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Sexarbeiterinnen werden vorverurteilt

Frauen, die Sex gegen Geld anbieten, werden stigmatisiert
Frauen, die Sex gegen Geld anbieten, werden stigmatisiert
Prostitution und Sexarbeit gehört zu den emotional aufgeladenen Themenfeldern. Mit dem noch bis Juni laufenden Projekt "Sex/Arbeit/Lust/Illusionen VER/KAUFEN" versucht Tina Leisch, dieses Feld rational aufzuarbeiten. "In dem Bereich herrscht eine gesellschaftliche Vorverurteilung. Da setzt die politische Vernunft aus", stellte die Regisseurin, Künstlerin und Aktivistin fest.


In keinem anderem Bereich würde man dermaßen radikal über wissenschaftliche Erkenntnisse und internationale Studien hinweg gehen, sagte Leisch im Gespräch mit der APA. Sie begann sich vor Jahren mit dem Thema Sexarbeit zu beschäftigen, nachdem sie als Anrainerin des Wiener Stuwerviertels mit der dort präsenten illegalen Straßenprostitution konfrontiert wurde. Als “unerträgliche Schikane, die man einfach nicht gerne mitanschaut” empfand sie das restriktive Vorgehen der Exekutive dort.

An der aktuellen Initiative, die aus Radiosendungen, Gesprächen oder auch Filmen besteht, beteiligten sich neben Sexarbeiterinnen auch der Verein LEFÖ, eine Beratungsstelle für Migrantinnen sowie Wissenschafterinnen wie Helga Amesberger oder Birgit Sauer. Ebenso wurde auch das Onlineportal “lustwerkstatt.at” ins Leben gerufen. Man wendet sich inhaltlich gegen ein Verbot des “Sexkaufs” durch Bestrafung der Freier, das 1998 in Schweden eingeführt wurde und im April auch in Frankreichs Gesetzgebung eingeflossen ist.

Leisch steht im Gegensatz dazu auf der diametralen Position: “Eine Illegalisierung bewirkt definitiv überall auf der Welt nur, dass die Sexarbeiterinnen unter schlechteren Bedingungen arbeiten müssen, ausbeutbarer, verletzbarer und angreifbarer sind”, argumentierte Leisch. “Gesetzlich treten wir dafür ein, dass Sexarbeiterinnen als normale Selbstständige behandelt und angesehen werden und das mit ihnen auch geredet wird, anstatt über ihre Köpfe zu entscheiden. Auch die Registrierungspflicht empfinden wir als unsäglich und plädieren für deren Abschaffung, wie auch für eine der Zwangsuntersuchungen”, ergänzte Kunsthistorikerin und Regisseurin Alma Hadzibeganovic.

“Es ist eine Dienstleistung, die anderen Menschen Freude bereitet”, so Leisch – und weder das abwertende Wort Hure noch der sachlich-nüchterne Terminus der Sexarbeiterin würden diesem Umstand wirklich gerecht werden. Frauen, die Sex gegen Geld anbieten, seien eine stigmatisierte Bevölkerungsgruppe. Mit eine Ursache sei ein negativer Bezugsrahmen, der bei Sexarbeit immer mit Kriminalität, Zwang und Gewalt verbunden sei – den gelte es zu hinterfragen. “Und es geht schon darum zu sagen ‘Das gibt es, aber das gibt es auch in der Ehe’. Gewalt in der Ehe ist häufiger als Gewalt in der Sexarbeit.”

Die alternative, angestrebte Wahrnehmung wäre, “dass es eine Dienstleistung ist, die Illusionen produziert, Lust produziert – das müsste das Erste sein, das man im Kopf hat”, sagte Leisch. Ein Hindernis für diesen Paradigmenwechsel ist für die Regisseurin, dass “sich in der patriarchalen Gesellschaft die Zuschreibung, was akzeptierter Sex ist, bei Männern und Frauen unterscheidet”, wobei etwa aber der Hang zur Monogamie keine geschlechtsspezifische Eigenschaft wäre.

“Es gibt eine hetero-normative Vorstellung von Sexualität, und nach dieser hat die Frau nur dann Lust zu empfinden, wenn sie geliebt und umsorgt in den beschützenden Händen eines Mannes ist”, argumentierte Leisch. Eine Frau, die ihre Sexualität anders auslebt, “egal ob sie es für Geld tut, oder nicht”, sei daher jemand, der gegen diese Moral verstößt. “Diese Vorstellungen stehen dem zugrunde. Das ist auch bei den Abolutionistinnen so, die ein Verbot fordern. Sie greifen stark auf die traditionellen Vorstellungen von weiblicher Sexualität zurück – und das macht es so reaktionär. Sie unterstellen, dass eine Frau, die mit vielen Männern schläft, das als negativ empfinden muss. Und das stimmt einfach nicht.”

(S E R V I C E – Onlineportal zur Initiative unter)

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