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Rentner-Ehepaare als Geiselnehmer vor Gericht

Es klingt wie ein filmreifer Krimi: Zwei Rentner-Ehepaare - der älteste der Senioren-Gang fast 80 - entführen ihren Anlageberater und halten ihn im Keller eines Hauses nahe dem Chiemsee gefangen.
Sie wollen, unterstützt von einem Ex-Mitarbeiter des Opfers, auf diese perfide Weise fast 2,5 Millionen Euro zurückholen, die der 56 Jahre alte Steuerberater in den USA in den Sand gesetzt hat. Doch dem Finanzexperten gelingt es mit einem Trick, die Polizei auf sich aufmerksam zu machen. Ein Sondereinsatzkommando sprengt das Opfer nach drei Tagen regelrecht aus seinem Verlies. Kein Drehbuch für einen spannenden Krimiabend, sondern im Juni 2009 in Oberbayern tatsächlich passiert.

Ab kommendem Montag muss sich das Quintett, darunter ein Arzt-Ehepaar, vor dem Traunsteiner Landgericht verantworten. Die dortige Staatsanwaltschaft hat alle fünf wegen Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Am 23. März sollen die Urteile in dem spektakulären Prozess verkündet werden.

Die Entführung des in den USA tätigen Anlageberaters, wo die beiden Ehepaare ihr Geld vermehren wollten, hat alle Zutaten eines packenden Kriminalromans. Es kommen ein Klebeband vor und eine Transportkiste, in der das Opfer im Kofferraum durch halb Deutschland gefahren wird. Eine Sackkarre als Transporthilfe fehlt ebenso wenig wie ein mit Brettern verdunkeltes Kellerverlies und gebrochene Rippen.

Die mutmaßlichen Täter, allen voran der 74 Jahre alte Hausbesitzer aus Chieming, gingen mit großer krimineller Energie vor. Die Gier nach dem verlorenen Geld trieb alle fünf in ein Verbrechen, das im vergangenen Sommer deutschlandweit Schlagzeilen machte. Die beiden Ehepaare im Alter zwischen 64 und 79 Jahren hatten in den USA in faule Immobilien investiert und zusammen weit über zwei Millionen Euro verzockt. Als ihr Anlageberater trotz mehrmaliger Aufforderung weder das Geld noch die versprochene hohe Rendite herausrückte, reifte in den Rentner-Gang der Plan, sich die Millionen gewaltsam zurückzuholen.

Am 16. Juni 2009 fahren der Ex-Bauunternehmer und der frühere Kollege des Opfers nach Speyer, wo der 56-Jährige inzwischen wohnt. Sie passen ihn abends im Treppenhaus ab, drängen ihn in die Wohnung und fesseln ihn. Das Klebeband wickeln sie fünf Mal um den Mund und kleben sogar noch ein Nasenloch ab, sodass der Gefangene kaum noch atmen kann. Er wird in eine aus mehreren Umzugskartons zusammengebaute Kiste gesteckt und zum Auto gekarrt. Im Kofferraum geht es Richtung Chiemsee. Bei einem Stopp versucht das Opfer zu fliehen, wird aber überwältigt und regelrecht in den Kofferraum zurückgeprügelt – der Steuerberater bricht sich zwei Rippen.

Unter Drohungen bringen sie ihre Geisel nach nächtlicher Fahrt in das vorbereitete Verlies – das Kellerfenster vergittert, mit Styropor abgedunkelt und von außen mit Brettern verschlagen. Am Nachmittag des 17. Juni kommt das Arzt-Ehepaar hinzu. Der 56-Jährige wird in die Garage geführt, wo die Entführer über ihr Opfer “zu Gericht sitzen”. Im Regal liegt eine durchgeladene Pistole, wie die Staatsanwaltschaft ermittelt hat.

Das Opfer muss mehrere Schreiben unterzeichnen, in denen es die Rückzahlung der zusammen knapp 2,5 Millionen Euro zusichert. Andernfalls werde die Sache für ihn “böse ausgehen”, wie der 74-jährige in siebenter Ehe verheiratete Drahtzieher dem Mann droht. Seine Frau muss für den Gefangenen kochen und ein blutverschmiertes Hemd waschen.

Auf einem Fax an die Adresse eines Schweizer Treuhänders gelingt der Geisel eine verschlüsselte Botschaft, die das doppeldeutige Wort “Police” enthält. Über die Faxkennung findet die Polizei die Adresse heraus. Am vierten Tag seiner Entführung wird der Anlageberater befreit. Bei ihren Vernehmungen gestehen alle fünf das Verbrechen. Doch auch gegen das Opfer wird bei einer anderen Staatsanwaltschaft wegen Untreue ermittelt. Eine Reihe womöglich Geschädigter des Anlageberaters will ihr Geld zurückhaben.

Die 2. Strafkammer des Landgerichts Traunstein hat sich sechs Tage Zeit für die juristische Aufarbeitung des Falles genommen. Dem mutmaßlichen Haupttäter drohen bis zu 15 Jahre Haft. Er wäre bei seiner Entlassung ein Greis von fast 90 Jahren.

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