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So erging es jugoslawischen Gastarbeitern in Vorarlberg: Teil zwei

Gastarbeiter waren in den 1970ern in Vorarlberg gern gesehene Verstärkung.
Gastarbeiter waren in den 1970ern in Vorarlberg gern gesehene Verstärkung. ©vorarlberg museum
Vor 50 Jahren unterzeichneten Österreich und Jugoslawien das Anwerbeabkommen, um Gastarbeiter für die boomende Wirtschaft zu gewinnen. Diesen Sonntag widmet das Vorarlberg Museum dem Vertrag einen Thementag - und führte Interviews mit Zeitzeugen über ihre Erlebnisse. Drei davon lesen Sie heute auf VOL.AT.
Jugoslawische Gastarbeiter in Vorarlberg

Als 26-jähriger kam der gebürtige Bosnier 1989 nach Österreic, um als Maurer zu arbeiten. Er wurde zwar in Bosnien geboren, hat aber in Slowenien seine Lehre gemacht und auch seinen Beruf ausgeübt. Er hat beiläufig von einigen Menschen gehört, die sich auf den Weg nach Bludenz gemacht haben um eine Arbeit zu suchen. Er tat es ihnen gleich, ohne jegliche Kontakte gehabt zu haben – kaufte sich ein Zugticket bis nach Bludenz, stieg allein am Bahnhof aus und begab sich auf die Arbeitssuche. Heute lebt er immer noch in Bludenz, arbeitet als Maurer (5 Jahre bis zur Pension), ist verheiratet und hat drei Kinder. Das Interview führte Elmar Hasovic für den Thementag des Vorarlberg Museums.

Sie sagen, dass Sie ein Rückfahrticket gekauft haben. Sie hatten also vor zurückzukehren?

Nur wenn mein Plan nicht gelingt. Ich habe schon geplant zurückzukehren, aber irgendwie auch nicht. Das habe ich so gekauft, weil man es so machen musste. Ich habe gehört, dass man ein Rückfahrticket kaufen musste um nicht verdächtig zu wirken. Und im Zug, soweit ich mich verständigen konnte, habe ich dem Schaffner gesagt, dass er mich in Bludenz aufwecken soll. Ich bin eingeschlafen und bin in Braz aufgewacht, wahrscheinlich hatte mich der Schaffner geweckt und gesagt, dass nun Bludenz kommt. Und als ich an diesem ersten August 1989 ausgestiegen bin, gab es Schnee schon auf siebenhundert Meter Höhe. Mich hatte das so überrascht. Ich bin dann zum ersten Mal durch Bludenz gelaufen. Weil ich schon in Ljubljana meine Lehre gemacht hatte, war das nicht das erste Mal, dass ich weg von zu Hause bin, das war ja für mich schon Ausland. Weil ich wusste wie man arbeitet, habe ich mich entschieden von Baustelle zu Baustelle zu gehen. Und ich habe dann mit Glück, als ich durch die Stadt gelaufen bin, aus einem Haus unsere Volksmusik gehört. Ein Mädchen war auf der Treppe staubsaugen. Und ich habe mich an sie gewandt. Und sie hat mir dann gesagt, dass es hier einen Slowenen gibt, Lepenik, Dolmetscher, und ich kam ja aus Slowenien und das war faktisch wie meine Muttersprache. Und so habe ich gleich am ersten Tag eine Arbeit gefunden. So war das. Aber ich war nicht zufrieden damit, weil das irgendwie alles so leicht ging. Und dann bin ich weiter zu anderen Firmen. Und dabei habe ich fast die eine Arbeit verloren. Am siebzehnten Tag habe ich angefangen zu arbeiten und arbeite bis heute. Später habe ich meinen Bruder und meinen Nachbarn in diese Firma reingebracht. 1991 habe ich auch den zweiten Bruder reingebracht. Und dann habe ich die Frau und das Kind hergeholt.

Sie sagten, dass Sie die Frau und das Kind hergeholt haben. Also hatten Sie bereits eine Frau und ein Kind unten?

Ich hatte schon eine Frau und ein Kind unten.

Wie alt waren Sie zu der Zeit?

