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Roland Gozzi: Abschied nach 40 Jahren Freiwilligkeit

RK-Kommandant Philipp Schertler (li.) und RK-Urgestein Dietmar Fitz (re.) überreichen Roland Gozzi ein Abschiedsgeschenk.
RK-Kommandant Philipp Schertler (li.) und RK-Urgestein Dietmar Fitz (re.) überreichen Roland Gozzi ein Abschiedsgeschenk. ©Rotes Kreuz Vorarlberg
„JEDE EINZELNE STUNDE BEIM ROTEN KREUZ HABE ICH GERNE GELEISTET.“ Dir. Roland Gozzi ist nicht nur Geschäftsführer des Roten Kreuzes Vorarlberg, sondern auch ehrenamtlicher Rettungssanitäter der Rotkreuz-Abteilung Lustenau. Nach genau 40 Dienstjahren hängte er an seinem 58. Geburtstag am 11. September seine Freiwilligen-Uniform an den Nagel.
Roland Gozzi

Unser allergrößter Respekt – 40 Jahre in der Freiwilligkeit sind eine lange Zeit – warum ist nun Schluss?

Dir. Roland Gozzi: Wegen der physischen Anforderungen! Sie müssen sich das so vorstellen: Im Nachdienst liege ich im Bett. Der Pager geht – aufspringen, auf den Pager sehen – Lesebrille rauf (ohne geht es nicht mehr) – auf die Toilette rennen (war früher noch gut ohne auszuhalten) – in die Stiefel springen – Jacke überwerfen – aus dem Zimmer rennen – Einsatzort auf der Karte suchen (wir haben zwar eine GPS-Leitung, aber aus Sicherheitsgründen muss ich als Einsatzfahrer wissen, wohin die Reise geht) – in die Garage rennen – Lesebrille gegen die Brille fürs Fahren wechseln – Einsatz bestätigen und mit höchster Konzentration losfahren. Alles schnell und sicher! Und eine Nacht mit zwei bis drei Unterbrechungen ist mit 58 Jahren auch am nächsten Arbeitstag noch nicht verdaut.

Welcher Weg hat Sie damals zum Roten Kreuz geführt?

Dir. Roland Gozzi: Im Jahre 1975 wurde ich als 17-Jähriger Zeuge eines schweren Moped-Unfalls eines Freundes und hatte dadurch den ersten Kontakt mit dem Roten Kreuz. Das Erlebnis hat mich dazu bewegt, einen Erste Hilfe-Kurs zu besuchen. Bei Kursabschluss wurde ich vom damaligen Jugendgruppenleiter Helmut Haas motiviert, mich doch dem Roten Kreuz anzuschließen und bis zu meinem 18. Geburtstag die Ausbildung zu machen. Gegen die heutigen Anforderungen an ein Neumitglied war das damals im Vergleich eine Minimalausbildung! Dennoch hat mich die Ausbildung fasziniert und meinen Ehrgeiz angestachelt. So bin ich dann ab dem Frühjahr 1976 fast jeden Samstag – sozusagen „schwarz“ – mit dem einzigen beruflichen Mitarbeiter mit auf Einsätze gefahren und habe am 11. September 1976, meinem 18. Geburtstag, meinen ersten offiziellen Nachtdienst in Lustenau absolviert.

Haben Sie einmal zusammengezählt, wieviele Wochen, Monate oder sogar Jahre Sie aus Liebe zum Menschen geleistet haben?

Dir. Roland Gozzi: Seit meinem ersten Nachtdienst habe ich, je nach beruflicher Möglichkeit, einmal etwas mehr, einmal etwas weniger regelmäßig Nacht-, Sonn- und Feiertagsdienste geleistet – im Durchschnitt einen pro Woche. Was nun nach 40 Jahren eine Summe von gut und gerne 2.000 Diensten à zwölf Stunden ergibt. Rechnet man diese 24.000 Stunden auf Arbeitswochen um, so habe ich etwa 600 Arbeitswochen bzw. 12 Arbeitsjahre für die Dienste aufgewendet. Nicht eingerechnet sind dabei Aus- und Fortbildungszeiten, sowie die Vereinsarbeit. Das ist natürlich sehr viel Zeit, aber jede Stunde habe ich gerne geleistet!

Was hat Sie an der Freiwilligenarbeit beim Roten Kreuz am meisten fasziniert?

Dir. Roland Gozzi: Am Rettungsdienst selbst gefällt mir die Unberechenbarkeit. Es gibt überwiegend Dienste, bei denen in erster Linie eine Erstversorgung und Hilfestellung, ein schonender Transport oder eine beruhigende Begleitung notwendig sind. Dazwischen kommen die medizinischen Notfälle, etwa zwei von drei Einsätzen und die unterschiedlichsten Unfallgeschehen, etwa jeder dritte Einsatz. Hier ist jeder Einsatz anders, eine schnelle Erfassung der Situation genauso wichtig, wie die rasche Setzung der richtigen Sofortmaßnahmen. Die Arbeit im Rettungsdienst ist immer eine Teamarbeit – immer wieder mit anderen Kameraden – das empfinde ich persönlich als große Bereicherung!

Was lag Ihnen während dieser langen Zeit immer besonders am Herzen?

Dir Roland Gozzi: Im Mittelpunkt jedes Einsatzes steht natürlich der Patient. Ihm gilt mein Engagement, meine Aufmerksamkeit und meine Zuwendung. Nach erfolgter Hilfestellung gibt es kein schöneres Gefühl für mich, als einen dankbaren Blick, einen festen Händedruck oder ein erleichtertes „Danke“!

Welche Ausbildungen haben Sie absolviert und welche hatten Sie zum Schluss inne?

