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Schauspielerische Kante trotz des Spektakels

„Rigoletto“ wirft wesentliche Fragen zu Opernfiguren auf, Regisseur Philipp Stölzl braucht auf der Seebühne jedoch nichts zu verändern.
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„Mein Anliegen ist es, innerhalb der Buntheit, die dieses Stück hat, auch die Schmerzpunkte herauszuarbeiten“, erklärt Philipp Stölzl angesichts einer Oper, deren Figuren Stereotypen aus männlicher Sicht entsprechen, die Regisseurinnen und Regisseure zunehmend vor Herausforderungen stellen. Da mag „Rigoletto“, das 1851 uraufgeführte Werk von Giuseppe Verdi, noch so populär sein und noch so mitreißende Melodien haben.

Nichts zu ändern

Zu ändern hat er in seiner, im Sommer 2019 erstmals gezeigten Inszenierung auf der Bregenzer Seebühne, für die er gemeinsam mit Heike Vollmer auch den riesigen Clownskopf entwarf, nichts. Die marionettenhaft bewegbare Skulptur mit zwei Händen und einem funktionierenden Heißluftballon ist eine vergrößerte Figur der Oper sowie Auftrittspodium zugleich und sie verbildlicht auch das harte Schicksal des Spaßmachers am Hof jenes Herzogs, an dem die auf Victor Hugos Drama „Le roi s’amuse“ zurückgehende Geschichte spielt. Bei Stölzl ist der Herzog ein Zirkusdirektor, Rigoletto der Clown, Gilda, dessen Tochter, eine Luftakrobatin, die Cepranos sind Jongleure, Maddalena arbeitet mit einem Messerwerfer und so weiter. Die Renaissancewelt zu rekonstruieren, das funktioniere heutzutage nicht mehr, mit dem Zirkus habe er zumindest eine kleine Hierarchie, hielt er bereits vor der Premiere fest.  Clowns seien nicht nur lustig oder traurig, sondern manchmal auch hundsgemein. Um die angesprochenen Schmerzpunkte herauszuarbeiten, hat er auf die Mechanismen der Commedia dell’arte gesetzt, die Möglichkeiten bieten, auch das Grausame zu zeigen.

Die Figur der Gilda zeichnet er besonders. Das Mädchen, das der Vater zu Hause abschirmt, verliebt sich Hals über Kopf in den Herzog, wird von ihm missbraucht und stirbt schließlich, wenn die Handlung, die mit einem Fluch wegen des despotischen Treibens in diesem Zirkus beginnt, zum Krimi mit Auftragsmord und dessen unvorhergesehener Ausführung wird.  Gilda gleicht in der Ausstattung von Kathi Maurer der kleinen Dorothy im „Zauberer von Oz“. Abgesehen davon, dass es auch in diesem Horrormärchen eine Ballonfahrt gibt, bleibt Gilda schwer greifbar, wird es auch nie sein, geht die zarte Arie „Caro nome“ noch so ans Herz.

Frauenfiguren als großes Thema

„Das ist ein Riesenthema“, gesteht Stölzl. „In der Oper haben wir viele Frauenfiguren, die für ein modernes Publikum keine Figuren mehr sind, über die man erzählen möchte. Mit diesem Problem muss man sich beschäftigen. Die Figuren sind stark von der Musik geprägt, man kann dem szenisch etwas entgegensetzen, aber in der Oper sind die Musik und das, was die Melodien ausmacht, die stärkste Kraft.“ Im Fall von Gilda sei es wichtig, zu zeigen, dass sie vom Vater eingesperrt wird. „In grellen Inszenierungen wird die Beziehung zwischen Gilda und Rigoletto als Inzest gedeutet. Und dann wirft sie sich dem falschen Mann an den Hals, der sie missbraucht. Der Herzog bedient sich seiner Macht, um sich sexuell auszuleben. Es ist eigentlich eine sehr grausige Geschichte, die bei Verdi auffällig verpackt ist. Er hatte nicht umsonst Probleme mit der Zensur, übte eindeutig Kritik an der Monarchie in Frankreich. Er musste Veränderungen vornehmen, damit das Stück durchgeht.“

Der Herzog oder hier der Zirkusdirektor kommt auch in Bregenz ungeschoren davon. „Tja“, meint Stölzl zu dieser Seite des Finales mit Gildas Tod, den er bestürzend zeigen will.

Schauspielerische Kante

Auch wenn auf dem See opulent zu malen sei, bestehe die Möglichkeit, auf Details einzugehen. „Wie zeigt man, wie es Gilda geht, wenn sie aus dem Zimmer des Herzogs kommt, wie zeigt man, dass sie langsam spürt, dass sie Macht über den Vater hat, den sie in seiner Obsession manipulieren kann?“ In der Monumentalität der Seebühne diese Momente zu finden, das sei genauso seine Aufgabe wie das Spektakuläre. Je nach Besetzung gelinge das unterschiedlich. „Es gibt Kollegen, die bei dieser Distanz eine schauspielerische Kante reinbringen, anderen fällt es schwerer.“ Man müsse Sängerinnen und Sänger haben, die andere Rhythmen spielen als sie singen. Das sei wie eine Operation am Herzen. „Ich sehe auch manchmal Aufführungen, da hast du einen konzeptionellen Ansatz, der stimmt, der aber nicht mehr mit der Musik spricht. Die Szene muss immer ein Kommentar, ein Echo oder ein Spiegel der Musik sein. Wie bekommt man das hin, wie weit kann man es dehnen?“ Das sind die Fragen, die Philipp Stölzl beschäftigen, wenn diese ganzen Klettereien auf dem Clownskopf der Seebühne, dieses Abseilen, Festhaken und wieder Raufziehen funktioniert.

Traurig über die Politik

Philipp Stölzl ist auch Regisseur von Musikvideos oder Filmen wie „Der Medicus“. Der Film „Ich war noch niemals in New York“, kam noch nach der Bregenzer „Rigoletto“-Premiere in die Kinos. Der Start der „Schachnovelle“ wurde von der Pandemie und den damit begründeten Veranstaltungsverboten behindert. Die Absage der Bregenzer Festspiele im letzten Jahr sei noch das kleinere Übel gewesen. Er hatte noch einige Filmarbeiten zu machen, langweilig sei ihm nicht geworden, auch wenn er selbst einige Produktionen verloren hatte, aber er hat um sich herum viel Leid der Künstlerkollegen mitbekommen. „Es war schockierend zu erleben, wie wenig systemrelevant die Kunst angeblich ist. Mich hat das wütend und sehr traurig gemacht. Es ist ein Irrglaube, dass die Kunst nicht wichtig für unser Dasein und unsere Seele ist“, richtet er sich an die Politik.

Philipp Stölzl ist im Regieteam für die Filmserie „Der Schwarm“, er ist in nächster Zeit aber auch wieder als Theaterregisseur tätig. Das nächste Haus, an dem er arbeitet, ist nicht weit von Bregenz entfernt. Am Residenztheater in München inszeniert er „The Inheritance“ von Matthew Lopez. Die Aufgabe ist groß, es handelt sich um ein etwa siebenstündiges Werk. „Es geht um mehrere Männer, deren Leben wir über längere Zeit verfolgen, es ist wahnsinnig toll entwickelt und geschrieben, es ist fesselnd und ergreifend.“

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