Neue Österreich-Ausstellung in Auschwitz eröffnet

Bundespräsident Van der Bellen in Auschwitz im Jänner 2020
Bundespräsident Van der Bellen in Auschwitz im Jänner 2020 ©APA/BUNDESHEER
Die Erinnerung an die Opfer zu bewahren sei "unser Wille und unsere Verpflichtung". Das betonte Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Montag zur Eröffnung der neuen österreichischen Länderausstellung im ehemaligen NS-Konzentrationslager und nunmehrigen Museum Auschwitz-Birkenau. "Und es ist unser Wille und unsere Verpflichtung, daran zu erinnern, dass nicht nur die Opfer, sondern auch Täter und Täterinnen Teil unserer Gesellschaft waren und von ihr geprägt waren."

Auch wenn Österreich als Staat nicht mehr existiert habe, sondern als "Ostmark" Teil des sogenannten Dritten Reiches gewesen sei, so seien doch "viele Menschen unseres Landes" teilweise an führender Stelle unter den Tätern im NS-Vernichtungsprogramm gewesen. "Wir alle kennen diese Geschichte, und doch war es lange Zeit Staatsdoktrin, dass Österreich das erste Opfer des Nationalsozialismus sei" - unter Ausblendung der "Vorgeschichte und der Täter- und Täterinnenschaft vieler Menschen unseres Landes", so Van der Bellen. Dies habe sich auch in der 1978 eröffneten ersten österreichischen Ausstellung in Auschwitz widergespiegelt, an deren Stelle nun die neue Ausstellung "Entfernung - Österreich und Auschwitz" trete, die auch die Involvierung von Österreichern als Täter darstelle. Dem Andenken der Opfer des Holocaust werde man nur gerecht, "wenn wir dafür sorgen, dass Menschenverachtung, Sündenbockdenken und Gewalt niemals wieder als politisches Instrument eingesetzt werden", unterstrich der Bundespräsident.

"Es war und es ist nicht weit von Wien nach Auschwitz, weder räumlich, noch zeitlich", sagte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) in Anspielung auf den Titel der neuen Ausstellung, "Entfernung", in seiner Rede. Gedenken verlange nach Konsequenzen, "im Hier und Jetzt, im Morgen und Übermorgen". Es könne "keinen Kompromiss mit dem Antisemitismus" geben, unterstrich Sobotka. In der vorhergehenden Ausstellung sei die Darstellung der Mittäterschaft und Mitläuferschaft "weitgehend unthematisiert" geblieben. In der neuen Ausstellung würden nun auch "die Täter und ihre Taten ins Licht gerückt": "Konfrontation mit unserer Geschichte kann keine Konfrontation mit einer halben Geschichte sein", betonte der Nationalratspräsident.

"Auschwitz ist der größte Friedhof der Welt", sagte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch. Hier habe der letzte Schritt der Vernichtung stattgefunden, die Ausgrenzung habe in den Städten und Dörfern in ganz Europa begonnen, "in der unmittelbaren Nachbarschaft unserer Großeltern und Eltern". Früher habe es keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gegeben. Heute sei das anders, auch in der neuen österreichischen Ausstellung: "Wir gedenken nicht mehr alleine als jüdische Gemeinde, sondern gemeinsam mit der Staatsspitze und mit Jugendlichen aus ganz Österreich", so Deutsch.

"Die Erinnerung dient der Zukunft, unseren Kindern und späteren Generationen", auch deshalb sei die neue österreichische Ausstellung in Auschwitz so bedeutsam. "Sie ermöglicht eine Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. Es geht nicht nur um Statistiken, es geht um Menschenleben", betonte Deutsch, der bei der Gedenkfeier auch aus einem Brief seiner Großmutter vorlas, den diese vor ihrer Deportation nach Auschwitz 1943 geschrieben hatte.

Europaministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) betonte, Auschwitz dürfe nie in Vergessenheit geraten oder gar banalisiert werden. "Die Wurzeln des Hasses sind bis heute in der Mitte, ja in der Tiefe der Gesellschaft vorhanden." Mehr als 70 Jahre nach der Shoah nehme Antisemitismus in ganz Europa, ja weltweit zu. Im Kampf gegen diesen Hass sei die gesamte Gesellschaft gefragt. Wenn sich bei Corona-Demonstrationen Menschen mit Holocaust-Opfern verglichen oder Corona-Impfstoffe in sozialen Netzwerken mit dem Nervengift Zyklon B gleichgesetzt würden, "dann ist jeder und jede aufgerufen, dagegen aktiv aufzutreten". Derartige "abscheulichen Entgleisungen" dürften keinesfalls "stillschweigend toleriert" werden. "Das ist das Mindeste, das wir tun können. Das ist unsere Pflicht gegenüber den Millionen unschuldig ermordeten Opfern."

