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Polit-Lektüre für's Nachtkästchen: "Obama. Der schwarze Visionär"

Sucht man bei buecher.de nach "Obama", spuckt der Internet-Buchhandel nur drei Wochen nach der historischen US-Wahl 142 Titel aus. Das etwa 280 Seiten starke Werk "Obama. Der schwarze Visionär" von Thomas Hofer und Norbert Rief ist einen zweiten Blick wert.

Zum einen ist Rief seit 2003 “Presse”-Korrespondent in den USA und hat daher den Aufstieg Obamas von Anfang an, sprich seit dessen aufsehenerregender Parteitags-Rede 2004, mitverfolgt.

Zum anderen steuerte Hofer – früher Journalist beim “Profil”, heute Politikberater in Wien – in mehreren Kapiteln Wahlkampf-Fachwissen bei. Vor allem die Aussicht auf einen Blick hinter die Kulissen eines spektakulären Wahlkampfes, der mehr als je zuvor über das Internet geführt wurde und beispielgebend für die Zukunft sein wird, macht Lese-Gusto. Der journalistische Schreibstil der beiden und das Bemühen um anschauliche Vergleiche machen das Buch zu einer entspannten, streckenweise auch spannenden Nachttisch-Lektüre auch für Nicht-Experten.

Eine überraschende Perspektive auf die US-Politik und die internationalen Krisenherde darf der geneigte Leser jedoch nicht erwarten. “Obama. Der schwarze Visionär” kaut auf weiten Strecken das wieder, was in den Zeitungen seit dem US-Superwahltag im Februar schon zu lesen war: Man lässt den Wahlkampf Revue passieren, zitiert großzügig aus den Reden des designierten 44. US-Präsidenten, schildert Obamas Werdegang vom Harvard-Absolventen hin zum Senator des Staates Illinois, präsentiert Jugend- und Familienfotos.

So verspricht auch der Untertitel “Zeitenwende für die Weltpolitik?” mehr als er halten kann. Die Analyse der außenpolitischen Herausforderungen für den neuen (weiterhin?) mächtigsten Mann der Welt bleibt beim Gewohnten: Der Krieg im Irak dürfte zu Ende gehen, Afghanistan wird uns noch länger beschäftigen, am Pulverfass Pakistan brennt bereits die Lunte, die USA werden von Europa mehr Engagement fordern. Neu erscheinen lediglich einige – interessante – Details: Wussten Sie, dass Obama erst der fünfte Afroamerikaner im Senat war oder dass er in Diskussionen gern die Rolle des Moderators einnimmt? Dass ein Politikberater namens Steve Hildebrand ihn zur Kandidatur bei den Demokraten überredete oder auch dass sein republikanischer Gegner John McCain am Tag vor der Wahl sieben US-Staaten bereiste?

Zugutehalten muss man Hofer und Rief die Wahrung von Distanz. Obwohl das überall in den USA entfachte Obama-Fieber auch an den Autoren nicht spurlos vorüberging, gelingt es ihnen, nicht nur darzustellen, wie der Boden beschaffen war, auf dem die Worte des demokratischen Kandidaten derart fruchten konnten. Die Autoren übernehmen auch den bereits vor Amtsantritt gesponnenen Mythos nicht unkritisch. Obama werde zwar jetzt “als ein Allheilmittel für alle nur denkbaren Probleme” gesehen, aber noch habe er sich nicht unter Beweis stellen müssen, unterstreichen sie.

Zu Obamas “Sozialarbeiter”-Vergangenheit merken die USA-Kenner kritisch an, dass man nicht wisse “wie viel Kontakt er mit den täglichen Problemen der dort (in der South Side von Chicago) lebenden Afroamerikaner tatsächlich hatte (…) da Obama Direktor der Organisation war”. Und obwohl sie die historische Bedeutung der Wahl für das Selbstverständnis der Afroamerikaner betonen, stellen die Autoren klar: Obamas Hautfarbe habe ihm auf dem Weg ins Weiße Haus “weder geschadet noch genutzt”.

Die Stärke des Buches liegt in der Fähigkeit der Autoren, komplexe Zusammenhänge transparenter zu machen. Die Immobilienkrise und die Folgen für die gebeutelte Mittelschicht werden verständlicher, wenn die betroffene Mittelklasse-Familie den Namen Miller trägt und der Collegefonds für Tochter Kathie auf einmal nicht mehr genügend abwirft. Auch woran das lückenhafte Gesundheitssystem der USA krankt und wieso Reformen bisher scheiterten, wird verständlich erklärt.

“Obama – Der schwarze Visionär” verschafft – auch mit einer ausführlichen Wahlkampf-Chronologie – einen guten Überblick über das gesellschaftliche Umfeld, in dem die einstige First Lady Hillary Clinton überraschend scheiterte und der erste Afroamerikaner zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Es zeichnet Obama als einen neuen, überaus charismatischen Typ Politiker – und kündet hoffnungsfroh vom Ende der “Cowboys” im Weißen Haus.

S E R V I C E: Norbert Rief und Thomas Hofer: “Obama. Der schwarze Visionär – Zeitenwende für die Weltpolitik?”, ca. 280 Seiten, Molden Verlag, Euro 24,95. Vorstellung am Mittwoch, den 26. November um 19 Uhr in der Wiener Hauptbücherei mit der ehemaligen österreichischen Botschafterin in den USA, Eva Nowotny.

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