„Patienten bleiben auf der Strecke!“

Im hinteren Bregenzerwald werden in Zukunft noch Dr. Fink und Dr. Schwarzmann in Bezau sowie Dr. Ganthaler in Au praktizieren.
Im hinteren Bregenzerwald werden in Zukunft noch Dr. Fink und Dr. Schwarzmann in Bezau sowie Dr. Ganthaler in Au praktizieren. ©APA
Im hinteren Bregenzerwald werden ab Juli nur noch drei anstatt bisher fünf Ärzte mehr als 8400 Menschen behandeln. Dr. Jodok Fink aus Bezau spricht mit W&W über die Schwierigkeit, junge Ärzte für Landpraxen zu beigeistern.

WANN & WO: Was hat die Verminderung von fünf auf drei Ärzte für eine dermaßen großes Gebiet (258 km²) im Speziellen für die Patienten für Auswirkungen?

Dr. Jodok Fink: Bisher hatten wir in jeder Gemeinde einen Arzt. Die Stelle in Schoppernau wurde mehrfach ausgeschrieben – sogar österreichweit, bisher war aber noch keine passende Bewerbung dabei. Mellau wird ab nächstem Jahr wieder besetzt sein. Momentan sieht die Situation aber folgendermaßen aus: Wenn ein Schoppernauer zum Arzt will, und Dr. Ganthaler in Au z.B. Urlaub hat, muss er bis nach Bezau fahren, immerhin eine Strecke von gut 20 Minuten mit dem Auto. Für jemanden der Rückenschmerzen hat und bisher die Ordination in der eigenen Gemeinde aufsuchen konnte, ist das Ganze jetzt mühsamer. Im Speziellen für ältere Menschen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, ist der Aufwand sehr groß. Eine ärztliche Bereitschaft in der bisherigen Form können wir nicht aufrechterhalten.

WANN & WO: Ist die lange Fahrzeit bei Notfällen nicht problematisch?

Dr. Jodok Fink: Wir haben das Glück, in Au rund um die Uhr ein Rot-Kreuz-Team stationiert zu haben. Wird ein Notruf abgesetzt, werden die Rettung, die First-Responder sowie der nächst gelegene Notarzt alarmiert. Für den Notfall sind wir also nach wie vor gut aufgestellt.

WANN & WO: Ist die Anzahl der Patienten oder die weiten Wege die größere Herausforderung für die Ärzte?

Dr. Jodok Fink: Sowohl als auch. Hinzu kommt die Tatsache, dass im hinteren Bregenzerwald im Winter der Skitourismus beheimatet ist. Damüls wurde vergangenes Jahr aus dem Dienstsprengel Hinterbregenzerwald abgespalten. Warth hingegen fällt in unserem Zuständigkeits­bereich. Bisher hatte Dr. Wüstner aus Schoppernau eine zweite Ordination in Warth, da seine Pensionierung ansteht, wird auch diese geschlossen. Von Au nach Warth sind es mehr als 20 Kilometer – etwa eine halbe Stunde zu fahren. Was das für die Patienten bedeutet, kann sich jeder selbst ausrechnen.

WANN & WO: Natürlich hat die Verminderung auch eine Auswirkung auf die Ärzte. Welche sind das?

Dr. Jodok Fink: Ganz abgesehen von der großen Patientenanzahl, werden auch die Dienstzeiten erheblich länger, da wir nach wie vor Notarztdienste verrichten. Im schlimmsten Fall hat ein Arzt fünf Tage und Nächte, also 120 Stunden am Stück Bereitschaft.

WANN & WO: Es ist sehr schwierig, junge Ärzte für Landarztpraxen zu gewinnen. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Dr. Jodok Fink: Ich denke, die vielen Dienste schrecken ab. Zudem bevorzugen die jungen Leute Ballungszentren als Wohnräume. Hinzu kommt, dass inzwischen relativ viele Frauen Ärztinnen sind, eine Landarztpraxis mit einer Familie zu kombinieren ist sehr schwierig. Auch die veränderte Familienstruktur, dass also die Frau oft nicht mehr in der Arztpraxis mitarbeitet, trägt dazu bei. Außerdem hat sich die Allgemeinmedizin enorm vergrößert – viele trauen sich nicht mehr zu, das gesamte Spektrum zu beherrschen. Zudem geht der Trend in Richtung Spezialisierungen auf gewisse Fachgebiete.

WANN & WO: Wie kann man junge Ärzte für die Landmedizin begeistern?

Dr. Jodok Fink: Man ist bemüht, Lehrpraxen einzurichten – in Vorarlberg gibt es bisher vier. Bis diese Bemühungen aber Früchte tragen, wird es einige Jahre dauern. Wir Ärzte wünschen uns außerdem, dass die Hausapotheken beibehalten werden. Mit einer kleinen Gesetzesänderung, die es einfacher macht, eine Hausapotheke einzurichten oder beizubehalten, kann die Landmedizin wieder attraktiver gemacht werden. Im Moment hat man das Gefühl, der Politik ist es wichtiger, jede Gemeinde mit einer Apotheke zu versorgen, als mit einem Arzt. Ein praktisches Beispiel ist Mellau. Ab nächstem Jahr wird dort wieder eine Ärztin praktizieren. Das Apothekengesetz erlaubt im Radius von sechs Kilometern nur eine Apotheke. Sie muss ihre Praxis deshalb außerhalb des Dorfzentrums errichten, um aus dem Schutzradius der Bezauer Apotheke hinauszufallen und eine Hausapotheke einrichten zu können.

Zur Person

Ludwig Berchtold
Ludwig Berchtold ©VOL.AT/Ludwig Berchtold

 

Name: Jodok Fink
Alter: 59
Wohnort: Bezau
Ausbildung: Gymnasium Mehrerau, Medizinstudium an der Universität Innsbruck

2 Fragen an Dr. Anton Ganthaler, Landarzt in Au im Bregenzerwald

Stichwort Landmedizin. Wie sehen Sie die Problematik?

Patientenanwalt Gerald Bachinger erläutert, dass es auf dem Land einen riesigen zunehmenden Medizinermangel gibt. Mit dem Nachsatz, dass sich die Politik von der Ärztekammer in die Knie zwingen habe lassen, um ‚aussterbende, klassische Landärzte künstlich am Leben zu erhalten‘. Der Patientenanwalt hat offensichtlich übersehen, dass sein Klientel – die Patienten – auf der Strecke bleiben und nicht die Ärzte. Beim derzeitig europaweiten Mangel an guten Allgemeinmedizinern muss uns niemand künstlich am Leben erhalten. Bei einer weiteren Verschlechterung der Situation werden wir uns vorher selbst umweltgerecht ins Ausland entsorgen. Als aussterbende Spezies möglicherweise sogar in ein Museum.

Wie sieht die Zukunft der Landärzte aus?

Man kann jede Stelle attraktiv machen. Die Frage ist nur, ob man, das auch will. Unattraktiv gemachte allgemeinmedizinische Stellen ebnen auch den Weg für primäre Versorgungszentren (sind das Allheilmittel für die künftige ambulante Gesundheitsversorgung in Österreich und sollen den klassichen Hausarzt ablösen). Ich weiß immer noch gegen was wir Vorarl berger Ärzte am 3. Juni 2008 vor dem Landhaus demonstriert haben: Gegen ambulante Versorgungszentren (AVZ). Vielleicht hat das Kind darum jetzt einen neuen Namen bekommen.

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