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Sonntagstalk mit Alwin Leitner: "Ich war immer eine zähe Sau"

Sonntagstalk mit Alwin Leitner.
Sonntagstalk mit Alwin Leitner. ©Sams/Breuß
"Mit dem Rudel mitzurennen, war noch nie mein Ding", sagt Alwin Leitner. Mit WANN & WO spricht der Abenteurer über Todesangst, verrückte Aktionen und persönliche Tiefpunkte, aus denen sich neue Chancen ergeben.

Von Harald Küng/Wann&Wo

WANN & WO: Herr Leitner, Sie reisen kommende Woche erneut in Ihre zweite Heimat – Nepal. Was können wir im reichen Ländle von einem der ärmsten Länder der Welt lernen?

Alwin Leitner: Ich besuche Nepal schon bald zum 50. Mal, ich bin da einfach hängengeblieben. Das Land hat rund 30 Millionen Einwohner, ist extrem auf den Tourismus angewiesen. Fast monatlich ereignet sich eine große Katastrophe – meistens bekommt man hierzulande aber gar nichts mit. Was mich unglaublich fasziniert, ist die Gelassenheit und Zufriedenheit der Menschen – obwohl sie nur sehr wenig besitzen. Ich bereise das Land seit 1983 und hoffe, dass ich noch lange Zeit gesundheitlich fit bin. Es taugt mir einfach, den Leuten von hier über meine Agentur ein ganz anderes Leben zu zeigen und ich komme immer wieder als anderer Mensch zurück. Wenn man so ein Land besucht, muss man einfach aus seiner eigenen Komfortzone heraus.

WANN & WO: Apropos fit bleiben: Was macht die Gesundheit?

Alwin Leitner: Ich fühle mich gut, auch meine Pumpe spielt noch bestens mit. Ich mache eigentlich so ziemlich alles. Ich hatte in meinem Leben neun schwere Unfälle. Unter anderem war ich vor vielen Jahren mit dem Paragleiter in Südamerika. Ich bin auf 6000 Metern festgesessen und musste zwei Tage lang auf gutes Flugwetter warten. Als es dann soweit war, wurde ich auf 6500 Meter hochgezogen und weit über die Atacamawüste getragen. Meine Freunde suchten mich drei Tage lang. Da hatte ich schon Todesangst. Aber ich habe mit meinem Leben nie abgesschlossen, auch wenn ich mich öfters schwer verletzt habe. Ich war immer eine zähe Sau.

WANN & WO: Sie haben solche Zwischenfälle also immer einfach so weggesteckt?

Alwin Leitner: Für mich findet Heilung im Kopf statt. Ich habe mich auch nie daran gehalten, was die Ärzte mir gesagt haben. Ein befreundeter Bergrettungsarzt hat mir einmal gesagt, ich würde nie mehr richtig gehen können. Ich habe ihm dann mitgeteilt, dass er mir den Buckel runterrutschen kann und bin schmerzerfüllt davon gehumpelt. In den Krankenhäusern hieß es irgendwann nur noch: He, der Leitner kommt, den müsst ihr anbinden, sonst haut er euch wieder ab! (lacht)

WANN & WO: Waren Sie schon immer ein Abenteurer?

Alwin Leitner: Ich stamme aus einer Familie, in der niemand einen Fuß gelupft hat. Mich hat es aber immer schon gereizt, von Dächern zu springen und Dinge zu tun, die andere nicht machen. Als Bub bin ich schon überall hinaufgeklettert, obwohl mein Vater es mir streng verboten hatte. Dann bin ich zum Alpenverein dazu, ich wollte aber nicht nur Nudeln kochen und Edelweiß-Lieder singen, ich wollte klettern und etwas erleben, bin zur Bergrettung gegangen, bei der ich heute noch Mitglied bin. Und irgendwann bin ich dann in einen Freundeskreis gekommen, der mich auf Abenteuer und Expeditionen ins Ausland mitgenommen hat.

Leitner mit einem befreundeten Sherpa in Nepal.
Privat

WANN & WO: Wann war Ihre erste große Unternehmung?

Alwin Leitner: 1983 bin ich erstmals nach Nepal gereist und habe meinen ersten Versuch auf einem 8000er gewagt – der ist leider schief gelaufen. Da sind auch tragische Dinge passiert und ich wurde mir der Gefahr bewusst, die derartige Dinge mit sich bringen. Beim Extrembergsteigen klettert der Tod immer mit, nur 50 Prozent überleben. Ein Reinhold Messner, der gerade 75 geworden ist, gehört da zu den Ausnahmen. Ich war aber trotzdem weiterhin im Gebirge unterwegs – in Ecuador, Chile, auf Bergen, bei denen ich wusste, dass das Risiko nicht so groß ist. Es ist für mich heute auch nicht mehr der Gipfel, der zählt, sondern es ist eine Frage der Gesundheit und körperlichen Fitness.

WANN & WO: Paragleiten, Bergsteigen – es waren also schon immer die verrückten Dinge, von denen Sie sich angezogen gefühlt haben?

Alwin Leitner: Absolut. Wir haben beispielsweise auch schon „Bungeejumping“ gemacht, bevor das überhaupt ein Trend war. Wir sind an Kletterseilen im Pendelsprung die Lingenauer Brücke hinuntergesprungen. Davor haben wir einen Holzstamm hinunter geworfen, um zu schauen, was passiert. Dann wurde ein Strohhalm gezogen und man ist gesprungen. Die Polizei ist gekommen, das war dann auch ein ziemliches Theater. Wir haben viele verrückte Sachen gemacht, ziemlich verbotene Geschichten. Alle haben uns den Vogel gezeigt. Das war eine coole Zeit.

