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NBZ-Durdu vergleicht heutige Stimmung mit jener in Vorkriegszeit

Durdu sieht "totale Enthemmung".
Durdu sieht "totale Enthemmung". ©dpa
Murat Durdu, Generalsekretär der Vorarlberger Arbeiterkammer-Fraktion NBZ (Neue Bewegung für die Zukunft) sieht eine "totale Enthemmung" gegen Türken, die durch die Politik genährt werde. Er habe das Gefühl, jederzeit dazu verdammt werden zu können, mit einem gelben Halbmond auf der Brust herumzulaufen.
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NBZ-Generalsekretär Murat Durdu vergleicht in einem Interview mit den “Deutschen Wirtschafts Nachrichten” (hier in Gänze nachzulesen) die Stimmung in Österreich mit jener in der Zeit vor dem II. Weltkrieg. “Wir wissen was in den 1920er Jahren in Österreich passiert ist, wie die Stimmung schrittweise gegen eine Gruppe aufgebaut wurde. Ganz ehrlich: Ich habe das Gefühl, dass ich jederzeit dazu verdammt werden könnte, mit einem gelben Halbmond auf der Brust herumzulaufen”, so Durdu. Er wünsche sich, dass es nur einen Einzigen in der Politik gebe der aufstehe und sage: “Hört nicht auf die. Ihr seid ein Teil von Österreich, und Österreich ist ein Teil von euch”.

Durdu: Kurz und Kern “einschließlich der Parteien” wollen uns weghaben

Sozialdemokraten und Christdemokraten seien alle nach rechts abgedriftet, sagt Durdu. Es komme innerhalb der österreichischen Bevölkerung zu Attacken gegen Menschen, die die Täter für “Muslime” oder “Türken” halten würden. Als Beispiel führt er an, dass sein Vater und seine Mutter in einem Restaurant etwas essen wollten. Als sein Vater nachgefragt hätte, ob in einem Gericht Schweinefleisch sei, habe der Ober geantwortet: “Wissen Sie eigentlich, in welchem Land Sie leben?” Die Lage sei anschließend eskaliert. Durdu verdeutlicht, dass aus seiner Sicht insbesondere die erste Generation der Austro-Türken sich diese Behandlung nicht verdient habe. Er bezeichnet dies im Interview als “zutiefst ungerecht”. Außenminister Sebastian Kurz und Kanzler Kern – einschließlich der Parteien – würden nicht nur sagen, dass sie “uns weghaben wollen” – sie würden das auch so meinen. “Ich bin Österreicher”, so Durdu weiter. Aber mit türkischen Wurzeln und kein Gastarbeiter. Im offenen Brief – VOL.AT berichtete – ginge es nicht um Erdogan. Es sei eine Reaktion auf die Aufforderung der Politiker, Österreich zu verlassen.

Durdu: Totale Enthemmung, die von Politik genährt wird

Im Interview sagt der NBZ-Generalsekretär weiter, dass er Berichte über verbale und physische Angriffe gegen Frauen mit Kopftüchern erhalte. Vieles würde nicht durchsickern, da es keine Anlaufstelle gebe. In den Schulen würde das Thema Erdogan offensiv thematisiert – was laut Durdu “immer darin endet, dass die türkischstämmigen Schüler den Schikanen der Mitschüler und Lehrer ausgesetzt sind”. Auch von dort würden “flächendeckende Übergriffe” gemeldet. Es finde eine totale Enthemmung statt “die durch die Politik genährt wird”. Vorfälle, die vor Jahren noch undenkbar gewesen seien, seien mittlerweile Alltag. Eine gezielte Verfolgung gebe es noch nicht, von einer Pogromstimmung könne man noch nicht reden, da die Türken noch nicht um ihr Leben fürchten müssten. Die Hälfte der Österreicher sei gegen diese Politik – “auch wenn sie schweigen”.

“Türkischstämmige Minderheit nicht illoyal”

Laut Durdu diente die “Kampagne” dem Zweck, einen Sündenbock zu schaffen. Den Politikern sei es egal, ob sie den inneren Frieden beschädigen. Nach Durdus Meinung gehe es vor allem darum, den Aufschwung der FPÖ zu verhindern.

