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„Sexualität sollte nirgends ein Tabu sein!“

Sexualkundeunterricht in der Volksschule
Sexualkundeunterricht in der Volksschule ©Bilderbox
Aufklärung in der 4. Klasse Volksschule? Definitiv Ja, sagen Experten. Eltern stehen diesem Thema aber oftmals sehr kritisch gegenüber. WANN & WO hat mit beiden Seiten gesprochen.

Wie sinnvoll ist Aufklärung für 9- bis 10-Jährige? Welche Inhalte werden meinem Kind wie vermittelt? Mit diesen Fragen sind oftmals Ängste verbunden. Sexualität ist für viele Erwachsene leider immer noch ein Tabu-Thema. Wie sollen Kinder dann erst lernen, offen darüber zu sprechen? Genau an diesem Punkt knüpfen die beiden ausgebildeten Sexualpädagogen Peter und Brunhilde Mayrhofer – übrigens beide auch Lehrer – gemeinsam an.

„Liebe, Körper, Sexualität“

Rund 30 Volksschulen, 50 Klassen in ganz Vorarl­berg betreuen beide seit nun zehn Jahren. Ihr Projekt nennt sich „Liebe, Körper, Sexualität“. „Ganz wichtig ist zu allererst: Es geht hierbei nicht um die Sexualität der Erwachsenen. Was wir den Kindern vermitteln, ist, dass man über Sexualität und seinen eigenen Körper sprechen darf. Wir erklären den Kindern, was in der Pubertät passiert und leisten vor allem auch Präventionsarbeit in Bezug auf sexuellen Missbrauch“, erklärt Peter Mayrhofer. In drei Stunden erklären die Sexualpädagogen den Kindern die Entstehung eines Babys, die Pubertät (geschlechtsgetrennt) und sprechen über die eigenen Gefühle, sodass Kinder auch ihre eigenen Grenzen kennenlernen und zu diesen stehen. Wichtiges Thema ist aber auch die Sprache der Sexualität. „Viele Kinder haben ein Schamgefühl, wenn sie die Geschlechtsorgane mit Penis und Scheide benennen sollen! Der Ursprung liegt hier oft in der Erziehung. Denn wenn sich Mama und Papa nicht einmal trauen, die Dinge beim Namen zu nennen, wie soll dann ein Kind lernen, dass Sexualität kein Tabu-Thema ist? Stattdessen werden oft Wörter wie ‚Pipi‘, ‚Mumu‘, etc. benutzt. Führt man das Erwachsenen vor Augen, sind sie oft selbst erstaunt“, weiß Brunhilde Mayrhofer. Eltern fühlen sich in puncto Aufklärung oft sehr hilflos bzw. unwissend, wissen nicht, wie sie dem Kind Sexualität erklären sollen. Hier ist es wichtig, den Wissenstand des Nachwuchses zu erfragen.

Weder Fotos noch Filme

Doch nicht nur damit haben Eltern ein Problem. Eine große Angst ist auch, dass Kinder durch zu frühe Aufklärung auf falsche Wege gebracht werden könnten, das Gelernte in die Tat umsetzen wollen. Studien belegen aber das Gegenteil, wenn diese fachgerecht erfolgt, so der Sexualpädagoge. Im Unterricht des Ehepaares werden weder Fotos, noch Filme oder Sexspielzeuge gezeigt. Stattdessen wird mit kindgerechten Zeichnungen und eigens dafür vorgesehenen Modellen gearbeitet. Ein wichtiger Türöffner zur Aufklärung von Kindern sind auch Bücher und Zeitschriften wie „Bravo“, hinter denen seriöse Sexualpädagogen stehen. Diese sollten für Kinder einfach zur Verfügung stehen.

