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Staatsanwalt über den Horror der Exhumierung von Srebrenica-Opfern

"Wir fanden Männer, die vergebens ihre Söhne schützen wollten und manchmal auch Spielzeug."
"Wir fanden Männer, die vergebens ihre Söhne schützen wollten und manchmal auch Spielzeug." ©DAPD (Archivbild)
Nach dem Völkermord im ostbosnischen Srebrenica wurden Tausende Opfer in Massengräbern verscharrt und Leichenteile auf verschiedene Orte verteilt. Staatsanwalt Emir Ibrahimovic in Tuzla ist einer der erfahrensten Ermittler in dem Fall. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht er über seine langjährige Arbeit.

Wie wurden die vielen Massengräber aufgespürt?

Es gab Satellitenaufnahmen aus dem Ausland, auf dem die Gräber zu erkennen waren. Auch Überlebende und Augenzeugen halfen. Manchmal meldeten sich anonym sogar Helfershelfer, die beim Transport der Opfer, dem Verscharren der Leichen oder beim Ausheben der Gruben dabei waren.

Wie viele Exhumierungen haben Sie juristisch begleitet?

Es waren etwa 100 Gräber. Einzelgräber, aber auch eben Dutzende Massengräber mit bis zu 410 Leichen. Besonders schwierig war es mit den sogenannten Sekundärgräbern. Die Täter haben mit schweren Baggern die ursprünglichen Massengräber geöffnet und die Leichenteile auf zahlreiche neue Gräber verteilt, um ihr Verbrechen zu vertuschen.

Wie hält man diesen Horror aus?

Nur ganz schwer. Manchmal gab es beim Öffnen der Gräber einen fürchterlichen Gestank, dem man über Wochen ausgesetzt war. In den ersten Jahren sorgten die Leichen für Horror, weil trotz des Zerfallsprozesses ihre Physiognomie noch zu erkennen war. Wir fanden Männer, die vergebens ihre Söhne schützen wollten und manchmal auch Spielzeug.

Was wurde im Rückblick erreicht, was blieb unerledigt?

Wir haben am Anfang nicht gedacht, dass wir Tausende zerstückelte Opfer identifizieren könnten. Frustrierend ist, dass der systematische und organisierte Genozid nicht überall klar als solcher bezeichnet wird. Der weitaus größte Teil dieser Täter wurde noch nicht belangt und lebt weiter unbehelligt.

 

ZUR PERSON: Emir Ibrahimovic (56) hat zwischen 1997 und 2010 als zuständiger Staatsanwalt in Tuzla die Exhumierung Dutzender Massengräber mit Opfern des Völkermordes in Srebrenica juristisch beaufsichtigt. Dabei hatten serbische Verbände ab dem 11. Juli 1995 rund 8.000 muslimische Männer und Buben ermordet.

(APA)

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