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Sound an der Schmerzgrenze

Der "VN"-Test belegt: Musik in Diskotheken erreicht Schmerzgrenze von 120 Dezibel. "Die Leute kommen zu uns, weil sie die Lautstärke wollen", sagt Nachtschicht-Betriebsleiter Wolfgang Bezler.

Ein nicht angekündigter „VN“-Test attestiert der Nachtschicht einen maximalen Schallpegel von bis zu 125 Dezibel (dB). Das entspricht der Lautstärke eines startenden Düsenjets. Ab 120 dB sind Gehörschäden auch bei kurzer Einwirkung wahrscheinlich, die Lautstärkenempfehlung des Umweltbundesamtes von 93 dB wirkt wie ein Hohn. „Wir regeln die Lautstärke im vorgegebenen Bereich nach Gefühl, ab und zu müssen wir die DJs auch bremsen“, so Bezler.

Tückischer Lärm

Lärm ist tückisch. In der Regel schädigt laute Musik das Gehör langsam und unbemerkt, aber stetig. Vor allem jedoch dauerhaft. Schon bei einer zwölfminütigen Belastung von 108 dB pro Woche ist mir einer Gehörschädigung zu rechnen. „Arbeitnehmer müssen ab 85 Dezibel geschützt werden, Jugendliche nehmen von sich aus in Diskos eine wesentlich höhere Belastung in Kauf“, sagt Dr. Wolfgang Wachter, Vorstand der zuständigen Fachabteilung Maschinenwesen bei der Landesregierung. Diskopersonal bekomme Ohrstöpsel angeboten, wie Arbeitsinspektor Bernd Doppler bestätigt. Am DJ-Tisch der Nachtschicht liegen deshalb Schutzkopfhörer auf, „auch wenn jeder DJ darüber lacht“, wie Bezler sagt.

„Wir messen die Lautstärken in und im Umfeld von Diskotheken vor allem dann, wenn Anrainerbeschwerden über die Bezirkshauptmannschaften einlangen“, sagt Wolfgang Wachter vom Amt der Landesregierung. Jeder Frequenzbereich wird einzeln eingemessen, ein plombierter Begrenzer („Limiter“) eingebaut. Im Vordergrund steht aber nicht der Schutz des Publikums, sondern die Nachtruhe von Anrainern.

Schweiz: 93 dB-Grenze

In der benachbarten Schweiz darf – ganz im Gegensatz zu Österreich – seit 1996 der Schallpegel von Diskos, Partys oder Konzerten nicht mehr als 93 dB erreichen, Gäste müssen mit Hinweisschildern gewarnt werden. Diskobetreibern, die zu laut aufdrehen, drohen mehrjährige Haftstrafen. Den Disko-Spaß zu bremsen ist aber nicht das erklärte Ziel der Experten. „Ich selbst war ja auch mal jünger“, sagt Gutachter Wachter. Er rät zu Vorsicht – und Ohrstöpseln. Für Amtsarzt Dr. Christian Bernhard wären auch 95 dB durchaus tanzbar: „Da scheppert es immer noch ordentlich und das Diskofeeling ist da.“

Die Harder Nachtschicht ist weiterhin die lauteste Disko Vorarlbergs. Aber an der Kasse liegen gratis Ohrstöpsel auf. Für Gäste, denen 120 Dezibel zu viel sind.

So gefährlich ist der Schall

Experten beantworten in den „VN“ die häufigsten Fragen zum Schallpegel in Diskos.

Wie laut darf es in Ländle-Diskotheken eigentlich sein?

„Es gibt Richtlinien, aber keine Gesetze“, so Amtsarzt Christian Bernhard. Das Umweltbundesamt empfiehlt, dass der Schallpegel nicht über 93 Dezibel (dB) gehen soll – in etwa die Lautstärke eines Rasenmähers. Für Arbeitnehmer in Diskos müssen ab 85 Dezibel Schutzmaßnahmen getroffen werden.

Sind 120 Dezibel doppelt so laut wie 60 Dezibel?

Nein. Das Dezibel-System funktioniert nicht linear, sondern logarithmisch. Für das Hörempfinden bedeuten 10 dB bereits eine Verdopplung, die Schallenergie verdoppelt sich alle 3 Dezibel. Generell reicht die Skala von 0 Dezibel, der Hörschwelle, bis 120 Dezibel, der Schmerzgrenze. Die zu Grunde liegende Einheit „Bel“ ist nach Alexander Graham Bell benannt.

Was, wenn es nach Disko-Nächten im Ohr pfeift?

Pfeifen rührt von einer Überlastung der Hörsinneszellen her, die zum Impulssenden angeregt werden, obwohl gar kein Schall mehr vorhanden ist. Es handelt sich um ein Warnsignal, eine Vorstufe des Tinnitus. Bei kurzzeitiger Belastung können sich die Zellen regenerieren, dauernde hohe Schallpegel führen zu irreversiblen Hörschäden, Dauerpfeifen oder einem Gehörsturz.

Verursacht jeder Pegel über der Schmerzgrenze eine Schädigung des Gehörs?

Je nach Dauer und Frequenz des Lärms kann das Gehör solche Schallpegel durchaus einmal verkraften – umgekehrt aber auch schon bei niedrigeren Werten Schaden nehmen. Fakt ist: Immer wenn man lautem, lang anhaltendem oder schlichtweg störendem Schall ausgesetzt sind, hat man eindeutig zu viel um die Ohren.

Wie kann ich mich gegen auf Diskos oder Konzerten gegen Lärm schützen?

Ohrstöpsel bieten sicheren Schutz. Es gibt mehrere Arten: Wachskugeln, Silikonplugs, Kunststoffplugs, individuelle Ohrstopfen für Musiker oder DJs – und praktische Stöpsel aus elastischem Schaumstoff.Letztere sind am praktischsten und günstigsten. Erhältlich bei Apotheken und Drogeriemärkten, hin und wieder auch bei Konzerten oder in Diskos. Provisorisch schützen auch Watte oder Schnipsel von feuchten Taschentüchern.

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