Kein Tabu-Thema

Um Ängste und kritische Fragen vorher schon aus dem Weg zu räumen, gibt es übrigens Elternabende, an denen diese exakt über den Ablauf informiert werden. Danach kann man immer noch selbst entscheiden, ob sein Kind den Unterricht besuchen soll oder nicht. „Das ist uns in den zehn Jahren aber noch keine zweimal passiert. Es ist auch wichtig, dass alle mitmachen, denn Kinder tauschen sich untereinander aus. Zwischen 13 und 16 Jahren ist das sogar fast ausschließlich der Fall“, freut sich Peter Mayrhofer. Die Rückmeldungen von den Kindern sind unterschiedlich. Auffallend ist jedoch, dass es ihnen leichter fällt, mit den Sexualpädagogen zu sprechen. Gegenüber Eltern und auch Lehrern fühlen sich viele gehemmt, da ein sehr enges Beziehungsverhältnis herrscht. Auch an Sonderschulen mit teils sehr schwierigen Schülern funktioniert die Aufklärungsarbeit bestens, so Brunhilde Mayrhofer: „Sexualität sollte nirgends ein Tabu sein!“

Frühzeitige fachgerechte Aufklärung …

… ist in der heutigen Zeit immens wichtig Im Lehrplan der 4. Klasse Volksschule ist die Vermittlung von elementarem Wissen und die Einstellung zur Sexualität enthalten. Sexualkunde kann von den Lehrpersonen selbst oder Sexualpädagogen unterrichtet werden. Im Idealfall kümmern sich Eltern, Lehrer und Sexualpädagogen darum. Gerade in unserer sexualisierten Gesellschaft, wo Kinder durch Smartphones, etc. früh mit Sex und Pornografie in Kontakt kommen, ist eine frühzeitige fachgerechte Aufklärung wichtig. Kinder sollen wissen, was Realität ist und was nicht, sowie lernen, über ihre Gefühle zu sprechen und „Nein“ zu sagen.

Statements von Eltern

Raphael Thaler, 25, Dornbirn: „Ich halte Sexualkundeunterricht in der Volksschule für eine gute Sache. Heutzutage sind Kinder und Jugendliche sehr frühreif. Aufklärung ist deshalb immens wichtig, vor allem bevor sie das erste Mal direkt damit konfrontiert sind. Ich denke, vor der vierten Klasse Volksschule würde es aber keinen Sinn machen. Wenn Aufklärung zu früh stattfindet, wissen Kinder sicher nichts mit den Infos anzufangen.“

Birgit Überbacher, 47, Bregenz: „Meine Tochter hat den Sexualkundeunterricht gerade hinter sich gebracht. Sie haben einen Film angesehen, in dem es zu Geschlechtsverkehr kam. Das hat mich als Mutter schon schockiert. Ich finde, es ist zu früh und zu detailliert. Ansonsten fordert man es heraus, da wird nur die Neugierde geweckt und die Kinder sind heutzutage eh schon so frühreif. Lieber sollte man das Thema oberflächlicher behandeln.”

Julia Pregler, 22,Bregenz: „Ich halte Aufklärung in der vierten Klasse Volksschule für zu früh. Ich denke, das reicht voll und ganz in der Mittelschule, bevor sie zuletzt noch mit elf Jahren ihr erstes Mal erleben. Meine Befürchtung ist einfach, dass sie durch den Sexualkundeunterricht neugierig gemacht werden. Mir fällt es auch schwer zu glauben, dass solche Inhalte positiv beziehungsweise kindgerecht vermittelt werden können.”

Abak Malik, 36, Dornbirn: „Zuviel Aufklärung in jungem Alter weckt nur die Neugierde. Durch das Internet und Smartphones landen die Kinder dann bei Pornos und die sind wirklich keine Aufklärung. Ich glaube auch, dass es dazu führt, dass sich Jugendliche im Alter von 16, 17 Jahren mit der Partnerwahl schwerer tun. Beim Sexualkundeunterricht kommt es darauf an, wie das Thema vermittelt wird. Zu detailreich sollte er aber nicht sein.”

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