Zudem betont er, dass die türkischstämmige Minderheit nicht illoyal sei. Aus Sicht der österreichischen Politik seien “Türken nicht integrationsfähig”. Wenn er aber seinen Glauben, seine Lebensweise und seine Identität komplett aufgeben müsse, sei das eine Form der Zwangsassimilation und keine Integration.

Offener Brief sorgte für Aufsehen

Ein offener Brief der NBZ hat ja in den letzten Tagen für reichlich Aufregung gesorgt – von Österreich habe die NBZ mehr Empathie erwartet. Das türkische Volk habe vehement gegen die “Zermürbung der Demokratie” gekämpft, daher hätte Österreich der Türkei klar und deutlich beistehen müssen. Insbesondere Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) wird von der NBZ scharf ins Visier genommen. Kurz’ Aussagen seien an “Feindseligkeit” gegenüber der Türkei und den Österreichern mit anatolischen Wurzeln kaum zu übertreffen. Weiter heißt es, die Aussagen von obersten Instanzen würden Fremdenhass anfachen. Der Brief endete mit dem Hinweis, dass “dutzende Arbeiterinnen und Arbeiter dazu bereit wären Österreich mitsamt ihren Familien zu verlassen.” Voraussetzung dafür wäre, dass sie ihre bisher einbezahlten Sozialleistungen und die Beiträge in die Pensionskasse zurückbekommen würden.

FP-Landesparteiobmann Reinhard Bösch nimmt diesen Vorschlag sehr ernst. “LH Wallner und Außenminister Kurz sind aufgefordert, das Angebot der türkischen Community ernst zu nehmen und unverzüglich über das Sozial- und Finanzministerium in Verhandlungen zu treten, in welcher Form die finanziellen Forderungen von Seiten türkischer Mitbürger, die sie als Voraussetzung für das Verlassen unseres Landes nennen, berechtigt seien und in Folge auch darauf einzugehen”, sagt Bösch in einer Aussendung der Ländle-FPÖ.

Gross: Worte Abrüsten

Auch die Vorarlberger Grünen haben zum offenen Brief “Neuen Bewegung für die Zukunft” Stellung genommen. Klubobmann Adi Groß fordert zu einer “Abrüstung der Worte” auf.

VP-Frühstück: Verhandlungen denkbar – Politik hält niemanden zurück

VP-Klubobomann Roland Frühstück nahm im Gespräch mit VOL.AT zu der Causa Stellung. “Ich bin doch überrascht, dass ein aus meiner Sicht nicht unerheblicher Anteil unserer türkischen Community es in drei Generationen offensichtlich nicht geschafft hat, sich bei uns so zu verwurzeln, dass sie nicht den Lockrufen erliegt”. Er glaube nicht, dass es richtig sei, dass man in Österreich türkische Innenpolitik mache. Zu dem konkreten Vorschlag der NBZ meint er, es habe immer wieder Rückführungsprojekte gegeben – und man solle dies ruhig wieder verhandeln. Hier sei der Innenminister schon “dran”. “In irgendeiner Form hat bei diesem Teil der türkischen Community die Integration nicht ganz funktioniert”.

Wallner: “Kein Platz für türkische Innenpolitik in Vorarlberg”

In der Beantwortung des offenen Briefs der Arbeiterkammfraktion NBZ durch Landeshauptmann Markus Wallner fordert dieser in aller Klarheit dazu auf, die türkische Innenpolitik nicht nach Vorarlberg zu tragen: „Die türkische Innenpolitik hat in Vorarlberg keinen Platz“. Der Landeshauptmann ortet mangelnden Integrationswillen und fordert von der türkischen Gemeinschaft ein klares Bekenntnis zu Vorarlberg und seinen Werten. Wallner erinnert die türkischen Spitzenvertreter in Vorarlberg an ihre unmittelbare Verantwortung, wenn es um ein friedliches Zusammenleben in Vorarlberg geht.

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