AA

Mafiosi flüchten aus ’Ndrangheta-Hochburg San Luca

Aus Angst vor Racheaktionen nach dem Sechsfach-Mord in Duisburg sind alle männlichen Mitglieder prominenter Mafia-Familien aus der Ortschaft San Luca in Kalabrien geflüchtet, der Hochburg der ’Ndrangheta.

50 Wohnungen in San Luca wurden von der Polizei durchsucht. Befürchtet werden Racheaktionen im Rahmen einer Familienfehde, die seit 1991 bereits Dutzende von Menschenleben gefordert hat.

„Nach dem Massaker in Duisburg fühlt sich niemand mehr hier sicher“, betonte ein Polizei-Sprecher nach Angaben der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“ am Freitag. Die Polizei hat die Liste der Personen verfasst, die im Rahmen der Familienfehde gefährdet sein könnten. „Niemand ist hier mehr sicher“, betonten die Ermittler. Die Polizei überprüft das Phantom-Bild einer der Killer, die in Duisburg die sechs Mafiosi erschossen haben. Inzwischen werden auch Maßnahmen zur Vorbeugung von Racheaktionen geplant.

„Die ’Ndrangheta ist zu einem Unternehmen aufgerückt, das stark von der Globalisierung profitiert“, betonte der Anti-Mafia-Experte und Staatsanwalt der kalabresischen Stadt Reggio Calabria Nicola Gratteri. Ermittler in Rom sind der Ansicht, die Organisation habe bereits die kolumbianischen Drogenkartelle in den Schatten gestellt. „Die ’Ndrangheta kontrolliert ein Drittel des weltweiten Kokainhandels. In den Jahren 2000 bis 2006 wurden in Italien sieben Tonnen Kokain beschlagnahmt, was einem Wert von 322 Millionen Euro entspricht“, betonte der Vize-Polizeichef von Reggio Calabria, Luigi De Sena.

Weitere zehn Milliarden Euro Umsatz macht die kalabresische Organisation mit dem traditionellen Mafia-Geschäft: Schutzgelderpressung, Fälschen von Pässen, Handel mit Waffen, Raubüberfälle. Auch Schwarzarbeit, Menschenhandel, Prostitution und Produktpiraterie gehören zu den Kerngeschäften der ’Ndrangheta, die anders als andere Mafia-Clans nicht hierarchisch, sondern zellenartig organisiert ist, was die Arbeit der Polizei erschwert. 70 Prozent aller Unternehmer in Kalabrien müssen den verhassten „pizzo“, das Schutzgeld, zahlen. Die restlichen 30 Prozent der Unternehmen und Geschäfte befinden sich direkt in der Hand der Mafia, meinen die Experten.

Um diese enormen, illegalen Summen zu waschen, ist die ’Ndrangheta immer internationaler geworden und drängt immer mehr in Richtung Nordeuropa. Seit Jahren werden ganze Häuserblocks in Ostdeutschland gekauft, Restaurants und Hotels gebaut, berichten die Ermittler Deutschland sei für das Organisierte Verbrechen wegen der Größe des Marktes besonders interessant.

Der kriminelle Aufstieg der ’Ndrangheta ist mit Leichen gepflastert: Allein von 2000 bis 2004 rechneten die Behörden kalabrischen Mafiakillern 144 Morde zu. Der italienische Staat führt seit Jahrzehnten einen scharfen Kampf gegen die ’Ndrangheta. Allein in diesem Jahr wurden 28 Polizeiaktionen gegen die ’Ndrangheta geführt, die die Festnahme von 228 Personen zur Folge hatte. Weitere 43 Menschen wurden wegen Verstrickungen zur ’Ndrangheta angezeigt.

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Welt
  • Mafiosi flüchten aus ’Ndrangheta-Hochburg San Luca
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen