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Neuanfang mit Ersatzfamilie: Bibiana Beglau am Burgtheater

Am Sonntag geht es wieder los für Bibiana Beglau. Da hat "Maria Stuart" Wienpremiere im Burgtheater. "Wir freuen uns sehr auf unsere Clique, weil wir als Ensemble sehr gerne beieinander sind und zusammen spielen", sagt sie. "Und wir freuen uns sehr, dass wir dann unsere Mikroports los sind." Auf der Perner-Insel in Hallein seien sie aus akustischen Gründen notwendig gewesen: "Regen schluckt dort derart viel Sprache, dass es für die hinteren Plätze kaum mehr verstehbar ist."

Es war ein kurzer, intensiver Sommer für die Burgschauspielerin. Zunächst drehte sie mit der jungen Regisseurin Hanna Doose den Film "Wann kommst Du meine Wunden küssen?" (kommt 2022 in die Kinos), dann probte und spielte sie "Maria Stuart". Parallel hatte sie einige Drehtage für eine Serie mit Jan Bonny. "Ich hatte schon auch Ferien", lacht sie in ihrer Berliner Wohnung beim Zoominterview mit der APA. "Also eigentlich hatte ich meinen nächsten Text, den ich lernen muss, und meine Badehose. Was eigentlich ganz schön war." Welcher nächster Text? "Ich steige bei 'Der Untergang des Hauses Usher' ein, das Barbara Frey gemacht hat und am gleichen Tag Premiere bei der Ruhrtriennale hatte wie wir mit 'Maria Stuart' bei den Salzburger Festspielen. Michi Maertens und ich werden uns nämlich eine Zeit lang eine Rolle teilen. Hoffentlich klappt es."

Vorerst steigt die Schauspielerin jedoch als Elisabeth in "Maria Stuart" und zwei Tage später, am Dienstag, als Martha in "Wer hat Angst vor Virigina Woolf?" wieder in den Ring. Die Salzburger Kritiken waren großteils sehr positiv, für Befremden bis Rätselraten sorgte jedoch bei vielen der Chor aus 30 meist nackten Männern, der als wenig aufschlussreich empfunden wurde. "Es ist eine Installation, so wie bei Romeo Castellucci, und der sagt, das ist Bühnenkunst und da zählen eben unerklärte Momente dazu", sagt Beglau und erzählt ein wenig von der Vorgeschichte: "Der Männerchor ist quasi unser Bühnenbild. Künstlerisch ist es total super, pandemiemäßig ist es total ätzend. Eigentlich war der Chor - oder die Kunstinstallation - aus Pandemiegründen bereits abbestellt worden, dann haben wir aber gemerkt: Wir brauchen noch eine andere Kraft. Ich bin sehr froh, dass wir diese Männer wieder haben, denn die Bilder, die durch sie entstehen, sind unschlagbar. Wir spüren diese Kraft, die von ihnen ausgeht, sehr."

Ihre Kontrahentin in der Titelrolle der Maria Stuart ist Birgit Minichmayr. War auch einmal die gegenläufige Besetzung im Gespräch? "Nein, es war immer klar, dass Birgit die Maria spielt und ich die Elisabeth. Wir stellten aber beim Arbeiten schnell fest, dass die Strukturen, die Koordinaten der beiden Frauen relativ ähnlich sind. Die haben miteinander gar kein so großes Problem. Schiller lässt im Gespräch der beiden eine dann einen falschen Ton anschlagen und unter die Gürtellinie gehen, dadurch eskaliert es. Wenn die einander wirklich begegnet wären, wären sie wohl eher neugierig aufeinander gewesen. Möglicherweise hätten sie sich gut verstehen können."

Dass die beiden Protagonistinnen gut miteinander auskommen, bewies sich in diesem Sommer auch im bayerischen Starnberg. Als Minichmayr dort mit dem Hannelore-Elsner-Preis ausgezeichnet wurde, schickte Beglau per Video einen Lobgesang auf die sechs Jahre jüngere Kollegin. Vor zehn Jahren sei man einander bei Frank Castorfs "Kasimir und Karoline"-Inszenierung am Residenztheater erstmals begegnet und sei unversehens, "da wir uns zu spät um Wohnraum gekümmert hatten", schließlich zu zweit auf Matratzen in einer Miniwohnung gelandet. "Das war ziemlich absurd, aber wir haben uns sehr gut verstanden. Es wurde am Abend Musik gehört und diskutiert, das war sehr schön. Insofern war es jetzt das Geschenk einer Wiederbegegnung."

Faszinierend ist in "Maria Stuart" auch die Begegnung zweier konträrer Spielstile: Während Birgit Minichmayr ihre Figur ganz aus der Sprache heraus entwickelt, setzt Bibiana Beglau starke Körperlichkeit dagegen. "Das ist vielleicht auch meine Art, mit Text umzugehen. Ich würde nie behaupten, ich würde Charaktere spielen. Ich versuche, Psychologie in eine Wesenhaftigkeit umzulegen. Ich versuche, den inneren Menschen zu finden, der sich dann über Körper und Sprache ausdrückt. Wenn ich eine Überschrift über meine ganze bisherige Bühnenarbeit geben müsste, dann würde ich das heute vielleicht so beschreiben: Es ist ein Hinblicken auf das Zerrissensein, das Unzulängliche, das Menschsein; eine Mitleidswerbung für das Geschöpf Mensch. Ich versuche das Innere umzustülpen, den Körper umzukrempeln. Das war schon im Studium so, das mich das interessiert hat. Aber ich hatte damals noch keine richtigen Worte dafür."

Auch ihre bisher in Wien gezeigten Figuren, ihr Mephisto etwa, oder ihre Thusnelda in der "Herrmannschlacht" waren kraftvoll und hochenergetisch. Diese Zuschreibungen erlebe sie ständig, schmunzelt Beglau. "Selbst wenn ich mich in Inszenierungen so gut wie nicht bewege, wie in Heiner Müllers 'Zement', sehen alle in diesem Stehen Bewegung." Dazu kommt, dass die Schauspielerin über einen muskulösen Körper verfügt, bei dem man sich fragt, mit wie vielen Stunden täglichem Training der wohl fit gehalten werde. "Ja, das werde ich immer wieder gefragt", stöhnt sie. "Aber das ist das Genmaterial. Mit diesen Armen bin ich geboren worden. Es ist so, wie es ist."

Und es ist gut so. Auch, dass endlich wieder gespielt werden kann. Denn "Leben ohne Kunst und Theater finde ich nicht möglich. Wenn uns Kunst fehlt, dann fehlt uns geistiger Sauerstoff. Wenn wir den nicht haben, werden wir verrohen. Das geht einige Zeit gut, aber nicht auf Dauer. Wir brauchen Tänze, Lieder, wir brauchen Geschichten, die uns andere erzählen." Wenn Bibiana Beglau über die Unverzichtbarkeit von Kunst spricht, läuft sie zu großer Form auf. Ihr flammendes Plädoyer für ihr Metier ("Schreien, kämpfen und morden wir in aller Exzessivität nicht lieber auf den Bühnen? Ist uns ein Königsdrama von Shakespeare, wo alle am Ende tot sind, nicht viel lieber als ein echter Baukran, an dem fünf Menschen aufgeknüpft werden?") schlägt unversehens in eine Huldigung um, die man so nicht erwartet hätte: "Aus was besteht denn Österreich? Aus Essen, Sport, Kunst und Bühnenkunst! Wie viele Theater gibt es denn hier? Verdammt noch mal, wie toll ist das! Das ist eine Hochkultur, die wir uns in Europa leisten und fördern..."

Seit zwei Saisonen ist die gebürtige Braunschweigerin nun Ensemblemitglied des Burgtheaters. Richtig angekommen fühlt sie sich aufgrund der vergangenen Pandemieeinschränkungen noch nicht. "Ich kam ja mit zwei Übernahmen aus München, mit 'Faust' und 'Virginia Woolf', und dann machte der Laden von einem Tag auf den anderen dicht. Das ist für ein Haus und ein neuen Intendanten die Hölle. Wir hatten nur ein paar Mitbringsel und Anker, viel Neues zu schaffen war uns gar nicht möglich. Deswegen sehe ich die kommende Saisoneröffnung als ein Zeichen, dass man jetzt neu anfängt."

Wien empfinde sie jedoch "so viel attraktiver als vor 20 Jahren, als ich mit 'König Ottokar' hier war, weil es internationaler geworden ist. Man hört andere Sprachen, sieht andere Hautfarben, die Kunst ist noch einmal anders aufgestellt. Das freut mich. Auch wenn ich über die Stadt noch nicht wirklich viel sagen kann, gibt es schon Dinge, bei denen ich mich hier heimisch fühle. Vor allem gilt das für bestimmte Kollegen. Menschen sind immer meine Heimat, mehr als Gebäude. Das Ensemble hier ist ganz toll. Das sind Menschen, die aus dem gleichen Holz geschnitzt sind, die sich aufeinander freuen. Das ist auf Zeit meine Ersatzfamilie."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(APA)

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