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Prozess gegen Haradinaj begonnen

Vor dem Haager UNO-Sondertribunal für Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien hat am Montag ein Prozess gegen den einstigen Befehlshaber der albanischen Befreiungsarmee UCK begonnen.

Ramush Haradinaj (39) war Befehlshaber der albanischen „Kosovo-Befreiungsarmee“ (UCK) und später Premier des Kosovo. Die am 4. März 2005 veröffentlichte Anklage wirft Haradinaj und seinen Mitangeklagten, Idriz Balaj (36) und Lahi Brahimaj (37), die Teilnahme an einem gemeinsamen verbrecherischen Vorhaben vor, das auf die Vertreibung der serbischen Bevölkerung aus dem West-Kosovo abzielte, einer Region, die von Serben Metohija (Metochien) und von Albanern Dukagjin genannt wird.

Die von Chefanklägerin Carla del Ponte vorgetragenen Vorwürfe der Anklage gegen Haradinaj beziehen sich auf Ereignisse zwischen März und Ende September 1998. Demnach hatten die UCK-Kräfte unter Kontrolle Haradinajs am 24. März 1998 eine Militärkampagne in der Gegend zwischen den Ortschaften Glodjane (Gllogjan) und Decani (Decan) gestartet, um die dortige serbische Bevölkerung zu vertreiben. Del Ponte legt Haradinaj zur Last, in zahlreichen Fällen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben.

Haradinajs UCK unternahm nicht nur Angriffe auf serbische Polizeieinheiten, sondern führte laut Anklage einen gezielten Krieg gegen die unbewaffnete nicht-albanische Zivilbevölkerung, aber auch die „nicht loyalen“ Albaner. Es soll zu Morden, Folter, Entführungen, gewalttätigen Vertreibungen und der Einrichtung von Geheimgefängnissen gekommen sein.

Haradinaj soll der Anklage zufolge als UCK-Kommandant im Dukagjin-Gebiet der Bildung einer berüchtigten UCK-Einheit, der „Schwarzen Adler“, zugestimmt haben, die Anschläge auf Zivilisten verübte. Auch ein UCK-Gefangenenlager in der Ortschaft Jablanica (Jabllanice), wo Zivilisten psychisch und körperlich gefoltert und ermordet wurden, soll im Sommer 1998 unter seinem Kommando eingerichtet worden sein. Haradinaj und seinen Mitkämpfern wird auch die Ermordung von 39 Serben und Roma im Frühjahr 1998 angelastet. Ihre Leichen wurden von serbischen Behörden im September 1998 im Radonjic-See in der Nähe von Glodjane, dem Geburtsort Haradinajs, entdeckt.

Haradinaj, der unmittelbar nach Bekanntgabe der Anklage sein Amt als Premier niederlegte und sich dem Haager Tribunal stellte, wurde bis zum Prozessbeginn auf freiem Fuß belassen und durfte sich als einziger Haager Angeklagter auch politisch betätigen. Der Ex-Regierungschef des Kosovo bestreitet jede Verantwortung für Kriegsverbrechen. Er werde auf unschuldig plädieren, versicherte Haradinaj bei der letzten Verhandlung vor Beginn des Prozesses. Die Anklage will ihre Beweise in 37 Anklagepunkten mit mehr als 90 Zeugen erbringen.

Der Belgrader Sender B-92 berichtete am Montag unter Berufung auf gut unterrichtete Kreise, dass die Zeugenzahl „mehrfach“ niedriger sein dürfte. Die Mehrzahl der Zeugen habe es sich anders überlegt und sei nicht mehr aussagewillig, mehrere seien unter noch ungeklärten Umständen ums Leben gekommen, berichtete der Sender. Erst neulich war in Podgorica in Montenegro in einem Verkehrsunfall ein Zeuge ums Leben gekommen. Medien berichteten danach, dass zwei weitere Zeugen nicht mehr vor dem UNO-Gericht aussagen wollten. Haradinaj ließ sich seine Verteidigung viel kosten. Nach Angaben seiner Anwälte wurden bisher 7,5 Mio. Euro verbraucht. Eineinhalb Millionen Euro würden noch benötigt.

Zeugen werden bedroht

Zu Beginn der Sitzung wies Chefanklägerin Carla Del Ponte auf massive Drohungen gegen von ihr benannte Zeugen hin. In keinem anderen Verfahren seien aussagewillige Zeugen dermaßen Bedrohungen und Einschüchterungen ausgesetzt wie in diesem Prozess. Der Schutz der Zeugen werde entscheidend für das Verfahren sein, ohne Zeugen müsse sie die Anklage zurückziehen, warnte Del Ponte.

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