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Planspiele für die humanitäre Irak-Katastrophe

Auch die humanitären Hilfsorganisationen müssen sich auf mögliche Hilfseinsätze in dem Golfstaat und seinen Nachbarländern vorbereiten.

Während die USA und Großbritannien zehntausende Soldaten in die Golfregion entsenden und ihre Vorbereitungen für eine Militärintervention vorantreiben, versuchen die internationalen Helfer, die Folgen eines möglichen Krieges für die Zivilbevölkerung abzuschätzen. Zwar stehen humanitäre Helfer ohnehin allzeit für die zahllosen Konflikte in der Welt bereit. Dennoch gibt es zusätzliche Planspiele für den Irak.

Bestes Beispiel für die widersprüchliche Lage der Hilfsorganisationen ist das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR). „Natürlich müssen wir uns auf dem Papier für alle möglichen Szenarien vorbereiten“, sagt Stefan Telöken, deutscher Sprecher des UNHCR. Auch die schlimmsten Szenarien würden durchgespielt. Darüber hinaus gehende Vorbereitungen gebe es aber nicht, denn das UNHCR gehe „weiter davon aus, dass es nicht zum Krieg kommt“. Auf keinen Fall will es mit seinen Vorbereitungen Vorschub für einen Krieg leisten.

In der Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts will das UNHCR auch zu möglichen Flüchtlingszahlen keine offiziellen Angaben machen. „Wir wollen daraus kein Geheimnis machen, aber wir wissen ganz einfach nicht, was geschehen wird“, sagte UNHCR-Sprecher Kris Janowski in Genf Anfang der Woche nach einem zweitägigen Planungstreffen, bei dem das Flüchtlingshilfswerk, das Welternährungsprogramm (WFP), das Kinderhilfswerk (UNICEF) und die UNO-Koordinierungsstelle für humanitäre Angelegenheiten vertreten waren.

Ende Dezember hatte die britische Zeitung „Times“ allerdings aus „streng geheimen“ UNO-Unterlagen zitiert, wonach mit bis zu 900.000 irakischen Flüchtlingen in den Nachbarländern und 100.000 Verletzten zu rechnen ist. Die Hilfsorganisation medico international rechnet zudem mit bis zu zwei Millionen Binnenflüchtlingen, deren Versorgung im Irak sehr schwer werden würde.

Sollte es zum Krieg kommen, wäre das UNHCR laut Telöken für die Flüchtlinge außerhalb des Irak zuständig. Die Diakonie Katastrophenhilfe stellt sich ebenfalls auf eine mögliche Versorgung von Flüchtlingen in den Nachbarländern ein, die deutsche Welthungerhilfe prüft derzeit, wie sie helfen kann.

Zahlreichen Helfern könnte der Zugang zu irakischem Territorium allerdings verwehrt werden. Washington hat angedroht, Hilfsorganisationen bei Ausbruch des Krieges aus dem Irak auszuweisen. Damit hielten sich die USA unerwünschte Beobachter fern, erklärt Reinhard Hermle, Vorsitzender des Verbandes Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO). Ähnliches habe Washington schon im Kosovo praktiziert. Möglicherweise würden die USA auch selbst humanitär aktiv, vermutet er. Eine derartige Vermengung von militärischen und Hilfsaktionen bedeute allerdings „den Tod der unabhängigen Hilfe“, warnt Hermle.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) geht tatsächlich davon aus, dass das Rote Kreuz und der Rote Halbmond die Einzigen sein werden, die sich um Verletzte und Flüchtlinge im Irak kümmern werden. Auch die Organisation “Ärzte ohne Grenzen“, die sich bei den irakischen Behörden seit Jahren um eine Einreisegenehmigung bemüht, hält dies für möglich.

Das IKRK ist nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) seit 20 Jahren in Irak aktiv, der Rote Halbmond ist in der Türkei und Jordanien vertreten. Koordiniert wird die Hilfe in der IKRK-Zentrale in Amman. „Die Lagerhäuser sind gefüllt mit Zelten, Decken und Lebensmitteln“, versichert DRK-Sprecher Lübbo Roewer. Mitarbeiter des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds nehmen seit Jahren medizinische Schulungen im Irak vor. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Sicherung der Wasser- und Stromversorgung. Kommt es zum Krieg, wird das IKRK die nationalen Rot-Kreuz-Organisationen um Unterstützung bitten. Das DRK hält dafür Hilfskrankenhäuser bereit, die es binnen 72 Stunden überall in der Welt aufbauen kann.

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