Ich war 27 Jahre alt. Und die Frau war unten geblieben mit ihren 22 Jahren und einem einjährigen Kind. Ich habe gesagt, dass ich nicht zurückkomme bevor ich ein Visum bekomme. Und ich hatte niemanden in Österreich. Allein aufgrund meiner Lehre, meines Berufs, habe ich mich entschieden das zu bewältigen. Und im ersten Monat habe ich mit 70 Schilling angefangen, aber schon im zweiten Monat waren es 1.988. Ich war aufgrund meiner Arbeit sicher, dass ich es schaffen werde. Und ich wollte ein bisschen besser leben, ein normales Leben haben, ich wollte nichts Großes. Ich hatte in Jugoslawien nichts Schlechtes. Es war nur der Wunsch etwas besser zu leben, ein gutes Auto zu haben, eine gute Wohnung, ein gutes Haus. Ein bisschen zu leben. In der Zwischenzeit kamen noch zwei Kinder hier auf die Welt. Alle Kinder arbeiten. Eine arbeitet in der Schweiz. Eine arbeite in Götzis und der Kleine macht eine Lehre beim Finanzamt in Feldkirch.

Das heißt Sie kannten hier absolut niemanden als Sie hergekommen sind.

Niemanden, niemanden.

Und wer hat Ihnen genau unten gesagt, dass mit der Arbeit?

Ich habe das auf der Straße gehört. Ich habe mit einigen Freunden am Haus von einem Freund gearbeitet. Und dieser Cousin von mir, er hat da mitgemacht, hat mir gesagt, dass er einige Leute nach Ljubljana begleiten muss, weil die einen Kurs, Diplom, machen wollten, damit sie arbeiten gehen können. Und dann habe ich nur geschafft sie zu fragen wohin sie gehen. Er hat Bludenz gesagt und ich bin dann aufgrund dessen… Aber ich habe in all dieser Eile mein Diplom vergessen. Ich bin aus Zagreb wieder zurück nach Hause gefahren. Am 30. Juli bin ich zurück nach Hause, um das Diplom zu holen und dann bin ich weiter. Denn ohne Diplom musste man hier etwas bezahlen, ich weiß nicht mehr, die wollten glaub` ich 500 Mark, aber ich hatte mein Diplom, welches ich in Ljubljana gemacht habe.

Und haben Sie unten gearbeitet bevor Sie nach Österreich gekommen sind?

Ja, ich hatte meine Arbeit in Ljubljana. Da habe ich auch als Maurer gearbeitet. Und es war okay. Nur war es nicht so gut bezahlt. Ich habe dann bei anderen gesehen, dass das Leben im Westen besser ist und dann habe ich mich so entschieden. Ich wusste es, dass ich es aufgrund meiner Arbeit schaffen werde. Und heute habe ich ein eigenes Haus in Bosnien. Ein eigenes Stück Land habe ich unten. Und hier habe ich eine Eigentumswohnung. Die Kinder haben den Muttersprachunterricht besucht, den Religionsunterricht.

Wo haben Sie in dieser ersten Zeit gewohnt?

Ja nun, gute Frage, gute Frage. Ich habe einige Bilder dabei gehabt von einer Baustelle am Meer. Dort habe ich Häuser für Slowenen gebaut. Adria, Adriatisches Meer. Und diese Bilder von der Arbeit hatte ich bei mir, um sie auf der Baustelle hier zu zeigen, weil ich kein Deutsch gesprochen habe. Und mit diesen Bildern bin ich zu einer Baustelle hier, Brücke V50, und die haben mir irgendetwas erzählt was ich nicht verstanden habe. Und dann hat mich einer zu einer Firma gefahren in der unsere Leute gearbeitet haben. Und da habe ich bei einem Slowenen sieben Tage lang schlafen können bis ich eine eigene Wohnung gefunden habe. Und sie haben mich da aufgenommen. Manche waren skeptisch und andere haben mich akzeptiert. Da habe ich einige aus meinem Heimatbezirk kennengelernt. Und für sieben Tage hatte ich 7.000 Schilling oder 1.000 Mark, eigenes Geld welches ich mitgebracht habe und das war schon langsam verbraucht. 5.000 Schilling habe ich schon davor verbraucht, für die Reise und so, und 2.000 Schilling sind mir geblieben, sodass ich damit eine Wohnung in Stallehr bezahlen konnte. Und da habe ich auch schon eine Arbeit bekommen und habe angefangen zu arbeiten. Aber in diesen ersten sieben Tagen war es schwer für mich. Ich kannte niemanden aber ich hatte gespürt, dass ich eine Arbeit bekommen werde und dann war mir egal was man über mich denkt. Ich habe gewusst, dass alles gut wird und dass ich es schaffen werde, mit Hilfe meines Berufs, denn ich war ein guter Handwerker.

