlinie eine volle Ratifizierung der Istanbul Konvention, eine substanzielle Erhöhung des EU-Budgets gegen Gewalt und für Prävention sowie die Klassifizierung von geschlechtsspezifischer Gewalt als EU Verbrechen, forderte Vana.

"Nur schwache Männer schlagen Frauen, starke stehen gleichberechtigt an ihrer Seite", sagte Angelika Winzig, ÖVP-Delegationsleiterin im Europaparlament. Sie forderte, Gesetzeslücken beim Rechtsschutz zu schließen. Dazu müssten einige Länder noch die sogenannte Istanbul-Konvention unterzeichnen.

Laut Vereinten Nationen wird alle elf Minuten eine Frau oder ein Mädchen von einem Partner oder Familienmitglied getötet. Zudem haben die Covid-19-Pandemie aber auch wirtschaftliche Auswirkungen zu noch mehr körperlicher und verbaler Gewalt geführt, so die UNO. Der Gedenktag geht auf die Ermordung der drei Schwestern Mirabal zurück, die am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik vom militärischen Geheimdienst nach monatelanger Folter getötet wurden. Sie waren im Untergrund tätig und hatten sich an Aktivitäten gegen den tyrannischen Diktator Trujillo beteiligt.

(S E R V I C E - Informationen zur Kampagne unter , in Österreich finden Frauen, die Gewalt erleben, Hilfe und Informationen bei der Frauen-Helpline unter: 0800-222-555 (kostenlos und rund um die Uhr), ; beim Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) unter ; der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie: und beim 24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien: 01-71719 sowie beim Frauenhaus-Notruf unter 057722)

(APA)

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Österreich
  • "16 Tage gegen Gewalt": Mehr Opferschutz gefordert
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen