„Sie übten auf Kürbissen“

Sie ist Künstlerin, Start-up-Mitbegründerin und Designerin mit einem sprichwörtlichen Hang zur „nackten“ Haut. Die gebürtige Fußacherin „Maui“ Maroua Meherzi über ihre Leidenschaft fürs Tätowieren, ­Entscheidungen für die Ewigkeit und andere tierische Porträts.

Hunde, Menschen oder Wölfe? – „Maui“ ist auf fotorealistische Motive spezialisiert und hat vor vielen Jahren dem „Ländle“ den Rücken gekehrt, um in Wien ihren großen Traum von einer Karriere als Tätowiererin zu leben. Am Ende folgten zwei Brüder ihrem Vorbild. Zusammen gründeten sie das OpusMagnum Tattoo-Studio. Auch heute noch ­arbeitet die Animal-Rights-Akti­vistin dort.

Ihr seid fünf Geschwister. Wie kam es dazu, dass drei davon das Ländle verlassen haben, um in Wien gemeinsam ein Tattoo-Studio zu eröffnen?

Im Jahr 2005 arbeitete ich in Dornbirn in einer Werbeagentur als Mediendesignerin. Im Freundeskreis wurde ich oft beauftragt, Tattoos zu gestalten, die dann von einem Artist umgesetzt wurden. Bald entstand der Wunsch, die Designs nicht nur zu entwerfen, sondern sie auch auf die Haut zu bringen. Da die Anzahl an Studios im „Ländle“ zum damaligen Zeitpunkt sehr überschaubar war und ich von allen eine Absage für einen Ausbildungsplatz erhielt, war klar, dass ich, um mir diesen Traum zu erfüllen, Vorarlberg verlassen muss. Also kündigte ich bei der Werbeagentur und ging zwei Jahre nach Linz, um dort eine Ausbildung zu absolvieren. Bei meinen Heimatbesuchen waren meine Brüder Fani und Amin immer sehr interessiert. Sie waren zwar noch Kinder, wollten aber schon alles über das Tätowieren wissen und übten auf Kürbissen. Ganz schnell war klar, dass sie unbedingt auch Tätowierer werden wollten.

Als für mich feststand, dass ich mich auf Fotorealismus spezialisieren möchte, ging ich nach Wien. Die Vielfalt an Tattookünstlern:innen in dieser Stadt war damals schon beeindruckend. Meine Brüder folgten mir und so arbeiteten wir zunächst zusammen, dann wieder getrennt in verschiedenen Tattoo-Studios, bis wir gemeinsam das OpusMagnum in Ottakring eröffneten (lateinisch übersetzt: „Eines Künstlers bestes Werk“). Inzwischen hat sich viel getan: Das OpusMagnum ist umgezogen, gewachsen und wird jetzt von meinem Bruder Amin alleine geführt. Fani hat inzwischen, mit zwei weiteren Artists, das FinSeven Tattoo-Studio im 7. Bezirk eröffnet. Selbst tätowiere ich nach wie vor, wenn auch etwas weniger als früher, weil ich mit meinem Freund Georg das Blackgold Start-up gegründet und eine kabellose Tätowiermaschine entwickelt habe – sozusagen „Made in Austria“, technische Umsetzung und Zusammenbau in Vorarlberg.

Hat jeder eine andere künstlerische Stärke? Bei meinen Brüdern und mir hat sich schnell gezeigt, dass uns Fotorealismus am meisten liegt. Als Vorlage werden in der Regel Fotografien verwendet, die wir mit Hilfe von Bildbearbeitungsprogrammen in geeignete Tattoomotive umwandeln. Mein Lieblings-Themen sind Natur, Menschen und Tiere. Die häufigsten Anfragen, die ich persönlich bekomme, sind Hunde, Katzen, Löwen, Wölfe und Tiger. Als Animal-Rights-Aktivistin freue ich mich aber ganz besonders darüber, Tiere ins Rampenlicht zu rücken, die der Mensch zu sogenannte Nutztieren degradiert hat. Wie wäre es mit einem hübschen Schweinchen, einem Esel oder einem Schaf?

Hast Du schon einmal jemanden abgelehnt, weil der Tattoo-Wunsch zu krass war?

Ich lehne alles ab, was mir persönlich nicht gefällt. Es ist wichtig, das Motiv gerne zu tätowieren, damit es richtig schön wird. Im Studioalltag sieht und hört man natürlich allerhand lustige Ideen, die einen schmunzeln lassen.

Gibt es bei Dir auch mal einen Tag, an dem Du besser nicht stechen solltest, weil z. B. irgendetwas Privates vorgefallen ist und Du unkonzentriert bist?

Tätowieren kann ich so gut wie immer. Was mir tatsächlich schwer fällt, wenn ich nicht so gut drauf bin, ist das Planen von Tattoos. Da kommt es schon vor, dass das Design einfach nicht gelingen will und am nächsten Tag läuft es wie von Zauberhand.

Ärzte und Tätowierer sind die einzige Berufsgruppe, die den Körper eines Menschen nachhaltig legal verändern. Was ist das für ein Gefühl?

Sehr dankbar bin ich für das Vertrauen, das mir die Menschen entgegenbringen. Als Tätowierer:in muss man sich dessen bewusst sein und verantwortungsvoll damit umgehen. Wir Menschen müssen heutzutage nur noch selten Entscheidungen für das Leben treffen. Das ist meiner Meinung nach auch der Reiz beim Tätowieren – eine Entscheidung zu treffen, die für die Ewigkeit ist und sich der Tragweite der Konsequenzen voll bewusst sein. Neben Tattoos gibt es nicht vieles, was man garantiert für immer hat. Daher ist es ein schönes Gefühl, wenn man für so etwas Unwiderrufliches als Künstler auserwählt wird.

Welche Persönlichkeit würdest Du gerne tätowieren?

Bis vor Kurzem hätte ich gesagt, die inzwischen ehemalige Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger. Mit ihr hätte ich gerne ein paar Stunden zusammengesessen und geplaudert, unter anderem über die furchtbaren Zustände in der österreichischen Massentierhaltung. Gerne hätte ich sie gefragt, warum sie hier keine Verbesserungen ­zulässt. Vielleicht möchte der neue Landwirtschaftsminister Mag. Norbert Totschnig für ein Tattoo bei uns vorbeischauen?

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