Missbrauchsopfer bricht Schweigen

Frastanz - Franz Lutz (58) aus Frastanz wurde als 12-jähriger Bub von einem Kaplan missbraucht. Weil er die Vertuscherei der Kirche satt hat, macht der Frastanzer seine Geschichte in der "NEUE am Sonntag" öffentlich.

Früher war es in ländlichen Gemeinden üblich, dass Kinder bei der Jungschar waren. Auch Franz Lutz (heute 58) aus Frastanz gehörte dieser katholischen Jugendgruppe an. Der Kaplan des Ortes nahm die Jungschärler unter seine Fittiche. Der junge Geistliche war unter den Kindern gefürchtet – weil er sie zu Aufklärungsunterricht vergatterte. Der Kaplan gab den Jungschärlern in seiner Wohnung Einzelunterricht. Und der sah laut Lutz folgendermaßen aus: „Ich musste die Hose runterlassen. Dann hat er mich an den Geschlechtsteilen angefasst und erklärt wie sie funktionieren.“

Lutz war damals 12 Jahre alt. Der Kaplan Anfang 30. Der Bub war schockiert und total irritiert. „Ich wusste nicht was los ist.“ Daheim vertraute er sich seiner Mutter an. Doch die glaubte ihm nicht. „Sie meinte, ich solle mit dem Blödsinn aufhören. So etwas tue ein Priester nicht.“ Der Bub, der nicht ernstgenommen wurde, dachte sich: „Dann versuchst du es halt zu vergessen.“ Und tatsächlich, die Verdrängung funktionierte. Bis in jene Tage Mitte der 1990er-Jahre, in denen publik wurde, dass Kardinal Hans Hermann Groer Jugendliche sexuell missbraucht hatte. „Da erinnerte ich mich wieder an alles. Da kam alles hoch.“

Lutz begab sich in Therapie, um das Erlebnis aufzuarbeiten. Auch in Selbsthilfegruppen fand er Unterstützung. In diesem Kreis hörte er von „Sachen, die viel schlimmer waren als das, was ich erlebt hatte. Da hatte ich ja noch Glück.“

Freund beging Selbstmord

15 Jahre später holte ihn die Vergangenheit aber erneut ein. Als heuer reihenweise Missbrauchsfälle an katholischen Schulen aufflogen, litt Lutz still. „Ich dachte, es wäre bei mir nichts mehr da. Doch ich musste fast kotzen.“ Der Missbrauchskandal erinnerte ihn aber auch an seinen Freund, der am Leben gescheitert war und vor drei Jahren Selbstmord begangen hatte. Der Freund von Lutz wurde in seiner Jugend sexuell missbraucht. „Er besuchte eine katholische Eliteschule in Vorarlberg. Ein Pater missbrauchte ihn nächtens schwer.“

Wüst beschimpft worden

Lutz konnte und wollte nun nicht mehr schweigen. Er ging mit seinem Fall zur Polizei und wandte sich in einem Leserbrief an die Öffentlichkeit. In diesem rief er den Bischof dazu auf, zurückzutreten – „denn jede Anwendung von Gewalt ist Missbrauch, dazu zählen auch Prügel“ – und tat kund, dass er aus der Kirche austreten werde. Die Reaktionen darauf waren heftig und alles andere als christlich. Das Auto von Lutz wurde zerkratzt. Er wurde am Telefon wüst beschimpft. Und er bekam bitterböse Post. Einer schrieb gar: „Du scheiß Sozi­schwein (Anm.: Lutz war bis vor wenigen Monaten Landesgeschäftsführer der SPÖ Vorarl­berg), diese Hetzkampagne, wirst schon sehen wohin das führen wird. Dir hätte man mehr Prügel geben sollen.“ Doch Lutz lässt sich nicht einschüchtern und mundtot machen. Auch nicht von jenen, „die dafür beten, dass es mir schlecht geht“. Denn: „Wenn ich irgendwo Unrecht seh, dann kann ich nicht still sein.“ Die Wahrheit, so ist der dreifache Vater überzeugt, ist ein guter Begleiter durchs Leben. Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Offenheit sind für den 58-Jährigen schon immer wichtige Werte gewesen.

Unbedeutendes Geschwätz

Für ihn, den Wahrheitsliebenden, ist es unerträglich, wie die Kirche mit den Missbrauchsfällen umgeht. „Vom Papst abwärts wird vertuscht wo es nur geht. Und dann wird noch jede Kritik am Papst und an der Kirche als ,unbedeutendes Geschwätz dieser Tage‘ abgetan“, empört sich Lutz. Der 58-Jährige weiter: „Der Kirche geht es nur um ihr Ansehen. Die Opfer sind ihr egal. Der Organisation ist nur wichtig, dass Schaden von ihr abgewendet wird.“ Deshalb rät er Opfern auch, sich an kirchenunabhängige Stellen zu wenden, zum Beispiel an die Plattform für Betroffene kirchlicher Gewalt (siehe Kasten oben). Kirchliche Ombudsstellen würde er wie der Teufel das Weihwasser meiden. Denn: „Der Missbrauch geschah ja unter dem Dach derselben Einrichtung.“ Weil Lutz die Vertuscherei und das Totschweigen satt hat und er die Wahrheit aufgrund fürchterlicher Schicksale kennt und ihr zum Durchbruch verhelfen möchte, entschloss er sich, mit seiner „Geschichte“ an die Öffentlichkeit zu gehen. Ein Priester, von dem Lutz glaubte, dass er ein Freund sei, versuchte ihn „mit allen psychologischen Tricks“ vom Outing abzuhalten. „Der Pfarrer meinte, ich solle zum Psychologen gehen.“ Doch Lutz ließ sich nicht beirren und ging diesen Schritt „im Namen von vielen anderen, die sich nicht trauen“. Vor dem Outing verabschiedete er sich aus der Kirche. „Mit dieser Kirche möchte ich nichts mehr zu tun haben.“ Lutz hat eine andere Vorstellung von Kirche. „Kirche, das ist für mich Pater Sporschill oder Bischof Kräutler.“ Der 58-Jährige wirft aber nicht alle in einen Topf. Seiner Meinung nach gibt es in dieser Institution viele gute Sachen und Menschen. „Die leiden aber unsagbar unter diesen Machenschaften.“ Änderungen sind nach Lutz in der katholischen Kirche nicht zu erwarten, denn: „Rom denkt in Jahrhunderten.“ Mit dem Austritt ist für den Frastanzer das Thema erledigt. „Ich fühl mich wohl seit ich ausgetreten bin. Ich bin wie befreit.“

Plattform für Betroffene kirchlicher Gewalt

Die Plattform für Betroffene kirchlicher Gewalt ist eine von der Kirche unabhängige Anlaufstelle für Missbrauchsopfer. Tel. 0699/10369369).

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