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„Regionalmedien bieten Identität“

VN-Interview. Fritz Hausjell (61), österreichischer Medienhistoriker
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Medienwissenschaftler Hausjell über Fußach, Föderalismus und die Zukunft.

Die Schiffstaufe von Fußach gilt als Beispiel dafür, wie Bundesländerzeitungen für die Interessen ihrer Leser und der Bevölkerung des Landes eintreten. Aber wie war das damals? Und welche Rolle spielen die Zeitungen heute? Medienhistoriker Fritz Hausjell von der Uni Wien beantwortet diese Fragen.

Weshalb wurde die Schiffstaufe in Fußach zu einer solchen Demonstration?

Hausjell In diesem Kontext spielen zwei Punkte eine Rolle. Erstens regierte seit 1945, bis auf den Beginn abgesehen, eine Große Koalition. Das hat sich nach zwei Jahrzehnten totgelaufen. Es entwickelte sich ein exzessiver Proporz, die Auseinandersetzungen wurden schärfer. Zwischen ÖVP und SPÖ war nicht mehr gut Kirschen essen. Die Sozialdemokratie beschrieb Fußach deshalb als Aktion, die von der ÖVP gesteuert war und sich gegen Verkehrsminister Probst von der SPÖ richtete.

Und der zweite Punkt?

Hausjell 1964 befinden wir uns noch keine 20 Jahre nach der NS-Herrschaft. Die Zeit hat Vorarlberg eine unglaubliche psychische Wunde zugefügt, nämlich dass es kein eigener Gau, sondern Tirol zugeschlagen wurde. In vielen gesellschaftlichen Bereichen, auch in den Medien, hat es ein gewisses Maß an Kontinuität gegeben. Da war noch eine Rechnung offen.

Welche Rolle spielten die VN?

Hausjell Sie waren das absolut führende Blatt im Land und haben eine Kampagne gemacht, die man sonst eher vom Boulevardjournalismus kennt. Das hat dazu geführt, dass die Bindung zwischen dem Blatt und dem Land beziehungsweise dessen Bevölkerung gefestigt wurde. Damals wurde aber keine andere Sichtweise auf die Ereignisse in Fußach zugelassen.

Was bedeutet das?

Hausjell Im Jahr 2004 wurde im Rahmen einer Diplomarbeit die Berichterstattung untersucht. Von 89 Artikeln zu Fußach zwischen Oktober 1964 und April 1965 gab es nur zwei Berichte, die eine erheblich andere Sicht auf die Dinge geboten haben.

Welche Rolle spielen Bundesländerzeitungen in einem Land?

Hausjell Im Westen Österreichs haben die Alliierten je Bundesland eine Zeitung etabliert: die VN, die TT, die SN und die OÖN. Im Osten und im Süden wurden hingegen Parteizeitungen forciert. In Zeiten, in denen die Bevölkerung unglaublich informationsorientiert war, waren diese unabhängigen regionalen Medien eine Wohltat. Noch heute spielen sie ihre Stärke aus und berichten über regionale Geschehnisse. Das stärkt wiederum die Leserbindung und die Identität.

Spielt diese Regionalisierung in Zeiten der online Gratismedien noch eine Rolle?

Hausjell Ja. Auf der einen Seite bieten Regionalmedien Identität für jene, die sich durch Globalisierung ein bisschen bedrängt fühlen. Auf der anderen Seite kommt es immer häufiger zu Ortswechseln. Da brauche ich die regionale Information, um mich zurechtzufinden. Und zwar nicht über einen Facebook-Account oder sonstiges. Denn es macht einen Unterschied, ob die Inhalte Werbung und PR-Botschaften sind oder ob sie auf ihren fachlichen Gehalt journalistisch geprüft werden. Die Informationen werden gewichtet und von Selbstdarstellung befreit.

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