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„Meine ­Rolle ist es, ­Begeisterung zu verbreiten“

"Nessun dorma" - keiner darf schlafen. Schlaflose Nächte, wie in der bekannten Arie der Oper Turnadot, die diese Saison auf der Bregenzer Seebühne aufgeführt wird, hat die neue Intendantion Elisabeth Sobotka zum Glück nicht.

Im Gegenteil, die gebürtige Wienerin blickt mit einer freudigen Spannung dem Start entgegen. WANN & WO konnte im Interview ihre private Seite entdecken und Einblicke in den Werdegang sowie ihr Familienleben bekommen.

WANN & WO: Sie sind nun einige Monate in Vorarlberg, fühlen Sie sich angekommen?

Elisabeth Sobotka: Erstaunlicherweise ja! Ich habe noch nie so viele Sonnenuntergänge gesehen, wie hier bei den Proben auf der Seebühne. Mir gefällt es gut und das Leben funktioniert.

WANN & WO: Zwischen Wienern und Vorarlbergern gibt es Vorurteile. Als Wienerin hatten Sie sicher ein bestimmtes Bild von Vorarlbergern, wurde es bestätigt oder widerlegt?

Elisabeth Sobotka: Eigentlich widerlegt. In Wien sieht man den Vorarlberger eher als verschlossen, sehr arbeitssam, nicht mitteilungsfreudig. Ich erlebe das aber ganz anders. Ich bin nicht nur mit offenen Armen aufgenommen worden, es gibt auch sehr schöne Begegnungen, die Menschen sind sehr freundlich, liebenswürdig und hilfsbereit.

WANN & WO: Wie kommen Sie mit dem Dialekt zurecht?

Elisabeth Sobotka: Alle sind so lieb und reden mit mir Hochdeutsch. Die werden wahrscheinlich auch merken, dass ich den Dialekt einfach nicht verstehe. Ein Wort habe ich aber aufgeschnappt: ­„Gadaladalälla“.

WANN & WO: Wann haben Sie ihre Liebe zur Oper entdeckt?

Elisabeth Sobotka: Meine Eltern haben sich immer für Musik interessiert. Wirklich zur Oper gekommen bin ich durch ein ganz konkretes Erlebnis in Wien. Ich bin mit 14 zu einer Vorstellung von Tosca gegangen. Placido Domingo hat gesungen und die Schluss-Arie „E lucevan le stelle“ sogar wiederholt. Es war eine unglaubliche Erfahrung, ihn als Sänger zu erleben. Und ich habe zum ersten Mal eine Kommunikation zwischen Bühne und Publikum gespürt. Außerdem war eine Stimmung wie bei einem Popkonzert. Die Besucher haben getrampelt, getobt, bis er wirklich die Arie wiederholt hat. Seit diesem Moment ging ich dann sehr oft in die Oper und da hat sich auch mein Berufswunsch und meine sehr zielstrebige Orientierung an der Oper entwickelt.

WANN & WO: Hatten Sie einen Plan B, wenn sich dieser Berufswunsch nicht erfüllt hätte?

Elisabeth Sobotka: Nie! Mein Plan war immer, dass ich einmal in der Dienst-Loge der Wiener Staatsoper sitze. Ich hatte mir meinen Platz schon ausgesucht gehabt und ich saß dann auch später wirklich dort.

WANN & WO: Sie sind die erste Intendantin der Bregenzer Festspiele, haben es Frauen in dieser Branche schwer?

Elisabeth Sobotka: Ich hatte es gar nicht schwer, es ist alles natürlich und automatisch gewachsen. Aber ich glaube, dass es Dirigentinnen nicht leicht haben. Da die Hierarchie noch sehr streng ist und von Männern bestimmt. Meiner Meinung nach ändert sich das Führings­verhalten generell – weg vom Patriarchat. Frauen haben alles im Blick, sehen die Gesamtheit, nicht nur das Ziel. Es geht darum, wie es den Menschen geht. Wenn sie sich wohl fühlen, dann arbeiten sie auch besser. Das führt zu einem ganzheitlichen Führungsstil. Dann gibt’s auch keinen Unterschied mehr zwischen Mann und Frau. Es wird wichtig, wie ich mit meinen Mitarbeitern umgehe, nicht wer der Stärkere ist.