Dir. Roland Gozzi: In den 40 Jahren meiner freiwilligen Tätigkeit habe ich sämtliche fachlichen und organisatorischen Ausbildungsstufen absolviert. Mir war es immer wichtig, im Team ein verlässlicher Partner und bei Notwendigkeit ein sicherer Einsatzleiter zu sein.

Im Rettungsdienst habe ich meine Dienste in der Rotkreuz-Abteilung Lustenau absolviert. In den letzten zehn Jahren engagierte ich mich auch am Notarztwagen in Dornbirn. Zwischendurch habe ich einzelne Dienste landauf landab geleistet, was mir einen guten Einblick in die verschiedenen Regionen mit ihren ganz spezifischen Herausforderungen ermöglicht hat.

Wie hat sich der Rettungsdienst in den letzten 40 Jahren verändert?

Dir. Roland Gozzi: Die Veränderung im Rettungsdienst war in diesen 40 Jahren mindestens so rasant, wie die Entwicklung von der elektrischen Schreibmaschine zum Laptop. Die Highlights waren in den 1980er Jahren die Einführung (RK-intern) einer einheitlichen Basisausbildung für alle Rettungssanitäter. Darauf folgte die Einführung der präklinischen Versorgung, d.h. der Patient wurde möglichst schon vor Ort optimal versorgt und dann schonend transportiert – nicht, wie bis dahin, möglichst rasch verladen und schnellst möglich ins Krankenhaus transportiert. Der nächste große Schritt war der Aufbau der Rettungs- und Feuerwehrleitstelle Vorarlberg und im Jahr 2000 dann das neue Rettungsgesetz, welches die Ausbildung auf ein ganz neues Niveau hievte und den Einsatz diverser medizinischer Notfallgeräte wie z.B. den Defibrillator und Notfallmedikamente dem Rettungsdienstpersonal ermöglichte. Die Verfügbarkeit der tragbaren EDV-Technologien brachte ab 2008 zusätzliche Möglichkeiten wie z.B. die EKG-Übertragung vom Notfallort in die Herzklinik.

An welches schöne Ereignis denken Sie heute noch gerne zurück?

Dir. Roland Gozzi: Es gab in der langen Zeit viele schöne, ich würde statt schön eher beeindruckende Erlebnisse, sagen. Ein Motorradunfall auf der Senderstraße in den 1990er Jahren war z.B. so ein Erlebnis. Dabei ist ein Motorradfahrer in einen tiefen Graben gestürzt und bewusstlos, Kopf nach unten im Morast stecken geblieben. Ein Radfahrer, Zeuge des Unfalls, ist beherzt in die stinkende Brühe gesprungen und ist, nachdem er den schweren Motorradfahrer nicht anders hochheben konnte, unter diesen hineingekrochen und hat ihn bis zu unserem Eintreffen mit seinem Rücken hochgestemmt. Diese Selbstlosigkeit war für mich ein sehr beeindruckendes Erlebnis! Wir waren zum Glück rasch vor Ort und konnten dann den Motorradfahrer zusammen mit dem Ersthelfer bergen. Allerdings waren wir dann so verdreckt, dass wir ein zweites Fahrzeug für den Patiententransport anfordern mussten und uns dann in der Waschbox mit dem Hochdruckschlauch vorreinigen mussten, bevor der Gang in die Dusche überhaupt möglich war.

Gab es auch traurige Momente?

Dir. Roland Gozzi: Leider gibt es im Rettungsdienst immer wieder traurige Erlebnisse. Neben dem Tod sind es dabei besonders die Umstände, die den Tod verursachen. Mich persönlich stimmen da die sinnlos herbeigeführten Unfälle oder Suizide wesentlich nachdenklicher, als die krankheitsbedingten. Für das eigene Seelenheil half mir das unmittelbar nach dem Einsatz geführte Kameradengespräch.

Können Sie sich noch gut an Ihren ersten Dienst im Jahre 1976 erinnern?

Dir. Roland Gozzi: Ich weiß noch, dass ich schon sehr nervös war. Zum Glück wurde damals schon jeder junge Sanitäter mit einem älteren, erfahrenen Kollegen zusammengespannt. Mir hat die Ruhe von diesem Kollegen dann am Einsatzort gut getan.

Hand aufs Herz, wie fühlen Sie sich nun nach dem letzten Dienst? Ist nicht bereits ein bisschen Wehmut dabei?

Dir. Roland Gozzi: Ich hatte einen perfekten letzten Nachtdienst: Vier Einsätze – ein Fahrradunfall, ein Sturz im Haushalt, eine interne Problemstellung, ein hoch fieberndes Kleinkind – in jedem Fall war unsere Hilfe sehr willkommen und haben mich sanitätstechnisch nochmals richtig gefordert und den Sinn dieses Hobbys deutlich unterstrichen! Allein in Vorarlberg kann das Rote Kreuz auf weitere rund 900 Sanitäterinnen und Sanitäter zählen, die diese schöne Aufgabe genauso gerne machen und sich tagtäglich aus Liebe zu Menschen einbringen!

Gerne gebe ich den Dienst nicht auf – ich bin gerne am Patienten! Mir werden die Nachtdienste mit den Kameraden sicher fehlen. Auf der anderen Seite bin ich durch meinen Beruf ja noch einige Jahre eng mit unserer Dienstleistung Rettungsdienst verbunden!

Im Namen des Österreichischen Rotes Kreuzes, insbesondere dem Landesverband Vorarlberg mit all seinen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeitern, ein GROSSES DANKESCHÖN für die 40 freiwilligen Dienstjahre aus Liebe zum Menschen, lieber Roland!

 

Quelle: Österreichisches Rotes Kreuz, Landesverband Vorarlberg, Feldkirch/Sperrer

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