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Srebrenica stirbt zum zweiten Mal - Trostlosigkeit nach dem Genozid

Spaltung der Einwohner beginnt wegen zwei Geschichtsschreibungen schon in Kindheit.
Spaltung der Einwohner beginnt wegen zwei Geschichtsschreibungen schon in Kindheit. ©EPA
Das Zentrum des Städtchens Srebrenica wirkt wie ausgestorben. Die einzige Fleischerei ist nach dem Tod des Inhabers verwaist. Auf dem Bauernmarkt sind nur zwei Verkaufsstände besetzt. "Srebrenica lebt wegen der Toten nur einen Tag im Jahr", schrieb die bosnische Zeitung "Dnevni avaz" resigniert. Am 11. Juli ist es 20 Jahre her, dass serbische Verbände hier rund 8.000 männliche Muslime ermordeten.

Vor dem Krieg (1992-1995) lebten in dem ostbosnischen Ort 12.000 Menschen, drei Viertel von ihnen muslimische Bosniaken. Heute sind es nach offizieller Zählung weniger als die Hälfte. Nicht mehr als 4.000 Menschen sind ständig hier, schätzen die Einheimischen. “Dnevni avaz” spricht sogar nur von 1.000. Die Mehrheit sind Serben. Das Kräfteverhältnis hat sich also von den Opfern zu den Tätern verschoben. Orthodoxe Serben und Muslime leben strikt getrennt voneinander, berichten beide Seiten.

“Kinder lernen zwei ganz verschiedene Versionen”

“Die Kinder lernen schon in der Schule zwei ganz verschiedene Geschichtsversionen”, klagt Sehida Abdurahmanovic. Die 60-Jährige hat im Krieg ihre halbe Verwandtschaft verloren und schloss sich dem mächtigen “Verband der Srebrenica-Mütter” an. “Die Buben werden schon früh zum Kirchen- und Moscheebesuch angehalten”, berichtet sie.

Religion und Ideologie dienen auch heute noch als Werkzeuge der nationalen und politischen Auseinandersetzung. Die serbisch-orthodoxe Kirche und zwei Moscheen liegen in Sichtweite. In Sichtweite liegt auch ein Kirchlein, das Serben zurzeit unmittelbar neben der Srebrenica-Gedenkstätte in Potocari vor den Toren der Stadt errichten. Der Stifter der kitschig-bunten Kirche sieht den Bau als klares Bekenntnis für die Sache der Serben gegen die Bosniaken. Die empfinden das Gebäude als pure Provokation, weil nahe der Gedenkstätte auch mehrere Massengräber liegen.

Wirtschaftlich am Boden

Die Stadt blutet langsam aus, weil über ihre natürlichen Ressourcen andere entscheiden. Das traditionsreiche Heilbad, einst dank vieler Kurgäste die wichtigste Einnahmequelle, ist zerstört. 80 Millionen Liter bestes Mineralwasser versickern jährlich ungenutzt im Boden. Die Nutzung der üppigen Wälder ist nach undurchsichtigen Verfahren zwielichtigen Einzelpersonen übertragen worden. Von den Konzessionsgebühren sieht die geschundene Stadt nichts.

Es gibt Lichtblicke

Aber es gibt auch Lichtblicke. Die österreichische Organisation “Bauern helfen Bauern” hat in den letzten eineinhalb Jahrzehnten in Srebrenica und dem Nachbarort Bratunac 436 Holzhäuser aufgebaut. Vor drei Jahren hat sie hier auch eine Musikschule für mehr als 200 Kinder eröffnet. “Es ist ein Traum. Das ist der einzige Platz, wo sich Serben und Bosniaken treffen”, schwärmt die ehemalige österreichische Politikerin und Vorsitzende des Projekts, Doraja Eberle.

“Alles kreist um die negativen Kriegsgeschichten”

Demgegenüber malt Avdo Purkovic, Besitzer der einzigen kleinen Pension Srebrenicas, ein tiefschwarzes Zukunftsszenario. “Alles steht hier still und die wenigen Rückkehrer hauen ein zweites Mal ab”, klagt der 30-Jährige. “Alles kreist hier nur um die negativen Kriegsgeschichten”, nennt er einen Grund dafür. “Wir können nicht jeden Tag nur die Knochen der Opfer zählen”, sagt der Jungunternehmer.

Hoffnung auf Kehrtwende

Schuld sind seiner Ansicht nach die zerstrittenen heimischen Politiker, die “das Volk als Geiseln missbrauchen”. Und die internationalen Politiker sowie Hilfsorganisationen. “Wo ist das viele Geld geblieben? Bei den einfachen Bürgern ist von Hunderten und Aberhunderten Millionen praktisch nichts angekommen”, behauptet er. Der bevorstehende 20. Jahrestag des Genozids müsse daher “eine Kehrtwende” bringen. Doch er erwartet, dass Srebrenica nach diesem international beachteten Tag wieder in Vergessenheit geraten wird. Und wappnet sich dagegen mit Plänen für die Schließung seiner Pension und den Umzug in die unweit gelegene Stadt Tuzla.

(APA)

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