Serbiens Premier Vucic in Srebrenica von Stein getroffen

Serbiens Ministerpräsident von Gedenkfeier vertrieben
Serbiens Ministerpräsident von Gedenkfeier vertrieben
Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vucic ist bei der Gedenkfeier für die mehr als 8.000 Opfer des Völkermordes vor 20 Jahren in Srebenica angegriffen und von einem Stein am Kopf getroffen worden. Das meldete die serbische staatliche Presseagentur Tanjug unter Berufung auf serbische Delegationsquellen. Bis zu 80.000 Menschen nahmen an der Gedenkfeier teil.
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Vucics Brille sei zerbrochen worden, berichtete die Presseagentur ohne weitere Angaben zu einer eventuellen Kopfverletzung des Regierungschefs. Laut Tanjug waren Steine, Flaschen und Schuhe auf Vucic geworfen worden. Im Versuch, ihn vor den aufgebrachten Menschen zu schützen, hätten sich seine Bodyguards gegen einige Angreifer gestellt. Auch habe man versucht, den Premier mit geöffneten Panzertaschen in Schutz zu nehmen, so Tanjug.

Serbische Delegation evakuiert

Die Polizei habe eingegriffen, die serbische Delegation sei evakuiert worden, hieß es bei der serbischen Presseagentur unter dem Hinweis, dass Vucic bereits wieder nach Belgrad unterwegs sei.

Serbiens Premier Vucic bei der Gedenkfeier

Wütende Demonstranten

80.000 Menschen bei Srebrenica-Gedenken

Der Gedenkfeier wohnten bis zu 80.000 Menschen bei, darunter rund 90 internationale Delegationen. “Niemals wieder” und die Hoffnung auf Versöhnung waren in Ansprachen von Vertretern internationaler Organisationen und Staaten immer wieder zu hören. Von Rednern wurde wiederholt auch darauf verwiesen, dass die internationale Gemeinschaft im Juli 1995 daran gescheitert war, die Menschen von Srebrenica zu schützen. Das Inferno von Srebrenica müsse eine ewige Mahnung für alle bleiben, meinte das kroatische Mitglied der dreiköpfigen bosnischen Staatsführung, Dragan Covic.

“Wir verpflichten uns erneut, die ganze Wahrheit aufzuklären”

“Den Vereinten Nationen und der internationalen Staatengemeinschaft war es nicht gelungen, die Opfer in Schutz zu nehmen. Dies hat die Arbeit der UNO fundamental erschüttert und ihr Wirken beeinflusst”, stellte der stellvertretende UNO-Generalsekretär Jan Eliasson fest. “Wir verpflichten uns erneut, die ganze Wahrheit aufzuklären. Die Verantwortlichen werden der Justiz vorgeführt werden”, unterstrich er ferner.

“Wir sind heute nach Srebrenica gekommen, um nochmals klar auszusprechen, was mehrere Gerichte bestätigt haben, dass an diesem Ort ein systematisches, organisiertes Töten stattgefunden hat – der Völkermord von Srebrenica”, unterstrich der internationale Bosnien-Beauftragte Valentin Inzko. “Wir sind heute nach Bosnien gekommen, weil es voll kleiner Srebrenicas ist”. Auch sei man nach Srebrenica gekommen, um zu sagen “Niemals wieder” und ein neues Kapitel aufzuschlagen, wie es Franzosen und Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg getan hätten, sagte Inzko.

Bill Clinton kam zu Gedenkfeier

Das Massaker von Srebrenica habe dazu geführt, dass die NATO-Allianz die US-Regierung unterstützte, die Friedensverhandlungen aufzunehmen und Bosnien in ein normales Leben zurückzuführen, sagte Bill Clinton, US-Präsident während des Bosnien-Krieges. Er sei allen Menschen sehr dankbar, die daran gearbeitet hätten, den Krieg und das Töten aufzuhalten. 20 Jahre später sei er dafür dankbar, dass Bosnien ein friedliches Land sei, das sich nahe der EU-Mitgliedschaft befinde und an Friedensmissionen in der Welt teilnehme. Clinton bedankte sich besonders beim serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vucic, den Mut aufzubringen, als erster Ministerpräsident Serbiens der Gedenkfeier beizuwohnen. Der Gedenkfriedhof von Potocari wurde 2003 gerade von Clinton eröffnet. Damals wurden dort die ersten 600 identifizierten Opfer beigesetzt.

“Verbrechen gegen die gesamte Menschheit”

Srebrenica sei das Resultat eines auf höchster Ebene angefertigten Plans gewesen, keine spontane Aktion einer bewaffneten Gruppe, hob der Chefankläger des UNO-Tribunals, Serge Brammertz, fest. Srebrenica sei ein Verbrechen gegen die gesamte Menschheit gewesen, zitierte der Präsident des UNO-Tribunals, Theodor Meron, das erste Urteil des Haager Tribunals für Völkermord in der ehemaligen ostbosnischen muslimischen Enklave aus dem Jahr 2004.

Niederländische UNO-Soldaten waren vor Ort

Der Völkermord von Srebrenica sei der düsterste Teil der europäischen Geschichte gewesen, meinte der niederländische Außenminister Bert Koenders. Unter Hinweis, dass die internationale Gemeinschaft im Juli 1995 den Menschen in Srebrenica nicht den entsprechenden Schutz geleistet hatte, verwies er darauf, dass sein Land besonders stark diese Verantwortung spüre. Rund 8.000 muslimische Stadtbewohner waren im Juli 1995 vor den Augen der dort stationierten niederländischen UNO-Soldaten aussortiert worden, um ermordet zu werden.

