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„Persönliche Anfeindungen waren quälend und nicht auszuhalten!“

Sonntags-Talk mit Hans-Peter Martin.
Sonntags-Talk mit Hans-Peter Martin. ©VOL.AT/MiK
Der Bregenzer Dr. Hans-Peter Martin gehörte zu den polarisierendsten Politikern. Im Sonntags-Talk mit WANN & WO sagt er: „Den innerlichen Vulkan in mir kann man nicht einfach ausblasen!“

WANN & WO: Was machen Sie momentan? Sind Sie in Vorarlberg?

Hans-Peter Martin: Ich lebe wieder hier und mit einer großen Leidenschaft am Berg, bin in einer ganz anderen Situation als die vergangenen 50 Jahre. Ich mache nur das, worauf ich Lust habe, bin kein Getriebener mehr. Meinem verstorbenen Vater muss ich nichts mehr beweisen, genauso wenig, wie Lesern, Wählern und mir selbst. Es ist richtig gut so, wie es ist und es einfach der zweite Abschnitt in meinem Leben.

WANN & WO: Ist Hans-Peter Martin nach dem Leben in San Francisco, Wien, Hamburg, Washington, Rio de Janeiro, Prag, Brüssel und Straßburg zur Ruhe gekommen?

Hans-Peter Martin: Nein! (lacht herzhaft) Schou i so us? Mein Körper hat mir seit Jahren sehr deutlich gesagt, mal eine Zeit lang Ruhe zu geben. Aber den innerlichen Vulkan in mir kann man nicht einfach ausblasen.

WANN & WO: Begonnen hat das Ganze ja schon in der Schulzeit.

Hans-Peter Martin: Vorarlberg in den 70er-Jahren war etwas anderes als heute. Dei Regierung war von Sturheit und Eng stirnigkeit geprägt, eingebettet in ein teilweise äußerst verlogenes Wertekonzept. Ich wuchs jedoch in einer sehr aufrührerischen Schulklasse am BG Bregenz auf, mit Paul Renner, Markus Barnay, Stefan Gubser, Frank Mätzler, Christoph König und vielen anderen. Wir wurden richtig geknechtet von vielen Lehrern, die damals noch mehr „Nazilehrer“ waren als irgendetwas anderes. Dieser Überdruck ließ unsere zunächst innere Rebellion ausbrechen, zumal wir intensiv geschlagen wurden, ich zusätzlich von meinem Vater, der absolut kein Familienmensch war und zu dem ich leider meist kein gutes Verhältnis hatte. Da bin ich zum Glück entkommen, hinein in das für mich prägendste Jahr meines Lebens: mit einem einjährigen USA-Stipendium nach der sechsten Klasse, heraus aus diesem braunen Gebäude da oben. Nahe bei San Francisco durfte ich erfahren, dass man Menschen nicht in ein Schema hineinzwingen muss, sondern sie sich in jenen Bereichen entfalten können, in denen ihre Stärken liegen. An der High School gab es täglich eine „Medien“- und eine „Vortrags“-Stunde, in der man lernte, seine Meinung zu vertreten. Hinzu kam ein hochwertiger Unterricht über moderne Regierungsformen – und diese ansteckende Leichtigkeit und Offenheit der Menschen, die sich im Erfolg mit dir freuen und nicht neidisch sind. Und bei einer Niederlage sagen sie: Steh auf, mach weiter, und nicht: Ätsch! Ich kam wie befreit zurück, als Vorarlberger Kalifornier, als den ich mich bis heute empfinde.

WANN & WO: Ist ein Revoluzzer ins Exil gegangen, um noch revolutionärer aus den USA zurückzukommen?

Hans-Peter Martin: Elternhaus und Schule hatten mich schon mit 14 Jahren politisiert. In den USA habe ich auch ein paar Sachen angestellt. Wir gaben z.B. die erste alternative Schülerzeitung heraus, „The Other Hand“. Da kam dann das FBI, weil ich über die damals alle faszinierende Entführung der Zeitungserbin Patricia Hearst geschrieben hatte. Mein Artikel entstand auf Grundlage frei Diese Rückkehr nach Vorarlberg, das Leben in den Bergen, ist für mich ein Aufbruch, weil ich jetzt frei bin und tun kann, wozu ich Lust habe.

WANN & WO: Das „Ziehen auf den Berg“ klingt aber eher nach Rückzug.

Hans-Peter Martin: Im Gegenteil: Lech ist international wie eine Großstadt und spannende Menschen aus aller Welt sind zugänglicher als an ihrem Arbeitsort. Seit sechs Jahren habe ich meinen Hauptwohnsitz in Lech, vor zwei Jahren bekam ich die Chance, ein fast 400 Jahre altes, ehemaliges Bauernhaus in Zug zu kaufen. Mein Sohn ist aus dem Haus, jetzt 22, studiert Medizin in London, großartig! Das Haus behandle ich wie ein zweites Kind, nur langsam, Jahr für Jahr, kommt die Renovierung voran. Auf meiner „archäologischen Suche“ bin ich z.B. in der Küche hinter sieben Schichten auf den alten, vermutlich in Ochsenblut getränkten Holzstrick gestoßen, den ich jetzt freilege. Zu den Geschichten, an denen ich derzeit arbeite, gehört die dieses Hauses – gerade, weil es mir mit dem gesamten Hausrat überlassen wurde, vom Hochzeitskleid der Großmutter bis zum benützten Kondom eines Skilehrers, der darin zuletzt wohnte. Letzteres ist natürlich längst beseitigt. (lacht)

WANN & WO: Das erste unpolitische Buch von Hans-Peter Martin?