WANN & WO: Sie sind unter anderem mit Marc Girardelli befreundet. War der auch so wild unterwegs?

Alwin Leitner: (lacht) Das ist er heute noch. Das ist eine jahrzehntelange Freundschaft und wir treffen uns auch noch regelmäßig. Marc ist auch einer, der seinen eigenen Weg gegangen ist. Er hatte extreme Erfolge in allen Disziplinen. Wir denken auch in vielen Dingen gleich. Aus solchen Typen besteht mein Freundeskreis. Man braucht im Leben nicht viele Freunde. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich auch, wer wirklich für einen da ist.

WANN & WO: Eine schwierige Zeit hatten Sie auch, als Ihr Geschäft Bergsport Leitner pleite gegangen ist?

Alwin Leitner: Das ist richtig. Das Geschäft wurde gegründet, weil ich mir das Klettermaterial nicht mehr leisten konnte – das kostet ja alles ein Heidengeld. Ich habe meiner Partnerin dann gesagt: Lass uns doch ein Bergsportgeschäft eröffnen. Das Geschäft boomte erst und ich konnte meine Erfahrungen einbringen. Das hat uns zu ungeahnten Höhen verholfen. Doch 2009 kam es zum Konkurs, zur Scheidung – ein Mordstheater. Wir hatten da einen wirklichen Rosenkrieg, irgendwann sind dann die Anwälte vor mir gestanden und haben den Schlüssel verlangt – das Geschäft gehörte ja meiner Frau. Das war der absolute Tiefpunkt meines Lebens. Bei uns ging es wirklich um viel Kohle. Mein Plan war es, mit 55 nichts mehr zu machen. Ich habe die Situation aber als neue Chance gesehen. Ich hatte immer schon viele Ideen und habe viele neue Dinge ausprobiert.

Sams/Breuß

WANN & WO: Sie gelten als jemand, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt und damit auch oftmals aneckt. Wäre die Politik nichts für Sie?

Alwin Leitner: Das Thema Politik interessiert mich schon, Politiker brauche ich allerdings keinen einzigen. Und es stimmt: Ich ecke oft an, weil ich einfach sage, was ich denke. Was ich wirklich toll finde, ist, dass sich gerade die jungen Menschen politisch engagieren und demonstrieren. Die Jungen checken, was vor sich geht. Und sie werden es sein, die bei den bevorstehenden Wahlen anders wählen. Mir taugt das, wenn sie auf die Straße gehen.

WANN & WO: Sie sind also ein Fan von #fridaysforfuture?

Alwin Leitner: Das sind Denkanstöße an die Politik. Denn plötzlich reden alle von Umwelt- und Klimaschutz. Das ist aber für mich nicht das Wichtigste. Zuerst sollte geschaut werden, dass die Nachkriegsgeneration, die uns den Wohlstand geschaffen hat, höhere Pensionen bekommt. Dafür dürfte man meiner Ansicht nach ruhig den Politikern die Gehälter um die Hälfte kürzen und das gewonnene Geld entsprechend verteilen. Und den Jungen muss man die Chance eröffnen, für die Zukunft gerüstet zu sein. Derzeit dreht sich alles ums eigene Ego. Es gibt keine Menschlichkeit mehr. Deshalb sehe ich in der Jugend eine riesige Chance.

Kurz gefragt

Was ärgert Sie am meisten? Leute, die nicht ehrlich sind.
Was war Ihr schönstes Erlebnis? Als ich ganz alleine den Hauptkamm des Himalaya von Norden nach Süden überquert habe.
Vervollständigen Sie folgenden Satz: Glücklich macht es mich ... ... wenn es anderen Leuten auch gut geht. Ich freue mich gerne mit anderen mit.
Wo fühlen Sie sich zuhause? Überall dort, wo nette Menschen um mich herum sind.
Haben Sie einen Lieblingsort? Ja, der Dornbirner First. Auf den ziehe ich mich zurück, wenn mich wieder ein paar Leute nerven.
Was würden Sie gerne noch erreichen? In der Politik ordentlich aufzuräumen, weil es nur noch um Macht und Kohle geht.
Was ist Ihr größter Triumph? Dass ich seit vielen Jahren total unabhängig agieren kann.
Was bereitet Ihnen Freude? Wenn ich mit Kleinigkeiten ein Lächeln in die Gesichter zaubern darf, speziell bei Kindern.
Was bereitet Ihnen Sorge? Mir bereitet große Sorge, dass sich die heutige Jugend so stark von neuen ­Medien beeinflussen lässt.
Was haben Sie als letztes gelernt? Dass ich mir die Leute, mit denen ich mich umgeben möchte, genau anschaue und ihnen genau zuhöre. Dann weiß ich, ob sie Platz in meinem Leben haben oder nicht. Ich suche immer mehr die Menschlichkeit in den Leuten, denn sie kommt heute viel zu kurz.

Alwin Leitner – zur Person

Alter, Wohnort: 66, Dornbirn-Kehlegg
Familienstand: verheiratet in zweiter Ehe, eine Tochter
Werdegang: Marketingleiter Spar, Gründer Bergsport Leitner, heute Reiseorganisation mit der Agentur Alpinfit, langjähriges Mitglied der Vorarlberger Bergrettung

Text: Harald Küng/Wann&Wo

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