WANN & WO: Die Premiere naht, haben Sie Angst davor?

Elisabeth Sobotka: Ich bin vor jeder Premiere nervös. Kommt’s an? Erzählt es sich? Verstehen die Leute, was wir wollen? Haben die Sänger einen guten Tag, ist das Orchester gut drauf? Wie ist die Reaktion des Publikums? Das passende Wort ist wohl Spannung, nicht Angst. Es gibt ja knapp hintereinander zwei große Premieren. Das werden Ausnahmetage und ich weiß noch nicht, wie es mir dann gehen wird. Ich freue mich irrsinnig, dass es bis jetzt gut läuft. Wenn sich alles entwickelt, ist das ein schönes Gefühl. Ich hoffe, dass mich nicht die Sorge überwältigt, sondern eine freudige Spannung bleibt.

WANN & WO: Jeder spielt in seinem Beruf eine Rolle, welche spielen Sie?

Elisabeth Sobotka: Meine Rolle ist es, Begeisterung zu verbreiten. Ich glaube, dass man nur so, wirklich auch für den Kern dessen was wir tun, Kräfte mobilisieren kann. Ich darf nicht davon ausgehen, dass alle am Projekt Beteiligten mit dem gleichen Elan daran arbeiten, wie ich. Aber wenn sie spüren, dass diejenige, die es in Auftrag gibt, dahinter steht, was sie wichtig findet, was sie sich erwartet, erhofft, dann können sie angesteckt werden. Meine Aufgabe ist die Ermöglichung und andererseits mit Energie die Bedeutung dessen aufzuzeigen, was wir tun.

WANN & WO: Wie schaffen Sie einen Ausgleich zu ihrem Beruf?

Elisabeth Sobotka: Fast alles, was ich mache, dreht sich um Musik. Mein Partner ist Dirigent in Kopenhagen, alle meine Freunde haben in irgendeiner Form damit zu tun. Und ich freue mich sehr, dass mich diesen Sommer auch alle in Bregenz besuchen kommen. Erholung habe ich im Zusammensein mit Freunden und Familie. Ich brauche Schlaf, bin ein Morgenmuffel und werde am Abend aktiv. Wenn mein Sohn Ferien hat, dann muss ich nicht ganz so früh aufstehen und nutze noch die Zeit für etwas Schlaf. Außerdem lese ich viel und schöpfe daraus Energie und Inspiration.

WANN & WO: Wie wichtig ist Ihnen das Familienleben?

Elisabeth Sobotka: Meine Mutter würde sagen, gar nicht. Sie ist eigentlich diejenige, die das Familienleben von uns aufrecht erhält. Sie ist mit uns nach Bregenz gezogen und war auch schon mit mir in Berlin. Ich hätte sonst meinen Beruf aufgeben müssen. Die Zeiten von Oper und Theater sind sehr „kinderunfreundlich“. Das habe ich mir früher auch anders vorgestellt. Meine Mutter war die einzige, die das richtig eingeschätzt hat. Sie meinte noch: „Ihr seit verrückt, wenn ihr ein Kind wollt.“ Natürlich versuche ich Hausaufgaben mit meinem Sohn Felix zu machen, für ihn da zu sein. Aber gleichzeitig ist es meinem Mann und mir auch wichtig, manchmal Zeit für uns zu nehmen. Es ist ein Tanz auf vielen Hochzeiten. Herausfordernd, aber natürlich auch spannend, es tritt keine Routine ein. Aber ich glaube, die Idee, dass man eine Partnerschaft eingeht und ein sehr strukturiertes Leben 50, 60 Jahre begeistert gemeinsam verbringt, ist eh schwierig – das ist wahrscheinlich kaum möglich. Wir müssen etwas tun, damit wir uns sehen. Dadurch bleibt es sehr lebendig und frisch. Aber natürlich könnte es mehr sein.

WANN & WO: Welche Reaktion wünschen Sie sich nach der ­Premiere?

Elisabeth Sobotka: Das war ein toller Abend – spannend und bewegt. Es hat mir eine neue Welt eröffnet.

Die ganze Ausgabe der WANN & WO online lesen!

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