Sie haben ja sehr schnell eine Arbeit bekommen. Was denken Sie, warum ging das so leicht zu dieser Zeit?

Es ging nicht leicht. Das war Schicksal oder wie man so sagt, dass ich dieses Mädchen getroffen habe, und sie mir von diesem Lepenik erzählt hat, der Dolmetscher in Bludenz war. Und er hat mich dann gleich zu dieser kleinen Firma geschickt. Sodass, das dann gleich funktioniert hat. Er hatte ein Kontingent beim Arbeitsamt, um Leute aufzunehmen, weil diese Firma schlecht bezahlte und keiner dort arbeiten wollte. So habe ich da drei Jahre lang gearbeitet. Dann ist der Chef krank geworden und mein Herz hat nicht zugelassen, dass ich diese Firma verlasse, weil er später einen Bruder von mir eingestellt hatte, einen Nachbar, dann auch den zweiten Bruder, und das obwohl sie keine Fachmänner, keine Facharbeiter waren, so wie ich. Und dann hat er Krebs bekommen und ich bin bis zum letzten Tag in dieser Firma geblieben.

Was war der Unterschied zwischen den Arbeitsverhältnissen in Slowenien und hier in Österreich? War es schwerer hier zu arbeiten oder unten?

Es war ein großer Unterschied. Wir hatten in Slowenien das kommunistische System und es wurde auf der Baustelle zuerst eine Baracke für die Arbeiter errichtet, wo sie baden konnten, wo sie auf das WC gehen konnten. Es gab eine Putzfrau, die hat das erhalten, die hat geputzt.

Also war es hier schwerer zu arbeiten und die Arbeitsverhältnisse waren schlechter als in Slowenien, aber hier war dafür der Lohn höher.

Ja, Logistik und so. Wie soll ich das erklären. Oder war das deswegen, weil ich hier in einer kleineren Firma gearbeitet habe. Eine kleinere Firma und unten hatte meine Firma 13.000 Leute. Und es ist normal, dass das anders ist. Wir haben Häuser mit sieben Stockwerken gebaut und hier einfache Häuser, das ist normal irgendwie. Aber später hatten wir hier mit der Zeit auch ein Mittagessen. Aber am Anfang gab es so etwas nicht und das war für mich irgendwie, ja, und es hat mich gestört wenn man „Jugo“ zu mir sagte, das hat mich in den ersten Jahren gestört. Meine Mentalität wurde in diesem System erzogen und du kannst da nicht auf einmal, wenn jemand so etwas…

Geringschätzt.

Geringschätzt, ja, und ich weiß, wie ich gelebt habe. Aber es war, ich komme aus einer armen Familie und für mich war es in Slowenien auch gut. Aber als ich hergekommen bin, habe mich dann gefunden, meine Richtung und mein Leben.

Um wieviel war der Lohn höher? War hier der Lohn doppelt so hoch oder dreimal so hoch wie in Slowenien oder wie?

Es war doppelt so hoch.

Haben Sie auch mit Österreichern Ihre Freizeit verbracht am Anfang oder nur mit unseren Leuten und ist das bis heute so geblieben?

Nun, die Frau, die Frau und die Kinder hatten mehr mit Österreichern zu tun. Und natürlich verbringen wir auch mit ihnen Freizeit, ich sagte, dass ich in Vandans Fußball gespielt habe. Das heißt, dass ich mit ihnen was gemacht habe. Und heute bin ich faktisch mehr mit Österreichern, als mit unseren, weil die Kinder verbindet das, die Kinder haben ihre Freunde. Und so ist es halb-halb. Ich bin früher überall hingefahren, auch nach Serbien, noch in dem alten System. Und dann kamen die Kinder und ich habe mich ein wenig zurückgezogen. Und dann ist da die Arbeit, man hat nicht mehr diesen Wunsch auszugehen in der Nacht, weil man am nächsten Tag arbeiten muss. Die Frau ist nach mir gekommen, aber sie hat mehr mit Österreichern zu tun gehabt und hat auch die Sprache darum besser gelernt. Bei mir ist das mehr baustellenmäßig. Und auf der Baustelle gibt es unsere Leute und Österreicher, sodass wir normal kommunizieren. Und wir helfen uns gegenseitig, auch früher war das so. Ich bin mit meinem Geschäftsführer zur Feuerwehr in Vandans, habe einen Tag gratis mitgeholfen. Man geht zur Feuerwehr in Tschagguns, in Schruns. Auch wenn jemand zu Hause Hilfe braucht, weil er aus der Firma ist.

