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"Ärzte an den Grenzen"

Dornbirn -   Mit der Enquete „Ärzte an den Grenzen“, die am Donnerstag, den 11. März 2010 im Krankenhaus Dornbirn stattfand, wollten Vorarlbergs Spitalsärzte auf ihre derzeitige Arbeitssituation aufmerksam machen. Die Spitalsärzte warnen: Die derzeitige Arbeitssituation birgt Risiken – für Ärzte und Patienten.

Im Anschluss an die Referate renommierter Experten nahmen die zahlreich erschienenen Zuhörer – über 250 überaus motivierte Spitalsärzte – die Gelegenheit wahr, um mit den Referenten, aber insbesondere auch mit den Verantwortlichen des Vorarlberger Spitalswesens zu diskutieren und ihre Anliegen vorzubringen. In einem Punkt waren sich Spitalserhalter und Spitalsärzte einig: Die Arbeitsbedingungen müssen sich ändern. Nicht zuletzt, weil sich an vielen Abteilungen nicht mehr genügend Ärzte finden, die langfristig im Krankenhaus arbeiten wollen.

Wochenarbeitszeiten bis zu 72 Stunden, Journaldienste mit einer 24-stündigen Rufbereitschaft, kräfteraubende Nachtdienste und Engpässe im Ambulanzbereich seien nichts Ungewöhnliches. Zudem müssten sich Spitalsärzte vermehrt mit administrativen Tätigkeiten herumschlagen. Eine Situation, die auch für die Patienten negative Auswirkungen habe.

Risikofaktor Nachtdienst

Der Wissenschaftler Dr. Florian Ernst, angehender Neurologe an der Universitätsklinik Salzburg, beschäftigt sich schon seit langem mit dem Thema „Risikofaktor Nachtdienst“. Im September 2009 veröffentlichte er als Koautor eine Studie der Universität Innsbruck, bei der untersucht wurde, welche Auswirkungen auf den Körper im Nachtdienst gemessen werden können. Im Rahmen seines Referates präsentierte Florian Ernst einige Untersuchungsergebnisse: „Die Studie belegt, dass während des Journaldienstes mit einer 24-stündigen Rufbereitschaft für Mediziner ein erhöhtes Herzinfarktrisiko besteht.“ Der Nachtdienst ist quasi ein ‚Dauerstresszustand’, bei dem Herzfrequenz und Blutdruck ständig hoch reguliert sind.“ Außerdem schädigen Nachtdienste und verlängerte Arbeitszeiten nicht nur die Gesundheit der Mediziner nachhaltig, sondern auch als allgemeines Sicherheitsrisiko zu werten seien – sowohl für die Ärzte, als auch für die Patienten: „Es liegen Daten vor, dass die Reaktionsfähigkeit der Ärzte nach langen Diensten ähnlich wie bei einer leichten Alkoholisierung mit etwa 0,8 Promille ist.“

“Dienstmodell gehört erneuert”

Dr. Reinhard Germann ist seit über zehn Jahren Primar der Anästhesie und Intensivmedizin am Landeskrankenhaus Feldkirch. Unter seiner Leitung behandeln 35 Mediziner jährlich etwa 700 Intensiv- und 13.000 Anästhesie-Patienten, die allesamt eine ärztliche Rundumversorgung benötigen. Doch, laut Germann, können verlängerte Dienste – beispielsweise 24 bis 36 Stunden am Stück unter der Woche, 49 Stunden am Wochenende – auf arbeitsintensiven Abteilungen nicht mehr gesetzeskonform erbracht werden: „Aufgrund der dichten Arbeitsbelastung, die insbesondere in den letzten Jahren stark zugenommen hat, haben die Ärzte praktisch keine Ruhezeiten mehr. Lange Dienste sind jedoch nur mit entsprechenden Pausenzeiten erlaubt.“ Im Zuge der Enquete sprach sich Primar Germann deutlich für eine Abänderung des aktuellen Dienstmodells – etwa ein „2×12-Stunden Schichtdienst“ – aus. Derzeit scheitern neue Modelle allerdings an der Verrechnung der Dienste bzw. an der fehlenden Anerkennung der erbrachten Nachtdienststunden.

