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So ticken die schlagenden Verbindungen in Vorarlberg

Scharsach ist Experte für Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Neonazismus
Scharsach ist Experte für Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Neonazismus
WANN & WO befragte Experten und einen Vertreter einer Vorarlberger Pennalverbindung zum Gedanken- und Liedgut schlagender Verbindungen im Ländle.

Der Publizist und Autor Hans-Henning Scharsach hat sich eingehend mit Burschenschaften in Österreich beschäftigt und gibt einen allgemeinen Einblick in die Thematik: „Dezidiert kann ich zu den drei existierenden Pennalverbindungen Nibelungen Bregenz, Alemannia Dornbirn und Arminia Feldkirch keine genauen Infos geben. Es ist aber Fakt, dass die schlagenden Verbindungen in Österreich über die Dachverbände ideologisch gleichgeschaltet sind“, erklärt Scharsach. „Das bedeutet, dass auch alle schlagenden Verbindungen in Vorarlberg ein Bekenntnis zum Deutschen Vaterland enthalten, was explizit verfassungswidrig ist. Sie haben sich nie aus den Traditionen der NS-Zeit befreit, sondern leben sie!“ Diesen Vorwurf weist Markus Neubacher, Vorstand der Nibelungen Bregenz, auf WANN & WO-Anfrage scharf zurück: „Wir haben eine blau-rot-goldene Fahne in unserem Vereinslokal. Das sind unsere Vereinsfarben. Weiters hängen in unserem Verbindungsräumen je eine Fahne der Stadt Bregenz, des Landes Vorarlberg und der Republik Österreich. Dies dürfte klar ersichtlich machen, wozu wir uns als Verein bekennen.“

„Arierparagraf“ als Aufnahmekriterium?

Laut Scharsach hätten Juristen in der jungen Vergangenheit versucht, das Aufnahmekriterium „Arierparagraf“ harmloser aussehen zu lassen: „Heute ist vom ,Bekenntnis zur Deutschen Elite‘ oder dem ,Abstammungsprinzip‘ die Rede“, erklärt Scharsach. Der Vertreter der Nibelungen Bregenz stellt im Zusammenhang mit möglichen Aufnahmekritieren in Vorarlberger Pennalverbindungen jedoch umgehend klar: „Solche Dinge lehnen wir strikt ab!“

„Keine verbotenen Lieder!“

Geht es um Liederbücher, verweist der Experte ganz klar darauf, dass diese „Texte enthalten, die von der Hitlerjugend begeistert gesungen wurden. Menschenverachtende Texte sind Bestandteil der Burschenschaften. Ich glaube nicht, dass es ein Liederbuch in Burschenschaften gibt, in dem kein Liedgut aus der Nazizeit steht.“ Markus Neubacher erklärt: „Wir verwenden als Liederbuch das Allgemeine deutsche Kommersbuch, welches in der ersten Auflage im Jahr 1858 erschienen ist und 2013 in der 166. Auflage erschien. Dieses Buch ist für alle Personen käuflich zu erwerben und ist auch Bestand öffentlicher Bibliotheken. Es wird in Europa, also auch außerhalb von Österreich und Deutschland, von vielen – nicht nur schlagenden –studentischen Vereinen verwendet. Von den rund 700 Liedern singen wir nicht alle auf unseren Veranstaltungen, jedes einzelne zu nennen würde hier aber den Rahmen sprengen. Klarstellen wollen wir jedenfalls, dass wir keine verbotenen Lieder singen!“, betont Neubacher unmissverständlich.

„Sie werden indoktriniert“

Speziell bei den Vorarlberger Pennalien sieht Scharsach ein weiteres Problem: „Die Mitglieder dieser Verbindungen sind Mittelschüler und werden zu ,Bildungsveranstaltungen‘ geschickt. Hier hält die Elite der schlimmsten braunen Neonazis in Europa ihre Brandreden. Das sind gute Rhetoriker, junge Menschen werden hier regelrecht indoktriniert und niemand tut etwas dagegen!“

„Information und Austausch“

Davon, was man bei den Nibelungen Bregenz unter Bildungsveranstaltungen versteht, zeichnet Markus Neubacher jedoch ein anderes Bild und gibt einen Einblick in die Themen: „Wir sehen es nicht als unseren Vereinszweck politische oder gar parteipolitische Veranstaltungen durchzuführen. Unter Bildungsveranstaltungen verstehen wir Vorträge und Veranstaltungen, in denen wir uns über wissenschaftliche Fachgebiete, sowie Themen aus dem Berufsleben gegenseitig informieren und austauschen. Vortragende werden nach ihrer Fachkompetenz zum jeweiligen Thema angefragt. In den letzten Jahren waren hier Themen wie Werkstoffkunde, Luft- und Raumfahrttechnik, Bereiche des Gesundheitswesens und des Bankwesens auf unseren Veranstaltungen am Programm. Auch privaten Erlebnissen von Reisen und Arbeiten in fernen Ländern und dem Austausch mit anderen Kulturkreisen widmeten wir Vorträge.“

Pennalverbindungen in Vorarlberg
Pennalverbindungen in Vorarlberg ©W&W

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Haben schlagende Verbindungen Tradition in Vorarlberg?

„In Dornbirn wurde von Realschülern 1902 die deutsch-völkische ,Germania‘ mit dem Waffenspruch ,Das Schwert, der Rächer der Ehre!‘ gegründet, aus der 1908 die heute noch bestehende schlagende „Pennalverbindung Alemannia“ hervorging. Neben den Bregenzer ,Nibelungen‘ das Herzstück des ,Vorarlberger Waffenringes‘. In den Dreißigerjahren sind diese ,völkischen‘ Burschenschafter dann in der NSDAP zu finden.“

Welche Grundsätze pflegen diese PV?

„In ihnen soll seit über einem Jahrhundert der Nachwuchs dieses Gedankengutes, die ,Elite‘ des Deutschtums, der deutschen ,Kulturnation‘ herangezüchtet werden. Vom Fux über den Bursch bis zum Alten Herrn, der gesellschaftlichen Einfluss nimmt.“

Werden diese Traditionen heute gepflegt?

„Das Layout im Auftritt der Verbindungen ist perfekter geworden, das Gedankengut, das hier eingetrichtert wird, schaut jedoch zum Teil recht alt aus. Styling und Inhalt driften oft auseinander, moderne Technik wird zur Verbreitung rückwärtsgewandter Ideologien benutzt. Offener und verdeckter Rassismus wird wieder salonfähig und geistert irrlichternd durch eine Gegenwart, die mit der unsäglichen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts so schlecht umzugehen weiß.“

Zur Person – Hans-Henning Scharsach

Hans-Henning Scharsach war in den 70er-Jahren Landes- und Innenpolitik-Ressortleiter der VN und später Chefredakteur der Neuen Vorarlberger Tageszeitung. Der Experte für Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Neonazismus moderierte 15 Jahre lang die Zeitzeugengespräche zum Jahrestag des Novemberpogroms im Wiener Volkstheater. Zu seinen Büchern zählen die Bestseller „Haiders Kampf“, „Haiders Clan“, „Europas Populisten“, „Die Ärzte der Nazis“ und „Strache – Im braunen Sumpf“. Foto: Verlag Kremayr &

Studentisches Fechten: „Mensur“

Die „Mensur“ ist ein studentischer Fechtkampf, nach strengen Regeln, mit scharfen Waffen. Im Gegensatz zu Hochschul-Burschenschaften fechten Mittelschul-Pennalien auf den freigelegten Oberarm, nicht auf das Gesicht. Daher stammen die „Schmiss“ genannten Narben.

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