Oper als Anti-Heimatfilm: "La Wally" am Theater an der Wien

"La Wally" von Alfredo Catalani basiert auf dem "Geier-Wally"-Roman
"La Wally" von Alfredo Catalani basiert auf dem "Geier-Wally"-Roman ©APA/THEATER AN DER WIEN
Das Hochgebirge ist ein Metallgerüst, mit Wassergefäßen, aus denen regelmäßig etwas herunterschwappt. Eine schroffe, ärmliche Metapher für einen reißenden Wasserfall - und ein Stück Bühne, auf dem sich "La Wally" am Theater an der Wien endgültig im unwegsamen Gelände verliert. Am Freitagabend war am Theater an der Wien Premiere der Oper von Alfredo Catalani - in der Regie von Barbora Horakova Joly, die das mit Hits ohnehin nicht gesegnete Stück in dröge Unwirtlichkeit setzt.

Die 1892 uraufgeführte Oper basiert auf dem "Geier-Wally"-Roman von Wilhelmine von Hillern, der etwa 20 Jahre zuvor erschienen war und mit seinem Alpenmelodram über eine wilde, unerhört starke und unabhängige Tiroler Bergschönheit halb Europa erobert hatte. Catalani legte der ungewöhnlichen Heldin eine tolle Arie in den Mund - ein One-Hit-Wonder innerhalb des One-Hit-Wonders dieser seiner einzigen heute noch ab und an gespielten Opern.

Dem spätromantischen Schwelgeduktus aus dem Orchestergraben - Andres Orozco-Estrada dirigiert die Wiener Symphoniker und versucht dem Abend mit Kraft statt musikalischer Überzeugungskunst etwas echte Dramatik abzugewinnen - stellen Horakova und ihr Team keine alpine Idylle bei, sondern errichten Marke Anti-Heimatfilm eine karge, lieb- und kohäsionslos ausgestattete Szene. Mit der Berg- und Dorfwelt wird hart ins Gericht gegangen. Säufer allesamt, jagd- und tötungsgeil, wie uns riesige Detailaufnahmen des Tiere Erlegens und Verspeisens im Hintergrund unmissverständlich wissen lassen - und vom Leben im Gebirge hart oder psychisch krank gemacht.

Wally (Izabela Matula) ist diesbezüglich keine Ausnahme und kommt weniger als tragische Heldin ihrer Umstände, denn als ausgewiesene Borderlinerin mit Wanderstiefeln daher. Ihre Vertreibung vom väterlichen Hof, als sie die Ehe mit dem in schwerer Depression vor sich hin stolpernden Gellner (Jacques Imbrailo) verweigert, mündet in der Oper nahtlos in ihre triumphale Rückkehr als reiche Erbin und den fatalen Kusstanz mit dem feschen Jäger Hagenbach (Leonardo Capalbo), dem das gewaltige, in blutige Binden gehüllte Geweih in seinem Rucksack selbst nicht ganz geheuer erscheint.

Weil nach der reinen Lehre des heimatkritischen Topos die Bergmenschen nicht fähig sind, Emotionen auszudrücken, zugleich aber von Catalani mit einem wuchernden Übermaß an Gefühlswallung ausgestattet sind, bleibt nur der Weg in die Überzeichnung. Karikaturhaft wird gelacht und gezittert, durch- und abgedreht. Das macht müde. Und es wird dabei natürlich auch gesungen - großteils sehr ordentlich bis sehr gut, aber ohne bleibenden Glanz und in allen Hauptpartien immer wieder mit Force. Nuanciert singend, aber tendenziell szenisch unterbeschäftigt findet sich der Schoenberg Chor in dieser unterkühlten Landschaft wieder. Freundlicher, zurückhaltender Applaus.

(S E R V I C E - "La Wally" von Alfredo Catalani. Musikalische Leitung: Andres Orozca-Estrada. Regie: Barbora Horakova Joly. Bühne und Kostüme: Eva-Maria Van Acker. Mit Izabela Matula, Leonardo Capalbo, Jacques Imbrailo, Ilona Revolskaya, Alastair Miles. Wiener Symphoniker, Arnold Schoenberg Chor. Weitere Termine am 15. | 17. | 19. | 22. | 25. November, 19 Uhr. Theater an der Wien. Auf ORF III am 23. Jänner 2022. )

(APA)

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