Auch Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) rief in seiner Rede in Erinnerung, dass nicht nur Opfer, sondern auch Täter aus Österreich kamen. Die neue Ausstellung stelle sich "ohne jegliche Scheuklappen auch diesem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte" und räume klar "die historische Verantwortung unseres Landes" ein. "Wir müssen uns den Schatten der Vergangenheit stellen. Sei es als Staat, als Politikerinnen und Politiker oder als Individuen. Denn nur so kann es uns gelingen, aus einem 'niemals vergessen' ein 'nie mehr wieder' zu machen." Österreich engagiere sich auch in seiner Außenpolitik, um gegen Antisemitismus, Gewalt, Hass und Diskriminierung weltweit aufzutreten, etwa im Rahmen der Mitgliedschaft in der Internationalen Allianz zum Holocaustgedenken oder im Menschenrechtsrat der UNO.

Kurator Hannes Sulzenbacher sagte im Vorfeld der Eröffnung der neuen Ausstellung gegenüber Journalisten, wenn man als Häftling nach Auschwitz gekommen sei, sei die österreichische Geschichte eigentlich "weg, bedeutungslos, nicht mehr greifbar" gewesen. Es sei nur mehr darum gegangen zu überleben. "Alle Fäden zur Heimat waren abgerissen." Die Idee der Ausstellung sei deshalb gewesen, alle Themen, die mit Österreich zu tun hätten, nicht mit realen Objekten herzuzeigen. "Es hat hier den Status einer Erinnerung." Die Vorgeschichte sei in eine Art virtuellen Raum gerückt worden. Als Kontrast dazu würden die realen Objekte gezeigt, die direkt mit Auschwitz zu tun hätten. Man habe die "Entfernung" auch wahrnehmbar machen wollen.

Hannah Lessing, die Generalsekretärin des Nationalfonds, der mit der Koordinierung der Neugestaltung der Schau betraut war, sagte zur APA, die Ausstellung von 1978 sei eine Ausstellung gewesen, die von den früheren österreichischen Häftlingen gestaltet wurde. "Das heißt, sie war keine schlechte Ausstellung, aber sie war durch die Augen der Opfer gesehen, also ein Kind ihrer Zeit. Und es war wichtig, dass damals die Opfer auch sprechen durften. Trotzdem ist im Eingangsbereich ein Teil gewesen, der wirklich Österreich als erstes Opfer dargestellt hat. Und nach der Erklärung von Franz Vranitzky war das einfach nicht mehr möglich, es war klar, dass es eine Mitverantwortung gibt."

Als sehr komplex beschrieb Lessing die Sanierungsarbeiten. "Man kann nicht einfach in einen UNESCO-Welterbe-geschützten Raum etwas hineinstellen. Man muss wirklich schauen, dass jeder Stein umgedreht wird, ist das ein Originalstein, muss man ihn konservieren, etc. Und das haben wir eigentlich die letzten acht Jahre getan, das war unglaublich komplex, aber es war auch sehr schön zu sehen, wie hier mit Originalsubstanz vorsichtig umgegangen wird."

Das Besondere an der Ausstellung sei für sie unter anderem, "dass ein junges Team Historiker, die eine andere Sichtweise auf österreichische Geschichtsschreibung haben", die Balance halte zwischen "Andenken an die Opfer, aber auch gleichzeitig Nennung der Täter", sagte Lessing. "Man kann nicht die Täter aussparen, weil meine Großmutter würde noch am Leben sein, hätte es keine Täter gegeben. Diese Balance muss man haben in so einer Ausstellung." Die Schau sei sehr schön und minimalistisch umgesetzt. Mehr braucht es aus ihrer Sicht aber auch nicht: "Es ist wirklich der Ort, der alles erzählt."

Auschwitz-Birkenau war das größte der nationalsozialistischen deutschen Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg. Mehr als eine Million Menschen kamen dort um. Sie wurden in Gaskammern getötet, erschossen oder durch Zwangsarbeit und Hunger in den Tod getrieben. Die meisten der Opfer waren Juden. Auch sowjetische Kriegsgefangene, Roma und Sinti, Polen, politische Gefangene und Homosexuelle waren unter den Ermordeten.

(APA)

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