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Religion ist eine "Zumutung"

Batschuns - Das Bild der umgedrehten Reisschüssel lässt Hans-Joachim Sander nicht los. Der Theologe schaut in diesen Tage oft nach Burma. Er bewundert die Mönche.

Wie sich überhaupt viele Christen solidarisieren. Bischof Elmar rief zum Gebet auf. In der ganzen Welt gehen Menschen auf die Straße. Für Burma. Für die Freiheit. Angespornt vom Mut der Mönche.

Nicht kaufen lassen

„Die umgedrehte Reisschüssel steht für die Umkehrung der Verhältnisse.“ Sander lehrt Dogmatik in Salzburg. Also den ganzen Inhalt dessen, was Christen glauben sollen. Er hat den Papstbesuch mitverfolgt. „Die Menschen zollten dem Intellekt des alten Pontifex Respekt.“ Die Mönche im fernen Burma aber verehren sie. „Sie knien vor ihnen nieder.“ Nicht vor ihrer Religion, sondern weil die Mönche äußersten Mut beweisen. „Die Machthaber hatten ihnen Pagoden (Heiligtümer) gebaut.“ Die Reisschüsseln der Mönche waren sozusagen voll. Nun liegen sie zerbrochen da. Die Mönche haben sich nicht kaufen lassen. „Sie opfern sich und zahlen einen hohen Preis. Aber indem sie sich ohnmächtig der Gewalt aussetzen, erlangen sie Autorität.“ Macht, die aus Ohnmacht erwächst. Da sieht Sander den Bezugspunkt zum Christentum.

Er denkt an das Kreuz und ans leere Grab. An das erste Pfingstfest und die Apostel, „die der Geist hinauszerrt, mitten in die Öffentlichkeit“. In die feindliche, gefährliche Umgebung. „Da wird Religion zur Zumutung. Da stößt der Mensch an eine Grenze. Er muss sich entscheiden. Er kann sich nicht davonschleichen.“ Darin liegt, so Sander, auch die aktuelle Herausforderung an Religion. Das bestimmende Thema lautet nicht, Evolution contra Schöpfungsglauben. So sehr sich Bischöfe und Wissenschaftler auch in den Haaren liegen. „Das dominante Thema heißt: Macht und Religion.“

In der negativsten Ausprägung sprengen religiöse Fanatiker sich und andere in die Luft. Weil sie nur mehr so Identifikation erlangen können: „Ich opfere mich, also bin ich.“ Oder eben positiv, durch die Mönche von Burma, die Sander mit dem Samariter aus dem Neuen Testament vergleicht: „Sie setzen sich ein für Menschen, die unter die Räuber gefallen sind.“

Die einen halten ihre Schwächen inmitten unserer vielschichtigen Welt nicht aus. Die anderen setzen ihre Schwäche ein und wandeln sie in Stärke. Sie erkennen ihre Ohnmacht und laufen doch nicht weg. Sie flüchten sich nicht in diffuse Selbsterlösungsphantasien. Sondern sie wachsen am eigenen Unvermögen.

Frage nach dem „Wo“

Für Sander eine Analogie zur heutigen Rolle der Religion: Die großen Bekenntnisse erhalten zunehmend Konkurrenz. Fast täglich kommt eine neue Religion dazu.“ So befindet sich auch das Christentum Sander zufolge heute in der Situation Adams aus der Paradiesgeschichte: Religion erfährt sich in Bedrängnis. „Sie muss erkennen, dass sie nackt ist.“ Denn Gott fragt nicht: „Wer bist Du?“ So lautet die Frage der Moderne, die oft genug mit Wunschbildern beantwortet wird. „Gott fragt: Wo bist Du? Wo stehst Du? Was bedrängt Dich? Wovor kannst Du nicht ausweichen?“ Die Mönche haben ihre Position erkannt. Dann sind sie losmarschiert.

ZUR PERSON

Referierte im Rahmen des Katholischen Bildungswerkes in Batschuns.

Geboren: geb. 1959 im Saarland
Ausbildung: 1979 bis 1985 Studium von Katholischer Theologie, Mathematik, Geschichte an den Universität Bonn, Trier und Würzburg sowie an der Dormition Abbey in Jerusalem.
Laufbahn: 1997Ö2002 Privatdozent in Würzburg, seit 2002 Univ.-Prof. für Dogmatik in Salzburg
Familie: verheiratet

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