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"Meinem Leben noch eine Chance gegeben!"

Nadines außergewöhnliches Äußeres ist ein Spiegel ihrer Seele.
Nadines außergewöhnliches Äußeres ist ein Spiegel ihrer Seele.
Nadine Koch (22) hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Heute spricht sie mit W&W über ihren Weg zurück.
Vorarlberg: Suizidbericht 2014
Experten im VOL.AT-Interview

Vergangenen Donnerstag wurde der Suizidbericht 2014 veröffentlicht. 45 Menschen haben sich im Jahr 2014 in Vorarlberg das Leben genommen. Weltweit stirbt nach Schätzungen alle 40 Sekunden ein Mensch in Folge eines Selbstmordversuchs. Nadine Koch (22) aus Rankweil leidet am Borderline-Syndrom und hat versucht, sich das Leben zu nehmen. “Mit 14 habe ich das erste Mal gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Ich konnte mich zu gar nichts überwinden – außer zum Trinken.” Anstatt die Schule zu besuchen, hat sie schon in der Früh mit Trinken angefangen. “Um dazu zu gehören, habe ich mir auch die Haare geschoren. Davon habe ich mich nach einem halben Jahr in der Jugendpsychiatrie erholt”, erklärt Nadine. Ihr Umfeld hat sich von ihr abgewendet, nur ihre Familie ist immer hinter ihr gestanden. Sie konnte die vierte Klasse nachholen – ihre schulischen Leistungen verbesserten sich stetig. Sie besuchte die HTL in Dornbirn – bis zur vierten Klasse. “Es kam wieder ein Tief. Ich konnte mich selbst nicht motivieren, es war mir nicht möglich, Termine einzuhalten. Meine Noten wurden wieder schlecht, dadurch geriet ich in Erklärungsnot.”

“Pulsadern aufgeschnitten”

Sie sah nur noch einen Ausweg. “Ich habe mich in die Badewanne gesetzt und habe mir die Pulsadern aufgeschnitten – benebelt von Alkohol und zugedröhnt mit Medikamenten.” Was dann passiert ist, grenzt an ein Wunder: ein Anruf von ihrem Exfreund. “Ich habe nur gesagt, dass ich bald nicht mehr da bin. Er hat gleich geschalten und die Rettung verständigt. Danach sind meine Erinnerungen nur noch schwammig.” Ein Aufgebot an Rettungskräften, Feuerwehrleuten und Polizeibeamten war vor ihrem Haus. Ein halbes Jahr wurde sie im Krankenhaus in Rankweil stationär behandelt. Die Todessehnsucht von damals ist für sie heute unverständlich. “Meine Narben sind mir aber nicht peinlich. Sie sind ein Teil von mir, sie gehören zu meiner Geschichte.” Über Gefühle zu reden fällt Nadine extrem schwer: “Ich habe panische Angst davor, jemandem zu erzählen, wie es mir wirklich geht.” Sie sieht das als Grund für ihren Suizidversuch: “Alles in sich hinein fressen funktioniert auf Dauer nicht, sich zurückziehen ist in solchen Situationen verkehrt – sich jemandem zu öffnen ist der richtige Weg.”

“Immer ein Ausweg”

Nadine betont: “Auch wenn im einen Moment alles ins Nichts zu führen scheint, es gibt immer einen Ausweg, immer! Ich habe meinem Leben noch eine Chance gegeben.” Die Rankweilerin macht jetzt eine Lehre zur Textiltechnikerin und steht mit beiden Beinen im Leben. Ihr buntes Auftreten und ihre positive Ausstrahlung stechen sofort ins Auge: “Mein Style spiegelt meine Seele, meine Stimmung wider. Schminken ist eine Kunst. Mein Körper und mein Gesicht sind weiß, und ich bringe Farbe darauf. Das macht mir unglaublich viel Spaß.” Mit Vorurteilen aufgrund ihres Aussehens hat Nadine nicht zu kämpfen, im Gegenteil. Sie ist rundum zufrieden: “Ich stehe mit einem Lächeln auf, und gehe mit einem Lächeln ins Bett!”

Zur Person

Name: Nadine Koch
Alter: 22
Wohnort: Rankweil
Beruf: Textiltechnikerin:
www.facebook.com/dinaeee13

Expertenmeinung: “Ein komplexes Zusammenspiel”

Prim. Prof. Dr. Reinhard Haller: “Wir wissen, dass sich Suizidalität immer aus einem komplexen Zusammenspiel von Umweltfaktoren, biologischsomatischen, persönlichkeitsspezifischen sowie Verhaltensaspekten entwickelt. Viele Suizide werden von älteren Menschen mit psychischen Störungen verübt. Je älter, desto entschlossener wird ein Suizidplan durchgezogen. Kriseneinrichtungen sind eher auf die Bedürfnisse jüngerer Menschen ausgerichtet. Hinzu kommt die Angst dieser Altersgruppe vor Stigmatisierung, wenn sie Hilfe in Anspruch nehmen und die Schwierigkeit, Hilfe von fremden Personen zu akzeptieren.”

3 Zahlen aus dem Suizidbericht 2014

45 Personen – 37 Männer und acht Frauen sind im vergangenen Jahr durch Suizid gestorben. Vorarlberg liegt bei der Suizidrate mit einem Wert von 9,9 deutlich unter dem österreichischen Durchschnitt von 11,2.

65- bis 74-Jährige und 45- bis 54-Jährige sind in absoluten Zahlen die größte Risikogruppe. Zu beachten ist, dass zu den statistisch erfassten Selbsttötungen älterer Menschen eine vergleichsweise hohe Dunkelziffer hinzugerechnet werden muss.

1291 Personen sind 2013 in Österreich durch Suizid gestorben. Das bedeutet, dass die Zahl der Suizidtoten fast dreimal so hoch ist wie beispielsweise jene der Verkehrstoten. Seit den 1980er-Jahren ist zwar ein deutlicher Rückgang der Suizidhäufigkeit zu beobachten, mit Beginn der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 verlangsamte sich dieser Rückgang jedoch deutlich.

Hilfe und Rat

  • Telefonseelsorge: 142
  • Rat auf Draht: 147
  • Drogentelefon: 05522/39390
  • Kriseninterventionsteam: 05577/86122
  • LKH Rankweil: 05522/4030

 

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