Arbeitszeitflexibilisierung: “Mehr Fluch als Segen”

Dr. Lukas Stärker ist stellvertretender Kammeramtsdirektor der Österreichischen Ärztekammer und als solcher für die Agenden der angestellten Ärzte zuständig. Der Arbeitsrechtsexperte referierte zum Thema Arbeitszeitflexibilisierung – für den fachkundigen Juristen klar „mehr Fluch als Segen. Letztendlich führt eine Flexibilisierung nämlich zur Benachteiligung der einzelnen Ärzte.“ Dr. Stärker sprach sich in seinem Vortrag dafür aus, über eine vernünftige Neuregelung der Arbeitszeiten zu diskutieren. Dies müsse allerdings in einem breiten Konsens, kombiniert mit vernünftigen Entgeltschemas passieren. Laut Stärker würde dadurch nicht nur die Motivation der Ärzte steigen, sondern auch die Fluktuation, die nicht zuletzt aufgrund der schwierigen Arbeitsbedingungen in den kommenden Jahren zu einem erheblichen Problem anschwellen könnte, abnehmen.

Krankenhausbetriebsgesellschaft zeigt sich gesprächsbereit

Laut Landesstatthalter Mag. Markus Wallner, in der Landesregierung unter anderem für das Gesundheitswesen zuständig und als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Krankenhausbetriebsgesellschaft direkt für die Arbeitsbedingungen und Zukunftsvisionen der Spitalsärzte verantwortlich, ist auch in Zukunft mit einem weiteren Anstieg der Arbeitsbelastung zu rechnen – nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung. Wallner ist sich der kritischen Lage bewusst: „Meine Unterstützung ist vorhanden. Aus meiner Sicht wäre eine Versorgung etwa mit starkem Einbezug des niedergelassenen Bereichs zu überlegen.“ Ebenso zeigte sich Dr. Gerald Fleisch, Direktor der Krankenhausbetriebsgesellschaft (KHBG), offen für die Änderungswünsche der Spitalsärzte. Dr. Burkhard Walla, Spitalsärztesprecher, dazu: „Ich finde es gut, dass sich die KHBG gesprächsbereit zeigt. Wenn ich allerdings darüber nachdenke, dass bis 2015 an die 40 Stellen im Spitalsärztebereich nachbesetzt werden müssen, es jedoch immer wieder heißt, dass das Geld fehlt, dann muss ich offen und ehrlich sagen: Die Zeit läuft uns davon!“ Erschwerend kommt hinzu, dass es in den nächsten Jahren auch im niedergelassenen Bereich rund 120 Stellen nachzubesetzen gilt. Dies werde, so Walla, eine weitere massive Sogwirkung haben – neben den attraktiveren Bedingungen im benachbarten Ausland, die schon jetzt zum Verlassen der heimischen Spitäler motivieren.

Wallner will „Modellregion Vorarlberg“

Vonseiten des Landes wurden nun zumindest Arbeitsgruppen eingerichtet: Zum einen in Bezug auf die fachärztliche Versorgung an den Spitälern. Eine andere Arbeitsgruppe, bei der auch Primar Germann involviert ist, befasst sich etwa mit der Ärztezufriedenheit im Spital. „Meiner Meinung nach muss mehr passieren, damit es zu einer nachhaltigen Entlastung kommt. Mir schwebt eine ‚Modellregion Vorarlberg’ vor. Im Land bin ich damit auf Gesprächsbereitschaft gestoßen – im Bund leider auf taube Ohren“, erklärt Landesstatthalter Wallner und unterstreicht somit einmal mehr die problematische Situation.

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