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Schnitzel klopfen für Vico Torriani

Gasthaus zum Hirschen, Spar- und Darlehenskasse, 1929
Gasthaus zum Hirschen, Spar- und Darlehenskasse, 1929 ©Orig. Stadtarchiv Dornbirn / Fotograf Heim
Dornbirn. Das "Hotel Hirschen" war für Jahrzehnte das erste Haus am Platze - und manch einer fand beim weiblichen Personal die Frau für Amerika...
Hotel Hirschen Marktplatz
Der Hirschen am Marktplatz
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Das “Hotel Hirschen” am Marktplatz nahm über einige Jahrzehnte die Rolle des “Ersten Hauses am Platze” ein. “Die Glanzzeit des Hirschen lag wohl zwischen etwa 1945 und 1970”, sagt Gerda Steiger, eine der Töchter der Besitzerfamilie.

Bedienung Gretl übernahm Traditionshaus

Die Geschichte der Familie Rümmele im Traditionshaus begann mit dem Dornbirner Johann Rümmele, geb. 1885, und seiner Frau Margaretha. Gretl arbeitete als Bedienung im “Hirschen”. Johann war Metzger in der Fleischhauerei. Sie lernten sich kennen und lieben, und heirateten. Als ihnen das Haus zum Kauf angeboten wurde, traute sich Johann das nicht zu. Es war seine Frau, die mit Hilfe eines Investors im Jahr 1920 die Immobilie kaufte, die das Paar 1930 umgebaut und vergrößert hat. Nach den Großeltern übernahm die nächste Generation die Führung des Hauses. Walter Rümmele, tagsüber in der Fleischhauerei beschäftigt, und seine Frau Gisela sorgten sich um das Wohl der Gäste. Tüchtige Bedienungen im Restaurant wie Anna oder Laura wurden mit der Zeit richtige Originale. Anna sagte bei der Bestellung eines kleinen Bieres auch schon mal: “Warte, bis du ein Großes magst”. Und Resi Weigand wusste immer, was jeder an Zeche zu bezahlen hatte.

Amerika-Auswanderer fand Ehefrau im Hirschen

Aber nicht nur deshalb war das weibliche Personal im “Hirschen” zuweilen von ganz besonderer Bedeutung, wie den Dornbirner Schriften zu entnehmen ist. Dornbirner Auswanderer nach Amerika holten sich ihre Frauen gern aus der Heimat. Im Juli 1869 kam Josef Albrich in die Stadt, um zu heiraten, ohne dafür überhaupt jemanden an der Hand zu haben. Beim Pfarrer in St. Martin fragte er nach einem Mädchen, das bereit sein könnte, als seine Frau mit nach Amerika zu gehen. Seine Hochwürden  meinte, im “Hirschen” vis-à-vis wäre eine tüchtige Kellnerin, die er ja fragen könne. So ging Josef Albrich die wenigen  Schritte über den Marktplatz, und beide fanden Gefallen aneinander. Magdalena Hackspiel sagte “Ja”, und am 16. August wurde bereits geheiratet.

Ein auf Deutsch, Englisch und Französisch herausgegebener, kleinformatiger Prospekt wies schon früh reich bebildert darauf hin, dass das beliebte Hotel und Restaurant seinen Gästen 65 Betten in “heimeligen und komfortablen Zimmern mit Telefon und Privatbad” bot. Beschrieben werden auch die Autogarage, beste Küche und die eigene Fleischhauerei – und zwar genau in dieser Reihenfolge. Die Werbebotschaft “si parla Italiano” ist ein weiterer Beweis für die Offenheit von Walter und Gisela Rümmele, mit ihren vier Töchtern und zwei Söhnen eine internationale Klientel im Haus willkommen zu heißen. “Persönlichkeiten wie Vico Torriani, Leila Negra, Maxi Böhm, Helmut Zacharias oder Maria Bill gingen im Hotel und Restaurant ein und aus”, weiß Gerda Steiger. Das ORF-Studio befand sich in unmittelbarer Nähe im Rathaus, und die Dornbirner Messe, damals ebenfalls im Stadtzentrum angesiedelt, zog Gäste von überall her an. Im großen Saal mit Bühne fanden Bälle statt, es wurden Hochzeiten und Bankette gefeiert.

800 Essen zur Messezeit

“Beste Küche”: Dieses Versprechen an den Gast im Prospekt, musste die Küchenbrigade natürlich halten. “Aus der eigenen Metzgerei hatten wir hervorragendes Fleisch”, weiß Fritz Schnell, Kochlehrling im Hirschen von 1967 bis 1970. “Manche Lebensmittel hatten wir in größeren Mengen eingelagert, andere wurden täglich frisch von Feinkost Vogel geliefert. Am Anfang war die sprachliche Verständigung für mich schwierig”, erinnert sich Schnell,  gebürtiger Steirer, der mit 16 fern der Heimat im Hirschen anfing. Rosen streut ihm gleich Gerda Steiger: “Er hat für uns immer den besten Kaiserschmarren und die feinsten Palatschinken gemacht.” Und der ehemalige Küchenjunge weiter: “Das Gasthaus wurde morgens um 6 Uhr aufgesperrt. Da kamen schon die ersten Gäste. 150 Schnitzel klopfen und panieren war ganz normal. Das Schnitzel wurde auf dem Silbertablett angerichtet und serviert. Wie wir es aber geschafft haben, zur Messezeit 800 Essen und mehr täglich zu kochen, ist mir heute ein Rätsel.” Seine berufliche Zeit in Dornbirn, nach wichtigen Erfahrungen in Italien und London kam er erneut in den „Hirschen“, bezeichnet er als die schönsten Jahre seiner Karriere.

1962: LH verbot Modetanz “Twist”

Im “Hirschen” wurde gerne und viel getanzt. Aber nicht im Jahr 1962. Denn da verbot der Landeshauptmann den Modetanz “Twist”, weil er ihn hochoffiziell als anstößig und sittlichkeitsgefährdend einstufte. Zum regulären Fünf-Uhr-Tee am Sonntag hingegen kamen die jungen Leute mit dem Zug aus dem ganzen Land. “Und wenn man direkt von der Schipiste auf dem Bödele kam, tanzte man einfach in den Schisocken”, sagt Gerda Steiger lachend. Legendär sind die Tanzabende am Wochenende mit Live-Musik. Die “Vier Roulettis” gaben ihr erstes Konzert auf der Bühne. Reinhold Bilgeri und Michael Köhlmeier stellten vor rund 40 Jahren ihren Hit “Oho Vorarlberg” im großen Saal dem Publikum vor.

Den Hirschen gab es bis zum Jahr 1980. Danach zog in einen Teil der Räumlichkeiten das erste China-Restaurant Dornbirns ein. Später entstand an der Stelle des ehemaligen Hotel Hirschen ein Wohn- und Geschäftshaus mit den Gastronomiebetrieben “San Marco” (italienische Küche) und “Chen’s” (asiatische Küche).

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