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Revolutionen aus echter Not

Expertenvortrag zum Arabischen Frühling
Expertenvortrag zum Arabischen Frühling ©Heilmann
Der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger gab auf einem von Amnesty International Feldkirch und der Grünen Bildungswerkstatt Vorarlberg veranstalteten Vortrag im Theater am Saumarkt Antworten auf Fragen zum Arabischen Frühling.
Arabische Frühlinge - Vortrag im Theater am Saumarkt

Die Revolutionen des Arabischen Frühlings werfen viele Fragen auf: Welche Motive stehen hinter dem Aufruhr der Bevölkerung? Gibt es Chancen auf eine friedliche Demokratisierung und die Einhaltung der Menschenrechte? Oder werden die Hoffnungen schon wieder enttäuscht? Diesen Fragen stellte sich der Referent Thomas Schmidinger, Politikwissenschaftler und Lektor an der Uni Wien sowie der FH Vorarlberg, am Freitag vor etwa fünfzig Zuhörern im Theater am Saumarkt.

Pure Verzweiflung

Besonders plastisch schilderte Schmidinger die echte Not und Verzweiflung, aus der der arabische Frühling beispielsweise in Ägypten entstanden ist. Eine Verdopplung der Lebensmittelpreise bedeutete für die Menschen ganz konkret, dass sie sich viele Lebensmittel nicht mehr leisten konnten. Anders als hier, wo es nicht viel ausmacht wenn der Joghurt beim BILLA mal das Doppelte kostet, lebten die Menschen in vielen arabischen Ländern bereits am Existenzminimum. Beinahe über Nacht entstand aus einem zuvor sozialistischen System eine neoliberale Wirtschaft. Ebenso verheerend ist, dass sich viele junge Leute aufgrund Inflation und Arbeitslosigkeit oft bis 35 keine eigene Wohnung leisten können. Keine eigene Wohnung, keine Chance zum Heiraten, und somit religiös und kulturell bedingt auch keine Chance auf legitimierten Sex. Es ist eine Spirale der Perspektivlosigkeit, aus der die Jugend über Facebook und andere Kanäle eine Revolution gegen die bestehenden Herrschaftssysteme startete.

Chance auf Demokratie?

Eine wichtige Rolle spielten auch die Gewerkschaften, zunächst in Tunesien, dann auch in Ägypten. Der Druck einer Streikandrohung war entscheidend für den Entschluss des Militärs, sich auf die Seite der Revolution zu stellen. Die Revolution in Ägypten war um vieles blutiger als in Tunesien, etwa 1.000 Demonstranten sind gestorben und noch einmal 12.000 Demonstranten wurden vor einem Militärgericht zu teils empfindlichen Strafen verurteilt. Ein ägyptischer Blogger wurde nur für eine kritische Bemerkung am Militär zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Aussichten auf eine echte Demokratisierung sieht Schmidinger in Ägypten denn auch skeptischer als in Tunesien: „In ägyptischen Gefängnissen wird weiter gefoltert.“

Viele Publikumsfragen

Nach dem Vortrag meldeten sich viele Zuhörer mit Fragen zu Wort. Die Fragen drehten sich um die Beziehungen der arabischen Staaten nach den Revolutionen zu Israel, über den Einfluss der USA und über die Möglichkeit, Demokratie zu exportieren. Auch hier zeigte Schmidinger, dass er mit dem politischen und gesellschaftlichen Geschehen im arabischen Raum bestens betraut ist.

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