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"Rechte Szene ist immer präsenter“

Vorarlberg hat aktive Rechtsextremen-Szene.
Vorarlberg hat aktive Rechtsextremen-Szene. ©dpa/Themenbild
Erschreckende Zahlen in Vorarlberg: W&W sprach mit Experten und einem Aussteiger über das Thema Rechtsextremismus.

Bereits 2015 hatte die Anzahl der rechtsextremen Tathandlungen gegenüber dem Vorjahr stark zugenommen. Eine parlamentarische Anfrage von Albert Steinhauser, Justizsprecher bei den Grünen, zeigt nun erneut erschreckende Zahlen: Im Vorjahr wurde nochmals ein Anstieg von 13,5 Prozent gegenüber 2015 verzeichnet. Gerade in der vergangenen Woche wurde ein 21 Jahre alter Dornbirner am Landesgericht Feldkirch wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung zu einer unbedingten Haftstrafe von 35 Monaten verurteilt. Der Mann hatte vor allem auf Facebook das Dritte Reich verherrlicht und verschiedenen Personen verbal die Gaskammer gewünscht. Doch woher rührt dieser Hass gegen Ausländer und Andersdenkende?

„Ausländerfeindliche Gedanken“

Benjamin Gunz von der ifs Extremismusprävention kennt das Problem und hat auch persönlich die Zunahme von derartigen Ideologien bemerkt. „Uns ist aufgefallen, dass Menschen vermehrt ausländerfeindliche Gedanken formulieren oder sich abwertend gegenüber Migranten oder Asylsuchenden äußern. Die Gesellschaft hat sich an Aussagen dieser Art leider schon fast gewöhnt“, führt der Experte aus. Er weist jedoch darauf hin, dass der Begriff „Rechtsextremismus“ einen deutlichen Schritt weiter geht: „Er beinhaltet starke Ablehnung und Hass bis hin zu Gewaltbereitschaft. Für solche Fälle gibt es in Österreich jedoch glücklicherweise klare gesetzliche Regelungen.“

„Beweggründe der Person verstehen“

„Grundsätzlich sagen rechtsorientierte Aussagen in erster Linie etwas über die Person aus, die die Aussage tätigt. Ängste vor unbekannten Kulturen oder ein eigenes, geringes Selbstwertgefühl können mögliche Gründe sein“, erzählt Gunz. Hier will das ifs unterstützend eingreifen. Die Beratung wird vor allem von Eltern, Angehörigen, Lehrern, Betreuern, aber auch Betroffenen selbst angenommen. „In der Arbeit mit Rechtsradikalismus geht es darum, die möglichen Beweggründe der jeweiligen Person zu verstehen. Kurz gesagt: Wenn die eigenen Bedürfnisse verstanden werden, brauchen die Klienten kein Feindbild mehr“, macht Gunz klar. Auch auf die Möglichkeit, sich bei Auffälligkeiten oder Unsicherheiten rasch Rat bei der Hotline der ifs Extremismusprävention einholen zu können, weist er hin. „Diese ist unter der Telefonnummer 05-1755-507 von Montag bis Freitag durchgehend erreichbar und hilft Betroffenen und Angehörigen bei jeder Art von extremistischem Gedankengut.“

„Mit 16 in die rechte Szene“

Zwar findet sich rechtsextremes Gedankengut in allen Altersschichten, dennoch sind insbesondere Jugendliche anfällig für diverse Ideologien. Der Einstieg in verschiedenste Szenen werde erleichtert. So auch beim heute 31-jährigen Marco aus Hörbranz* (Name und Ort von der Redaktion geändert): „Ich bin im Alter von 16 Jahren aus vermeintlichen Gründen der ,Coolness‘ in die rechte Szene geraten. Damals war ich der Erste in meinem Dorf, der diesen Weg einschlug – es folgten mir aber bald einige weitere Jugendliche nach“, erzählt Marco. „Ich merkte aber immer mehr, dass sich der Zusammenhalt in unserer Gruppe fast ausschließlich aufs Feiern und Provozieren bezog. Familiäre Probleme oder dergleichen interessierten meine Kollegen eher mäßig. Im Alter von 20 verließ ich schließlich die Gruppierung und distanzierte mich von diesem Gedankengut“, erklärt er. Inzwischen hat Marco mit der Szene nichts mehr zu tun. Zeltfeste oder Events, auf denen er seine ehemaligen Freunde treffen könnte, meide er jedoch immer noch.

Treffen im Ländle

Wie stark die Szene in Vorarlberg vertreten ist, zeigt auch ein Neonazikonzert, das im März 2016 im Bezirk Feldkirch stattgefunden hat (W&W berichtete). Auch der Grüne Nationalratsabgeordnete Harald Walser sagt: „Die Anzeigen in Vorarlberg sind überdurchschnittlich stark gestiegen.“

 

„Taten und Anzeigen nehmen massiv zu“

Harald Walser, Nationalratsabgeordneter: „Trotz dieser alarmierenden Zahlen weigert sich die Regierung nach wie vor, den bis 2001 jährlich erschienen und unter Schwarz- Blau eingestellten Rechtsextremismus-Bericht wieder herauszugeben. Während die Zahl der Tathandlungen und der Anzeigen massiv zunimmt, stagniert in Vorarlberg die Zahl der aufgeklärten Fälle.“

Rechtsextremismus-Bericht

2016 wurde der Rechtsextremismus-Bericht von den Grünen wiederbelebt. Unter anderem wurden darin die jährlich vom Innenministerium präsentierten Zahlen ausgewertet sowie rechtsextreme Entwicklungen, Szenen und Vorfälle in den österreichischen Bundesländern thematisiert. Nähere Infos unter www.gruene.at.

„Äußerst schwieriges Thema“

Roman Zöhrer, GF Offene Jugendarbeit Lustenau: „Rechtsextremismus ist ein äußerst schwieriges Thema, welches sich jedoch lohnt, anzusprechen. Auch Personen, die der Szene den Rücken kehren wollen, tun sich oft nicht leicht.“

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