Haben Sie unten investiert? Haben Sie ein Haus oder irgendetwas gebaut? Sie haben etwas erwähnt.

Ich habe mir ein komplettes Haus unten gebaut.

Vor oder nach dem Krieg?

Nach dem Krieg. Ich habe meins zurechtgeschustert und auch eins für meinen Cousin gebaut. Und ich wollte das mit meinen Verwandten machen, habe gedacht, dass sie mitmachen, aber schlussendlich habe ich die größte Last getragen. Und ich habe immer, ich habe Schwestern und ich helfe immer irgendjemanden unten, wenn ich unten bin. Wir fahren oft nach Bosnien. Auch eine Straße haben wir in unserem Dorf gebaut aber alles was unten geschieht, bezahlen wir aus unserer Tasche. Der Staat ein wenig, aber größtenteils wir Gastarbeiter.

Haben Sie jemals vor zurückzukehren?

Sicherlich habe ich vor zurückzukehren. Meine Wünsche gehen in diese Richtung. Aber wenn ich sehe was mit den Anderen passiert, befürchte ich, dass es bei mir auch so sein wird. Weil ich sehe wie alle warten, dass sie in Rente kommen, aber ich sehe sie alle noch hier. Und alle haben davor geredet, so wie ich das jetzt auch sage, dass ich zurückkehren werde, weil ich unten ein Haus habe, alles habe. Wie es aber sein wird bin ich mir nicht sicher. Das ist mein Wunsch. Aber wenn ich in fünf Jahren in der Rente bin, muss die Frau noch fünf Jahre arbeiten. Man muss dann warten, man kann nicht allein runtergehen. Das ist eine schwere Frage.

Haben Sie die österreichische Staatsbürgerschaft?

Das habe ich. Ich habe sie genommen, weil ich in Vorarlberg damals sonst keine Wohnung hätte kaufen können. Und sobald ich die Staatsbürgerschaft bekommen habe, habe ich 2007 gleich eine Wohnung gekauft. Die Kinder haben sie automatisch mit mir bekommen und die Frau hat die bosnische behalten, weil wir unten ein Haus haben, weil wir unten ein Stück Land haben.

Was würden Sie in Ihrer Wohnung als typisch bosnisch bezeichnen? Gibt es hier etwas was man in österreichischen Häusern nicht finden könnte? Gibt es hier etwas?

Das kann ich dir nicht sagen, für mich schaut das alles gleich aus. Für mich schaut das alles gleich aus, ja. Also wenn es etwas gibt dann vielleicht den Unterschied was die Bücher anbelangt. Vielleicht irgendein Buch.

Sie haben einen Koran.

Ja, ich habe zum Beispiel das Koranbuch. Das ist das Einzige. Etwas anderes sehe ich nicht.

Thementag im Vorarlberg Museum

Die boomende österreichische Wirtschaft benötigte nach dem Zweiten Weltkrieg dringend Arbeitskräfte. 1966 wurde mit Jugoslawien ein Anwerbeabkommen abgeschlossen. Viele junge Frauen und Männer zogen nach Vorarlberg, um in der Textilindustrie und in anderen Branchen zu arbeiten. Ein Thementag ist der Bedeutung der Arbeitsmigration aus dem ehemaligen Jugoslawien und damit einem wenig beachteten Kapitel der jüngeren Landesgeschichte gewidmet. Zuwanderer und ihre Nachfahren sprechen über Vergangenheit und Gegenwart, Ankunft und Herkunft, Rück- und Wiederkehr. Vereine präsentieren sich und das vielfältige kulturelle Leben der ehemaligen „Gastarbeiter“ in ihrer zweiten Heimat. Ein Tag mit Musik, Literatur, Kunst und Kulinarik.

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