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"Man muss selbst raus wollen"

Nur mit sehr viel Mühe kam Daniel von den Drogen los
Nur mit sehr viel Mühe kam Daniel von den Drogen los ©APA (Symbolbild)
Daniel* (24) war mit 20 heroinabhängig. Er erzählt W&W vom Weg zurück und über die Ländle-Drogenszene.

„Angefangen hat alles Mitte 2013. Ich hab damals schon gekifft und Amphetamine genommen. Dann gab es ein Theater im Elternhaus und ein Bekannter hat mir angeboten, dass ich bei ihm einziehen kann“, erzählt Daniel. „Damals dachte ich, das sei ein ganz normaler Typ – bis ich mitbekommen habe, dass er Heroin nimmt.“

„Dann war ich voll drin“

Sei neuer Mitbewohner habe ihn immer wieder bedrängt, doch auch einmal Heroin zu probieren. „Nach dem ersten Mal hab ich es wieder genommen, und wieder und wieder – dann war ich voll drin“, erinnert sich Daniel, der damals nicht gearbeitet hat. „Man steht gegen Mittag auf und der erste Gedanke gilt der Droge. Wo bekomme ich etwas her? Hab ich noch Geld dafür? Also geht man in den Park und hängt mit den anderen Junkies ab. Es ist auch gängig, dass untereinander getauscht wird. Mein Mitbewohner und ich haben uns dann am Abend mit unserer Tagesausbeute nochmal voll die Dröhnung gegeben oder einfach alles gegen Heroin getauscht“, berichtet der heute 24-Jährige. „Ich war nicht so tief drin, wie mein Mitbewohner. Das Heroin habe ich geraucht oder geschnupft. Wenn ich kein Geld hatte, hab ich Essensmarken von der Caritas bei Supermarkt-Kunden gegen Bares getauscht. Bei ihm ist es aber auch vorgekommen, dass er um drei Uhr nachts mit dem Messer vor meinem Bett stand und mein Heroin verlangt hat. Wenn man so auf Entzug ist, hat man keine Kontrolle mehr über sein Verhalten“, betont Daniel.

„Alles war weg!“

Zu dieser Zeit sei eine neue Frau in das Leben von Daniel getreten. „Ich war von Anfang an ehrlich zu ihr, sie hat sich trotzdem auf mich eingelassen“, sagt er. „Bei ihr habe ich viel Zeit verbracht und immer, wenn ich wieder in meine Wohnung gekommen bin, hat mehr von meinen Sachen gefehlt. Mein Mitbewohner hat mir nicht nur Drogen geklaut, sondern meine Sachen verhökert! Als ich dann mal drei Tage bei meiner damaligen Freundin war, hat er alles verkauft oder für Heroin versetzt: TV, Laptop, Anlage, Kleidung, Möbel, etc. Dann hat meine Freundin gesagt: ,Jetzt ist Schluss, du musst da raus!‘ – und ich bin zu ihr gezogen.“

Substitution und Rückfall

Daniel habe sich dann bei Clean Hilfe gesucht, was für ihn aber nicht gut funktioniert hat. „Ich hatte das Gefühl, mit den Substitutionstabletten schlittert man von der Heroin- halt in eine Tablettensucht. Die Dinger knallen dich auch weg und viele Süchtige sind nur im Programm, um an die Tabletten zu kommen. Zum Selbernehmen oder auch zum Tauschen“, erklärt er. „Als ich dann die Tabs mal nicht hatte, wurde ich rückfällig und landete wieder beim Heroin.“

Kalter Entzug

Schließlich habe er sich mit seiner Freundin beraten, wie es weitergehen könne. „Sie hat angeboten, mit mir einen kalten Entzug durchzumachen. Zweieinhalb Wochen ist sie untertags arbeiten gegangen, die restliche Zeit war sie immer bei mir und hat auf mich aufgepasst. Die ersten Tage sind hart. Der ganze Körper brennt, alles tut weh. Wenn das Gift aber erst mal aus dem Körper raus ist, spürt man die physischen Symptome des Entzugs kaum noch.“ Dann sei es reine Kopfsache: „Man muss selbst da raus wollen. Sehr wichtig ist, dass man sein Umfeld ändert. Außerdem braucht man eine Vertrauensperson, die mit der Szene nichts zu tun hat. Seit meinem kalten Entzug hatte ich kein Verlangen mehr nach Heroin und ich bin meiner damaligen Freundin heute – vermutlich mein ganzes Leben lang – sehr dankbar, dass sie das mit mir durchgestanden hat“, sagt Daniel.

„War noch harmlos!“

In seiner Zeit in der Vorarlberger Drogenszene habe Daniel einiges über das Millieu im Ländle mitbekommen. „Manchmal habe ich sogar das Gefühl, das, was ich gemacht habe, ist noch harmlos! Auf Partys im Ländle bekommt man alles, was man will: Cannabis, Kokain, Amphetamine, Speed, Heroin, MDMA, LSD und um die 50 weitere Abkürzungen sind in der Szene beschaffbar“, erklärt er. „Nach drei Uhr haben auch die 16-Jährigen in den Nachtclubs Pupillen wie Teller – die fressen das Zeug wie Bonbons! Da triffst du welche, die hauen sich in einer Nacht sechs Tabs in die Birne! Ich hab zu meinen Hochzeiten vielleicht mal eine oder eineinhalb genommen und war die ganze Nacht bedient!“, erklärt Daniel. „Jugendliche kommen einfacher an Drogen als an Schnaps.“

Maßlos und gefährlich

Die Maß- und Sorglosigkeit der Jugendlichen machen ihn heute geradezu wütend: „Auf Partys kann es vorkommen, dass man dir einen Spiegel mit Pulver unter die Nase hält – ,Kokain zum Probieren‘. In einem Fall haben wir bemerkt, dass der den Leuten so Ketamin unterjubeln wollte!“, erzählt er aus der Szene. „Viele sind das ganze Wochenende drauf, vielleicht auch noch Montag und Dienstag, dann sind Mittwoch und Donnerstag bald auch schon egal. Dass so jemand in eine Depression rutscht und im Alltag nicht mehr funktioniert, wundert mich überhaupt nicht. Wenn der Körper dauernd diese künstlichen Glücklichmacher bekommt, produziert er selbst keine Glückshormone mehr. Nach so einem Trip ist man am nächsten Tag eine vollkommen leere Hülle, die nichts mehr fühlt.“ Daniel ist froh, dass er die Kurve noch einmal gekratzt hat. „Ich habe schmerzlich daraus gelernt und hoffe, dass durch meine Geschichte manchen dieser Weg erspart bleibt.“

*Name von der Redaktion geändert

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