Shoah-Namensmauer wurde in Wien feierlich eröffnet

Kurt Yakov Tutter initiierte die Namensmauer
Kurt Yakov Tutter initiierte die Namensmauer ©APA/HELMUT FOHRINGER
In Wien wurde am Dienstag im Rahmen einer feierlichen Zeremonie ein Mahnmal seiner Bestimmung übergeben, das an eines der größten Verbrechen der Geschichte erinnert: Die Shoah-Namensmauer. Auf 160 Steinelementen sind dort die Namen von 64.440 in der NS-Zeit ermordeten österreichischen Jüdinnen und Juden eingemeißelt. Initiiert wurde Projekt vom Holocaust-Überlebenden Kurt Yakov Tutter. Er hat sich jahrelang dafür eingesetzt, dass das Vorhaben realisiert wird.

Tutter floh als Bub nach Belgien und überlebte so die Shoah - anders als seine Eltern, die in Brüssel festgenommen, deportiert und umgebracht wurde. Später emigrierte er nach Kanada. Lange Zeit erntete er mit seinem Projekt zwar prinzipiell wohlwollende Unterstützung, konkrete Schritte blieben jedoch aus. Völlig offen war zunächst die Finanzierung, genauso wie der Ort, an dem die Mauer umgesetzt werden könnte. Ein entscheidender Schritt erfolgte 2018, als sowohl der Bund als auch die Stadt Unterstützung zusagten. Letztendlich beteiligten sich alle Bundesländer. Auch private Sponsoren ermöglichten den Bau der mehr als 5 Mio. Euro teuren Gedenkstätte.

Realisiert wurde das Shoah-Mahnmal nun im Ostarrichi-Park im Bezirk Alsergrund, einer Grünfläche vor der Österreichischen Nationalbank neben dem Alten AKH. Die Anlage sieht in ovaler Anordnung mehrere Steinmauern vor, in der die Namen eingraviert wurden. Sie entstammen der Opferdatenbank des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW). Die 160 Mauerteile wurden aus einem Stein namens "Kashmir Gold" gefertigt - ein sandsteinfarbiger Granit.

Geraume Zeit musste Tutter auch um diesen Standort zittern. Denn sowohl der Stadt als auch der Nationalbank gehören je ein Teil des Areals. Im Rathaus hatte man zudem auf statische Fragen aufmerksam gemacht - nicht zuletzt etwa durch den U5-Bau, der dort in der Nähe inzwischen in vollem Gange ist. Diskutiert wurde zuletzt auch darüber, ob nicht auch andere Opfergruppen - etwa Roma und Sinti - erwähnt werden sollen. Zuletzt berichtete der "Standard" auch davon, dass eine Firma, die am Bau beteiligt war, während der NS-Zeit jüdische Zwangsarbeiter beschäftigt haben soll.

Letztendlich wurde das Projekt aber in der gewünschten Form realisiert. Der Initiator hob in seiner Rede bei der Eröffnung hervor, dass inzwischen viele Menschen in Österreich an einer Aufarbeitung der Vergangenheit interessiert seien. Das sei lange Zeit nicht so gewesen, betonte er. Auch hätten viele in diesem Land die jüdischen Mitbürger ausgeliefert - gut bezahlt mit Wohnungen, Möbeln und Kunstwerken. "Was man von seinem Nächsten begehrt hatte, wurde zum Rauben verfügbar."

Auch das kleine Spiel- und Schulwarengeschäft seiner Eltern sei arisiert worden, berichtete Tutter. "Auf der Gasse wurden wir von unseren österreichischen Brüdern und Schwestern verhöhnt, angespuckt und geschändet." Zahlreiche Landsleute seien den Deportierten auch in Wehrmachtsuniform nachgereist, um sie zu erschießen oder in den Vernichtungslagern zu ermorden.

Nach dem Krieg hätten viele Juden in der einst geliebten Heimat keine Einsicht erlebt. "Anstatt Reue fanden wir eher Groll, dass der Raubzug zu Ende war." Man sei in Österreich lange Zeit damit beschäftigt gewesen, die Gräueltaten zu verschleiern. Nun sei den fast 65.000 jüdischen Kindern, Frauen und Männern deren Namen und deren Würde zurückgegeben worden. "Möge es Frieden bringen in den Herzen."

Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) erinnerte daran, dass einst 210.000 Jüdinnen und Juden in Österreich lebten. Nach 1945 seien es nur mehr wenige Tausend gewesen. "Blinder Hass, Neid, Herrenmenschendünkel und ein jahrhundertelang tradierter Antisemitismus brachen ab März 1938 über unsere jüdische Mitmenschen herein." Vielen sei die Flucht nicht gelungen.