Hans-Peter Martin: Ist das unpolitisch? Geht das überhaupt? Ein ganzes Buch wird das wohl nicht, doch eine Geschichte von unendlicher Armut über Jahrhunderte, ganz hinten imTal, das von so manchen Lechern als Schattenloch belächelt wird. Dort ging es lange darum, den Winter zu überleben, nicht, möglichst umfänglich am wachsenden Reichtum der reichsten Gemeinde Österreichs teilzuhaben. Neben dem Schreiben bin ich ein leidenschaftlicher Tiefschneefahrer. Diese zauberhaften Morgen, wenn es in der Nacht reichlich geschneit hat, die Sonne aufsteigt und sonst nirgendwo irgendwer ist, lösen in mir mit die intensivsten Glücksmomente aus, die ich kenne. Das ist ein wunderbarer Kontrast zu meinem bisherigen Leben, weil ich so dumm war, von 1979 bis 2014 nie mehr als zwei Wochen Urlaub am Stück gemacht zu machen, jede Woche zweimal im Flieger saß und außerdem oft jedes Jahr 50.000 Kilometer hinter dem Lenkrad.

WANN & WO: Haben Sie diesen Schritt so beabsichtigt?

Hans-Peter Martin: Schon 2008 sagten die Ärzte: Herr Martin, entweder Sie folgen Ihrem Vater“ – der hat viel gearbeitet, einen Herzinfarkt bekommen, einen zweiten Herzinfarkt bekommen und war tot, „oder Sie finden einen angemessenen Ausgleich.“ Seither suchte ich ihn, und spürte an den Wochenenden ab dem Flexenpass: jetzt ist Brüssel weit hinter mir. Durch das ehemalige Bauernhaus gibt es nun die Chance, dass alles einen journalistischen Tiefgang bekommt und nicht nur Tiefschnee bleibt.

WANN & WO: Mit was für einem Gefühl blicken Sie auf Ihre politische Karriere zurück?

Hans-Peter Martin: Letztlich mit einem mulmigen. Ich hätte wissen müssen, wie es läuft. Mit Büchern und weiteren publizistischen Arbeiten hätte ich mehr erreichen können.

WANN & WO: Wie hat sich die Politik auf Ihr Privatleben ausgewirkt?

Hans-Peter Martin: Mir war klar, dass ich nur mit einem starken privaten Rückhalt in diesem Milieu durchhalten kann. Als die Politik zu Ende war, ist mir nichts abgegangen, ganz im Gegenteil. Es war eine extrem schmerzliche Niederlage, wie meine erste Ehe parallel zum Einstieg in die Politik scheiterte. Die Konsequenz war, sich auf die Beziehungen zu besinnen. Ich führe seit 15 Jahren eine intensive Ehe und habe ein inniges Verhältnis zu meinem Sohn. Mein persönliches Umfeld ist international, bestärkend, belebend und inspirierend. Ich habe nie verstanden, wie man sich in diesem ausgehöhlten Raumschiff Brüssel wohl fühlen kann. Heute bereue ich den Gang in die Politik.

WANN & WO: Sind die Anfeindungen gegen Sie ein Mitgrund dafür?

Hans-Peter Martin: Selbstverständlich! Zwischen 2004 und 2014 gab es zwölf Strafanzeigen von politischen Gegnern. Am Schluss wurden die Verfahren eingestellt, nie kam es nur ansatzweise zu einer Anklage. Das war politisches Kalkül und hat enorm viel Energie, Zeit und Geld gekostet. Sie wollten an mir ein Exempel statuieren: dass wer tatsächlich unabhängig ist, nicht auf Dauer bestehen kann.

WANN & WO: Wie haben sie die persönlichen Anfeindungen ausgehalten?

Hans-Peter Martin: Gar nicht. Es war quälend, mein Körper hat mit Tinnitus und anderen Beschwerden reagiert. Es ging nur, weil ich im Kopf und finanziell immer unabhängig war.

WANN & WO: Kann eine Person etwas ändern?

Hans-Peter Martin: Einer muss den ersten Stein ins Wasser werfen, und welche Kreise der dann zieht, wird sich zeigen.

WANN & WO: Muss man für den Erfolg in einer Partei opportun sein?

Hans-Peter Martin: Man muss heutzutage Vollgas geben im Opportunismus. Ausnahmen gibt es nur wenige. Die führenden Figuren, die Wiederaufbau und die europäischen Idee vorangetrieben haben, würden weggemobbt von dieser riesigen anonymen Funktionärsschlammlawine.

Wordrap

EU: Unverzichtbar, aber weiterhin wären grundlegende Reformen nötig

Bregenz: Mein Geburtsort, der sich viel mehr trauen sollte. Als Tor zu den Alpen und zum See könnte ein zweites Montreux daraus werden, mit spannender Architektur und der Bahn unterflur

March Against Monsanto: Beruhigend, dass es solche Initiativen gibt

Pegida: Unfähigkeit der Politik, mit Problemen so umzugehen, dass die BürgerInnen diesen Irrweg erkennen

Gerechtigkeit: Der zentrale Antrieb meiner journalistischen und politischen Arbeit

Journalismus: Ein wunderbarer Beruf, wenn man ihn tatsächlich unabhängig ausüben kann

Träume: Weiterhin viele, erleichternder Weise immer weniger Albträume

Familie: Früher etwas Vages, seit 15 Jahren essenziell

Dr. Hans-Peter Martin

Geboren: 11. August 1957 in Bregenz

Beruf: Journalist, Autor, Politiker, ehemaliger Abgeordneter im EU-Parlament

Wohnort: Lech

Bücher: (u.a.) Bittere Pillen, Die Globalisierungsfalle

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