„Spracherwerb im frühen Alter fördern“

Die Experten sind sich einig, dass Kinder mit Migrationshintergrund insbesondere von den Eltern zum Spracherwerb motiviert werden sollten.
Die Experten sind sich einig, dass Kinder mit Migrationshintergrund insbesondere von den Eltern zum Spracherwerb motiviert werden sollten. ©APA/AFP
Ganz Österreich diskutiert über Deutsch-Klassen in Schulen. W&W fragte nach, wie es um die Sprachförderung in Kindergärten bestellt ist.

Im Gespräch mit Kindergartenpädagoginnen ist oft davon die Rede, dass insbesondere Kinder mit türkischem Migrationshintergrund zum Teil mit wenig oder überhaupt keinen Deutschkenntnissen in den Kindergarten kommen. Welche Probleme das mit sich bringen kann, erklärt Dudu Caliskan, die als Kindergartenassistentin in Vorarlberg tätig ist: „Aufgrund fehlender Sprachkenntnisse bei Kindern mit Migrationshintergrund besteht die Gefahr, dass man auf die Bedürfnisse des Kindes nicht prompt eingehen kann. Somit kann auch eine Bindung zwischen der Erzieherin und dem Kind mehr Zeit in Anspruch nehmen. Meist sind diese Kinder sehr schüchtern und zurückgezogen, weil sie mit ihrem Umfeld nicht zur Gänze kommunizieren können.“

Mehrsprachig aufwachsen

„An erster Stelle sollte Eltern mit Migrationshintergrund bewusst sein, dass ihr Kind im Kindergarten mehrsprachig aufwachsen wird“, führt Caliskan weiter aus. „Daher sollten sie ihre Kinder für den Spracherwerb motivieren, denn die Sprache ist der Grundbaustein der Kommunikation. Der Kindergartenbesuch mit drei Jahren ist von großem Vorteil, weil die Interaktion im frühen Alter einen schnelleren Spracherwerb fördert. Aus unserer Erfahrung können wir jedenfalls versichern, dass sich die Kinder, sobald sie sich öffnen und wohl fühlen, prompt die Möglichkeit haben, die deutsche Sprache mit Gleichaltrigen im Kindergarten ,spielerisch‘ zu erlernen.“

Barbara Schöbi-Fink, Bildungslandesrätin: „In Vorarlberg sind die Kindergartenpädagoginnen schonlänger dabei, den Sprachstand der Kinder zu erheben und sie dann gezielt zu fördern. In einigen Gemeinden wird seit vergangenen Herbst mit einem neu entwickelten Beobachtungsbogen die Sprachkompetenz der Kinder erhoben, um sie noch gezielter fördern zu können. Wichtig für den späteren Schulerfolg ist, dass die Kinder möglichst früh die deutsche Sprache erlernen.“

Adnan Dincer, Vorsitzender NBZ: „Es ist leider Fakt, dass viele Kinder mit türkischen Wurzeln, wenn sie in den Kindergarten kommen, kaum bis gar nicht Deutsch können. Viele Eltern glauben, dass die Kinder im Kindergarten oder der Schule Deutsch lernen können, was aber nicht der Realität entspricht. Das sollte als Ergänzung dienen. Leider fehlt oft die Praxis und viele haben im Privaten kaum Kontakt zu der Mehrheitsgesellschaft – bedingt dadurch, dass türkische Eltern sich eher in der eigenen Community aufhalten und sich in den letzten Jahren zurückgezogen haben. Wichtig wäre, die türkische Community zu sensibilisieren, dass man die Kinder mehrsprachig erziehen sollte. Und auch, dass es möglich ist, Österreich als Hei at anzusehen, ohne die türkische Identität zu verlieren. Seitens der Politik sollte aber auch entsprechende Unterstützung angeboten werden.“

Eva Grabherr, okay. zusammen leben: „Die Problematik mit der deutschen Sprache hängt oft mehr vom Bildungshintergrund der Eltern ab, als von deren Herkunft. Gerade in der türkischen Community ist hier in letzter Zeit ein Aufschwung in Sachen Bildung nachweisbar. Wichtig ist aber, dass thematisiert wird, wie wichtig es für den Bildungsweg der Kinder ist, dass sie die Landessprache beherrschen. Noch wichtiger ist aber, dass man mit seinen Kindern spricht und interagiert –
egal in welcher Sprache. Kinder sollten aber möglichst früh mit den Sprachen in Berührung kommen, die für ihr Leben wichtig sind. Daher müssen wir uns auch von dem Gedanken verabschieden, dass der Kindergarten allein sprachliche Bildungsschwächen ausräumen kann. Hierfür braucht es einfach mehr Zeit.“

Gerlinde Sammer, Koordinatorin Kindergarten/Schule. „In öffentlichen Diskussionen wird sprachliche Bildung oft gleichgesetzt mit Deutschförderung, dabei umfasst sie aber viel mehr: Es geht um Angebote, die die Sinne des Kindes (Sehen, Hören, Sprechen, Tasten, Bewegung,…) sowie die sozial-emotionale und die seine kognitive Entwicklung fördern. Mit welcher Sprache bzw. mit welchen Sprachen diese bewusste, aufmerksame Begleitung der Kinder geschieht, ist egal. Wichtig ist, dass es überhaupt geschieht. Denn diese Bereiche beim Kind anzuregen und zu fördern, hilft dem Kind dabei, Konzepte zu entwickeln. Und wenn diese beim Kind vorhanden sind, kann das Kind jede weitere Sprache im Laufe seines Lebens erwerben, da es seine Konzepte damit verknüpfen bzw. auf diesen aufbauen kann.”

Andrea Drexel, Kindergarteninspektorin Unterland: „Die Sprachförderung und dabei insbesondere die Förderung der deutschen Sprache im Kindergarten ist für alle eine Herausforderung. Vorherrschende Bildungsform im Kindergarten ist das Spiel. Im Spiel werden die Kinder ganzheitlich gefördert – ganzheitlich deshalb, weil die Sprache in allen Bildungsbereichen gefördert wird. Ein Kind braucht zum Erlernen der deutschen Sprache neben der Förderung im Kindergarten
aber auch die Unterstützung aus der Familie. Eine gute familiäre Unterstützung für das Kind wäre es zum Beispiel, wenn Eltern aktiv Sprachanlässe schaffen würden, bei denen das Kind die deutsche Sprache sprechen und üben kann, z.B.
Spielplatz, Eltern-Kind-Turnen, (Sport-)Vereine, etc.“

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