“Ich bin zufällig am Leben geblieben”, sagte Camil Durakovic, der Bürgermeister von Srebrenica, mit Blick auf 18 Minderjährige – seine Altersgenossen -, die heute beigesetzt wurden. Ganze Familien seien verschwunden, stellte er fest.

Serbiens Premier verurteilt Verbrechen von Srebrenica

Von Serbien werde das Verbrechen von Srebrenica “klar und unzweideutig” verurteilt, schrieb der serbische Premier Aleksandar Vucic in das Kondolenzbuch. Die Regierung Serbiens wünsche sich ein gemeinsames Leben mit Bosniaken, er reiche seine Hand der Versöhnung. Zum Zeitpunkt des Massakers war der derzeitige serbische Regierungschef ein Spitzenfunktionär der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei. Bei Ankunft in Potocari wurde er wie auch alle anderen Gäste von Familienangehörigen der Opfer, Vertreterin der Organisation “Mütter von Srebrenica”, begrüßt. Den Gästen wurde als Anstecker die “Blume Srebrenicas” verteilt. Sie erinnert mit ihren weißen Blüten an die Unschuld der Ermordeten und mit dem grünen Zentrum an das Prinzip Hoffnung.

8.000 Männer und Burschen brutal ermordet

Nach der Einnahme der UNO-Schutzzone Srebrenica durch bosnisch-serbische Truppen am 11. Juli 1995 wurden rund 8.000 bosniakische Männer und Burschen brutal ermordet. Frauen wurden nach Tuzla, damals unter Kontrolle muslimischer Truppen, vertrieben.

Leichen in Massengräbern gefunden

Die Leichen der Opfer – wobei nach etwa 1.200 weiterhin gesucht wird – wurden nach dem dreijährigen Krieg (1992-1995) in 76 Massengräbern und an 150 anderen Stellen gefunden. Die gesamte Opferzahl beläuft sich auf 8.372. Nach Angaben der bosnischen Behörden waren 550 im Juli 1995 noch minderjährig. In Srebrenica haben nach dem heutigen Tag insgesamt 6.377 ihre letzte Ruhestätte gefunden, noch 230 wurden in den letzten Jahren anderswo beigesetzt.

Prozesse gegen Mladic und Karadzic laufen weiter

Vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) laufen weiterhin die Prozesse gegen Mladic und den ehemaligen Präsidenten der bosnischen Republika Srpska, Radovan Karadzic. Mehrere ehemalige hohe bosnisch-serbische Offiziere wurden in den früheren Jahren zu langen Haftstrafen, drei zu lebenslanger Haft, verurteilt.

An der Gedenkfeier nahmen die Präsidenten Sloweniens, Kroatiens, Montenegros und Mazedoniens sowie mehrere europäische Außenminister teil. Österreich wurde durch den Zweiten Präsidenten des Nationalrats, Karlheinz Kopf (ÖVP), vertreten. Im Namen des Europaparlaments wohnte der Gedenkfeier auch die Grüne Abgeordnete Ulrike Lunacek bei.

Die bosnische Regierung hatte den Samstag zum landesweiten Trauertag erklärt. In den vergangenen Jahren war der Gedenktag als Trauertag nur im größeren Landesteil, der Bosniakisch-Kroatischen Föderation, begangen worden, jedoch nicht in der Republika Srpska, wo sich Srebrenica seit dem Kriegsende befindet. Ihre Spitzenvertreter wohnten der Gedenkfeier nicht bei.

Bisher drei lebenslange Haftstrafen verhängt

Das Haager Gericht, dass 2004 zum ersten Mal das Massaker als Völkermord bezeichnet hatte, verhängte bisher drei lebenslange Haftstrafen, weitere elf Angeklagte wurden zu insgesamt 190 Jahren verurteilt, berichtete der TV-Sender RTBVBIH am Samstag. In Sarajevo wurden 23 Angeklagte zu insgesamt 440 Jahren Haft verurteilt.

Vor dem Haager Gericht sind die Prozesse gegen die beiden Hauptangeklagten, den ehemaligen Präsidenten der Republika Srpska, Radovan Karadzic, und seinen Militärchef Ratko Mladic, noch im Gang.

Nach der Einnahme der UNO-Schutzzone Srebrenica durch bosnisch-serbische Truppen am 11. Juli 1955 wurden in der Umgebung der Kleinstadt rund 8.000 bosniakische (muslimische) Stadteinwohner brutal ermordet. Es sei die Zeit gekommen, um sich an den Türken zu rächen, erklärte Mladic bei der Ankunft in der Kleinstadt. Die Leichen der Opfer wurden später in 75 Massengräbern und an 150 anderen Stellen entdeckt. Nach etwa 1.200 Personen wird weiterhin gesucht.

Auf dem Friedhof von Potocari unweit von Srebrenica wurden bisher 6.241 Massakeropfer beigesetzt, weitere 230 an anderen Stellen. Am Samstag werden 136 Massakeropfer in Potocari ihre letzte Ruhestätte finden. 18 von ihnen waren im Juli 1995 minderjährig. Die gesamte Opferzahl wird auf 8.372 geschätzt, 550 Opfer waren minderjährig.

Kurz: Gedenken im Zeichen des Mittrauerns

Außenminister Sebastian Kurz betonte in einer Aussendung, das Gedenken stehe vor allem im Zeichen des Mittrauerns mit den Hinterbliebenen. “Zugleich bleibt die weitere entschlossene gerichtliche Verfolgung aller Täter Voraussetzung für Gerechtigkeit sowie Aufarbeitung, und somit für Vergebung und Versöhnung”, fügte Kurz an. “Die Lehren aus dem Geschehenen richten sich daher auch an die internationale Gemeinschaft, im Gegensatz zu unserem damaligen Versagen in Zukunft entschlossen zu handeln.”

(APA)

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