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Meine Erinnerungen an Wetten, dass ...?

Thomas Gottschalk und Hannes Mayer beim Sektfrühstück.
Thomas Gottschalk und Hannes Mayer beim Sektfrühstück. ©NEUE
NEUE am Sonntag-Redakteur Hannes Mayer war am 10. Oktober 1998 Wettkandidat in der ­erfolgreichsten Fernsehsendung Europas und schildert ­seine ­Erinnerungen.

Was, so jung?“, staunt Thomas Gottschalk, als ich für die Freitagnachmittag-Probe die Bühne der Weser-Elms-Halle in Oldenburg betrete. „Ich dachte, da kommt so ein alter Sack wie ich.“ „Ja, so jung“, antworte ich leicht nervös und fühle mich an seiner Seite und im grellen Licht der Scheinwerfer regelrecht wie ein Star. Genau das sind für Gottschalk die Wettkandidaten auch – Stars. „Von euch lebt die Sendung“, sagt er an anderer Stelle zu den versammelten Kandidaten. „Ihr seid mindestens genauso wichtig wie die Gäste, die bei mir auf der Couch Platz nehmen. Ohne euch könnten wir einpacken.“

Sektfrühstück mit Thommy

Dass ein 20-Jähriger wie ich es damals war, wettete, jedes Lied der Beatles anhand drei zusammenhängender Wörter erkennen zu können, fasziniert Thommy. Er will genau wissen, woher meine Liebe für die Beatles stammt – ist er doch selbst ein glühender Fan von John, Paul, George und Ringo. Fast unmerklich beginnen wir mit der eigentlichen Probe der Wette, mühelos erkenne ich jeden Titel. Gottschalk ist begeistert. Auch bei der Probe am Abend geht alles glatt. Samstagvormittag lädt Thomas alle Kandidaten zu einem Sektfrühstück ein. Er ist jederzeit offen und herzlich. Und locker. Außer in den Minuten vor Sendungsbeginn. Da ist er unansprechbar. Fast wie ein wild gewordener Stier läuft Thommy hinter der Bühne auf und ab, wirkt wie in Trance und bringt sich in Stimmung. Schließlich ist alles, was er auf der Bühne sagt, spontan. Dann ist es soweit: Erst erklingt die Eurovisions-Fanfare, dann die Signation. Es geht los. „Passiert das alles wirklich, werde ich wirklich später da raus gehen und Teil der Show sein?“, frage ich mich in diesen Minuten. Alles wirkt so surreal auf mich. Über 16 Millionen Zuschauer in Österreich, Deutschland und der Schweiz verfolgen die Sendung. Es lohnt sich. Denn es wird turbulent. Erst turteln die frisch vermählten Eros Ramazzotti und Michelle Hunziker – damals noch als Gast – miteinander. Dann belei­digt Götz George Thomas Gottschalk und ist so desinteressiert, dass die Zuschauer zu pfeifen beginnen.

Gänsehaut pur

Etwa gegen 22 Uhr folgt mein Auftritt. Die Sekunden, in denen ich zwischen der Dekoration durchschreite und die Bühne betrete, werden mir ewig unvergesslich bleiben. Aus dem hellen, weißen Schweinwerferlicht, das mich eine Sekunde lang blendet, taucht wie aus dem Nichts Thomas Gottschalk vor mir auf. Begleitet wird die Szenerie von riesigem Applaus. Gänsehaut pur. Sekundenbruchteile später geht ein Traum von mir in Erfüllung: ich treffe Ringo Starr, den Schlagzeuger der Beatles. Er ist mein Wettpate. Als Ringo hört, dass ich erst 20 bin, sagt er: „Ich habe Schuhe, die älter sind.“ Ich schmunzle.

Es sollte nicht sein

Gemischte Erinnerungen habe ich an den Ablauf der Wette. Erst habe ich das Pech, dass Gottschalk ausgerechnet eine Wortkombination wählt, in der sich in dem Liederbuch, das die Redaktion zur Verfügung hat, ein Fehler eingeschlichen hat. Statt „so come on“, wie es richtigerweise im Song „Little Child“ heißt, fragt Thommy nach „so come come“. Ich habe keine Chance, den Titel zu erkennen. „Das geht ja gut los“, denke ich mir. Doch dann laufe ich zur Hochform auf, erkenne ohne Probleme die nächsten drei Songs. Ringo Starr ist beeindruckt, sagt „unbelievable“ – also unglaublich und klatscht. Jetzt wählt Thomas die Wortkombination „gotta do is“ aus. Sofort fällt mir der Titel „All Ive Got To Do“ ein. Ich weiß, dass diese Wortkombination in dem Song gleich mehrfach enthalten ist. Doch instinktiv spüre ich, dass Starr ein anderes Lied aus der Juke-Box herausgezogen hat. Genau das war immer meine Sorge gewesen – dass eine Wortkombination abgefragt wird, die nicht nur in einem, sondern in mehreren der fast 200 Eigenkompositionen der Beatles enthalten ist. Plötzlich beginnt sich alles in meinem Kopf zu drehen, ich weiß, dass es noch einen Song gibt, in dem „gotta do is“ vorkommt. Doch welcher? Es fällt mir nicht ein! Weil ich schon mehrere Sekunden überlegt hatte, sage ich etwas mutlos „All Ive Got To Do“ – im Wissen, dass die Wette damit wohl verloren ist. Und so war es dann auch. Ich sage Thomas zwar noch, dass die Wortkombination verlässlich auch in dem von mir genannten Song enthalten ist. Aber weil der gesamte Ablauf der Wette kurz vor der Sendung umgebaut werden musste und alles improvisiert war, ließ Gottschalk es dabei bewenden. Dafür inszeniert er noch einen kleinen Wettbewerb zwischen mir und Ringo, bei dem er alle Details rund um den Hit „Paperback Writer“ abfragt. Hier gewann ich. Enttäuscht bin ich trotzdem. Nach der Sendung entschul­digt sich Thomas bei mir dafür, dass er mir keine zweite Chance gab. Das heitert mich auf. Danach feiern wir zusammen mit vielen Ehrengästen bis in die frühen Morgenstunden die gelungene Sendung.

13 Jahre sind seither vergangen. Mein bleibendster Eindruck von „Wetten, dass ..?“ ist das Charisma von Gottschalk, das die Sendung mit Leben erfüllte. Darum ist für mich klar: Mit dem Abschied von Thomas Gottschalk geht eine TV-Ära zu Ende. Eine Ära, von der ich das Glück habe, ein kleiner Teil zu sein. Top, die Wette gilt.

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