"Sie wurden deportiert, verhungerten in Ghettos, wurden in Wäldern erschossen oder in Vernichtungslagern bestialisch ermordet und zugrunde gerichtet", sagte Schallenberg. Hinter jedem der Namen auf der Mauer stehe ein Mensch, der Träume und Lebenspläne gehabt habe, "der geliebt hat und der geliebt wurde".

Auch der Kanzler verhehlte nicht, dass sich Österreich zu lange als Opfer gesehen habe. Man sei sich erst spät der historischen Verantwortung bewusst geworden. Mit der Namensmauer werde ein sichtbares Zeichen auch für nachfolgende Generationen gesetzt, dass man sich zum dunkelsten Kapitel der Geschichte bekenne. Aus einem "niemals vergessen" müsse ein "niemals wieder" werden.

Man müsse Opfer und Angehörigen die Hand reichen - was etwa mit der Möglichkeit getan wurde, Nachkommen die österreichische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Diese sei schon von 6.000 Menschen genutzt worden. Es gebe die Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederhole. Die Verantwortung umfasse auch Verantwortung für Israel und dessen Sicherheit, fügte der Regierungschef hinzu.

Schallenberg erinnerte daran, dass sein Vorgänger Sebastian Kurz (ÖVP) 2018 den "klaren Beschluss" gefasst hatte, die Idee in die Tat umzusetzen - und dass damals festgelegt worden sei, dass der Bund den Großteil der Kosten übernehmen werde. Die Entscheidung sei seither von allen Parteien und auch den Länder mitgetragen worden.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) erinnerte an die kürzlich erfolgte Eröffnung der österreichischen Ausstellung in Auschwitz. Man sei dort gewesen, wo das Morden begonnen habe. Nun gedenke man an dem Ort, "von dem das Morden ausging". Auch er hob hervor, dass Kurt Tutter viele Jahre lang die Gedenkstätte eingefordert habe. "Als Enkel eines Nationalsozialisten danke ich ihnen ganz besonders."

Nachman Shai, der israelische Minister für Diaspora-Angelegenheiten, berichtete davon, dass auch er Vorfahren im Holocaust verloren habe. Und er verwies auf Theodor Herzl, der sich für die Schaffung eines jüdischen Staates eingesetzt habe. Seine Hoffnung, dass damit der Antisemitismus Geschichte sei, habe sich jedoch nicht bestätigt. Es sei darum, so zeigte er sich überzeugt, die Verantwortung aller, weltweit den Antisemitismus zurückzudrängen.

Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) hob hervor, dass die Zeitzeugen zusehends abhandenkommen würden. Die Mauer diene dazu, jenen Gedächtnismord zuverhindern, den die Nationalsozialisten zum Ziel gehabt hätten. Sie würdigte den Ideengeber mit einem Zitat der Schriftstellerin Ilse Aichinger, deren Angehörige ebenfalls ermordet wurden: "Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren."

Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, kritisierte ebenfalls die "Lebenslüge" vieler, wonach Österreich das erste Opfer gewesen sei. "Das hörten unsere Eltern und Großeltern beinahe täglich." Dabei habe es hier viele Opfer gegeben, nicht nur jüdische Mitbürger, auch behinderte Menschen, Homosexuelle oder Roma und Sintis seien verfolgt worden. "Unfassbar" viele hätten in Österreich ihre Nachbarn der Mordmaschinerie ausgeliefert.

Nun habe sich das Land jedoch auf den "Pfad der Aufrichtigkeit" begeben. "Diese Gedenkstätte ist ein Meilenstein". Die Dimension des "größten Menschheitsverbrechens" verdeutlichte Deutsch auch mit einem Rechenbeispiel. Würde für jedes Opfer eine Gedenkminute eingelegt, "dann würde bis Jahresende absolute Stille herrschen".

Bundespräsident Alexander Van der Bellen konnte bei der Zeremonie nicht wie geplant dabei sein. Er befindet sind im Homeoffice, da eine Mitarbeiterin positiv auf Corona getestet wurde. Via Twitter hob er jedoch hervor, dass mit der Namensmauer ein wichtiger Ort der Erinnerung seiner Bestimmung übergeben werde. Den Ermordeten werde ihre Identität zurückgegeben, die ihnen von den Nationalsozialisten geraubt worden sei. "Und sie erinnern uns daran, wo immer wir Antisemitismus begegnen, unsere Stimme zu erheben."

Bei der Zeremonie - durch die Hannah Lessing, die Generalsekretärin des Nationalfonds, führte - wurden auch Gedichte, Gebete und religiöse Texte vorgetragen. Auch wurden die Schofar, ein traditionelles Horn-Blasinstrument, geblasen und hebräische Lieder intoniert. Erinnert wurde auch an einzelne Opfer wie etwa den Librettisten und Schriftsteller Fritz Löhner-Beda. Zum Abschluss der feierlichen Eröffnung entzündeten Kinder Kerzen an den Mauerteilen.

(APA)

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