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"Sollten mit Eltern Verträge schließen"

Schwarzach - VN-INTERVIEW: Landesrat Siegmund Stemer zum bevorstehenden Schulbeginn: Soziale Fragen drängen. Mittelschule: Direktoren basteln neues Schulmodell.

VN: Noch stehen die Klassenzimmer leer. Da wird schon der Ruf nach stärkerer psychosozialer Hilfe laut. Muss Schule heute grad so viele soziale Defizite ausgleichen wie sie Wissen vermittelt?

Stemer: Das ist eine Folge unserer schönen Wohlstandsgesellschaft. Wenn andere Strukturen zunehmend instabil werden, muss Schule viel mehr leisten, als sie eigentlich sollte.

VN: Kann sie das denn?

Stemer: Da ist ein gesellschaftliches Gleichgewicht aus der Balance geraten, und das System Schule wäre tatsächlich überfordert, wäre es auf sich allein gestellt. Doch die Bildungskarriere der Kinder beginnt ja weit früher. In der Einstellung der Eltern zum lebenslangen Lernen etwa und im Kindergarten . . .

VN: . . . dessen Betreuerinnen ja keine Tanten sind . . .

Stemer: . . . sondern Pädagoginnen mit einer sehr guten Ausbildung.

VN: Im Kindergarten werden heuer die Sprachtickets erstmals auch Kindern nicht migrantischer Herkunft zugute kommen.

Stemer: Natürlich liegt das Schwergewicht weiter auf Kindern aus Migrantenfamilien. Aber es haben eben zunehmend hiesige Kinder aus sozial ungünstigen Verhältnissen Sprachprobleme. Dabei kann man nicht früh genug lernen, mit Sprache umzugehen.

VN: Wie früh?

Stemer: Ich möchte erleben, dass Methoden gefunden werden, damit kein Kind mehr in die Volksschule eintritt, das nicht ausreichend Deutsch versteht. Wir müssen wenigstens zwei Jahre vor Schuleintritt gezielt handeln. Mit den Eltern würde ich mir am liebsten Vereinbarungen wünschen, Verträge. Wir haben ja ein gemeinsames Interesse.

VN: Das klingt jetzt sehr nach dem jüngsten Sprachintegrationspapier der Vorarlberger FPÖ.

Stemer: Dieses Konzept ist in fast allen Belangen ein gutes Papier. Im Übrigen gibt es ja die Sprachtickets heuer zum letzten Mal. Die Sprachförderung wird intensiviert und soll nach dem Wiener Modell zwar erst 15 Monate vor Schuleintritt einsetzen, aber doch immerhin werden bundesweit 20 Millionen Euro dafür aufgewendet.

VN: Dieser Vertrag mit den Eltern, den Sie wünschen, wie sollte der aussehen?

Stemer: Nennen wir es „Eltern-Kind-Pass“. Der könnte durchwegs bis zum Ende der Pflichtschulzeit gelten. Warum nicht? Nun kann man so etwas als Bonus- oder Malussystem anlegen. Mir schwebt ein reines Bonussystem vor. Klar ist jedenfalls, dass sich der Bund langfristig damit eine Menge Geld im Sozialbereich ersparen würde.

VN: Nun ist das alles noch Zukunftsmusik, die Lehrer müssen aber jetzt zurande kommen. Wie helfen Sie ihnen?

Stemer: Wir haben für heuer einen Stundenpool von vorerst 3600 zusätzlichen Unterrichtsstunden für Stützlehrer reserviert, die nach Bedarf angefordert werden können. 20 Lehrpersonen werden neu als „social networker“ Beziehungsarbeit leisten zwischen Schule und Eltern.

VN: Die „neue Mittelschule“ wird das kommende Jahr beherrschen. In Lauterach leben Hauptschule und BORG Tür an Tür und hätten eigentlich näher zusammenrücken sollen. Doch die Lehrkörper gingen auf Distanz. Sind sich beide Schultypen nach Jahrzehnten so fremd geworden?

Stemer: Die Idee, aus dem BORG Lauterach ein Gymnasium mit Unterstufe zu machen, wurde praktisch als Kriegserklärung an die Hauptschule verstanden. Wir haben das gestoppt. Jetzt arbeiten mehrere Direktoren im Großraum Bregenz gemeinsam das Modell einer Zusammenarbeit aus. Ziel ist doch, dass wir den 10- bis 14-Jährigen was Besseres bieten, als sie heute haben. Dieses Modell werden wir beim Bund einreichen und wollen es auch im Schuljahr 2008/2009 umsetzen.

VN: Sie starten heuer mit kleineren Klassen.

Stemer: Ja, wir haben in den ersten Klassen der Gymnasien den Schülerdurchschnitt von 31,5 auf 26,5 senken können. Das hatte erheblichen Platzbedarf zufolge. Im Bregenzer Gallusgymnasium werden für drei Jahre zusätzlich Fertigteilklassen eingesetzt. Das Feldkircher Gymnasium Schillerstraße behilft sich mit Wanderklassen. Und auch das Bundesgymnasium Dornbirn wird wie beide anderen baulich erweitert werden.

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