"Mehr eigener Berufung folgen"

Wien, Feldkirch - Am Mittwoch zieht sich der Feldkircher Georg Sporschill aus der Hilfsorganisation Concordia zurück.

Der Feldkircher Jesuitenpater Georg Sporschill wird fast 20 Jahre nach ihrer Gründung den Vorstand der Hilfsorganisation Concordia verlassen und will künftig „mehr meiner eigenen Berufung folgen“. Im Juli wurde der Russpreisträger 65 Jahre alt.

Im Rahmen von Streetwork und Sozialzentren betreut die Initiative heute 300 Straßenkinder und ehemalige Schützlinge. Durch Suppenküchen erhalten täglich 5000 Menschen in Moldawien eine warme Mahlzeit. Etwa 1000 Kinder wohnen heute in den Häusern und Wohngemeinschaften von Concordia in Rumänien, Moldawien und Bulgarien.
Er wolle der Organisation „eher in meiner geistlichen Funktion die Treue halten“, sagt Sporschill, dessen Vorstandsfunktion sein langjähriger Förderer Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner übernimmt. Damit zählen Fundraising und Gespräche mit Förderern nicht mehr zu Sporschills Agenden. Mit seinem Namen steht er aber weiter für Concordia.

Unbeschreibliche Zustände

Die Anfänge seines Engagements in Osteuropa fielen in die Jahre des Umbruchs. In Rumänien war die Ära Ceaucescu eben blutig zu Ende gegangen. Das Land lag hoffnungslos darnieder. Sporschill, der sich in Wien lange Jahre um gescheiterte Jugendliche verdient gemacht hatte, fuhr am 28. Oktober 1991 mit drei ehrenamtlichen Mitarbeitern nach Bukarest.

Wie eine Schlacht

Die Zustände rund um den Bahnhof spotteten jeder Beschreibung. Dramatisch schildert er die Anfänge im ersten Kinderhaus: „Grölend kamen die Straßenkinder vom nahe gelegenen Bahnhof herbeigeströmt, viele hatten Spuren von silbergrauer Farbe im Gesicht. Damals wusste ich noch nicht, dass es die Billigdroge Aurolack war. Wir hatten uns ins Haus zurückgezogen. Die Kinder rüttelten an der Türe, sie gab nach, und die Verzweiflung der Straße ergoss sich ins Haus. Die Kleinen, die wir aufgenommen hatten, versteckten sich im einzigen Zimmer, das wir in den ersten Tagen hergerichtet hatten. Es war ein Kampf wie in einem Wildwestfilm, jeder gegen jeden. Ein Helfer rief die Polizei, doch sie interessierte sich nicht für unsere Verzweiflung. Es war kurz nach der Wende, da hatte jeder andere Sorgen. Mit den Anführern der wilden Bande verließ ich das Haus, wie eine Geisel schleppten sie mich auf einen Markt, wo ein Berg aus Krautköpfen aufgebaut war. Bei einem Kiosk gab es Brot. Hier sollte ich ihnen zu essen kaufen, so viel verstand ich. Ich habe mich losgekauft. Erstarrt vor Schreck schlich ich zurück ins Kinderhaus.“

Aus diesen Anfängen entstand Concordia. Sporschill gab nicht auf. Heute gibt die Organisation 1000 Kindern Obdach, die zuvor auf der Straße zu Hause waren.

Mit Sporschill zieht sich auch Mitgründerin Ruth Zenkert als Projektleiterin zurück. Die personellen Änderungen sollen morgen, am 7. September 2011, im Beirat des Vereins Concordia beschlossen werden. An der inhaltlichen Ausrichtung soll sich nichts ändern.

ZUR PERSON:

Georg Sporschill SJ hat nach seinem 65. Geburtstag die operative Funktion in der Hilfsorganisation Concordia zurückgelegt.

  • Geboren: 26. Juli 1946 in Feldkirch
  • Ausbildung: studierte in Innsbruck und Paris Theologie, Pädagogik und Psychologie.
  • Laufbahn: 1976 Eintritt in den Jesuitenorden, 1978 Priesterweihe, ab 1980 Arbeit mit obdachlosen Jugendlichen in Wien, Gründung des Lokals „Inigo“, des „Canisibus“, der warmes Essen zu den Obdachlosen in die Vorstadt bringt, 1991 Beginn der „Straßenkinderaktion“. 2004 entstand „Concordia“ in der Republik Moldau. Insgesamt betreut Concordia über 1300 Kinder und Jugendliche. 2008 begann Concordia mit der Sozialarbeit in Bulgarien. Sporschill erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 1994 den Dr.-Toni-Russ-Preis und -Ring.

INFOTIPPS

Pater Georg Sporschill SJ: „Die zweite Meile – Ein Leben mit Hoffnungskindern“, Verlag Carl Ueberreuter, 208 Seiten, Preis 22,95 Euro, ISBN: 3-8000-7211-4

Wolfgang Feneberg, Pater Georg Sporschill SJ: „Wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert – Wege zum spirituellen Training“, Verlag Carl Ueberreuter, 136 Seiten, 9,95 Euro ISBN: 3-8000-7275-0

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(VN)

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