Lockdown-Kosten schwer zu schätzen, früher kommt billiger

Die Kosten eines möglichen weiteren Lockdowns sind schwer abzusehen
Die Kosten eines möglichen weiteren Lockdowns sind schwer abzusehen ©APA/WOLFGANG SPITZBART
Unter Wirtschafts- und Arbeitnehmervertretern hat am Donnerstag vorerst Zurückhaltung geherrscht, was sie wegen der hohen Corona-Infektionszahlen vorschlagen. Die Kosten für einen neuerlichen, österreichweiten Lockdown seien schwer abschätzbar, sagen Wirtschaftsforscher. Ein früherer Stillstand wäre aber wohl billiger gekommen, so Josef Baumgartner vom Wifo zur APA. Sehr kritisch äußerte sich UNIQA-Chef Andreas Brandstetter über das Zögern der Politik.

"Eine konkrete Einschätzung zu geben, was das BIP-mäßig heißt, ist sehr schwierig", so Ökonom Baumgartner zum drohenden neuerlichen und somit vierten Lockdown. Im ersten Stillstand sei der wöchentliche BIP-Verlust mit 1,7 bis 1,8 Mrd. Euro pro Woche jedenfalls am höchsten gewesen. Dies sei aber nur eine bedingt gute Benchmark, da damals auch der produzierende Bereich stark eingeschränkt war. Im zweiten Lockdown gab es mit 800 Mio. Euro pro Woche schon deutlich weniger Schaden, im dritten Lockdown belief sich der BIP-Verlust auf etwas mehr als 1 Mrd. Euro wöchentlich. Auch Helmut Hofer vom Institut für höhere Studien (IHS) sagte in einer Stellungnahme gegenüber der APA, dass die Wachstumsverluste im Pandemieverlauf geringer geworden seien.

UNIQA-Generaldirektor Brandstetter zeigte - wie zuletzt beispielsweise auch schon die Vertreterin der Hoteliers in der WKÖ, Susanne Kraus-Winkler, die der Bundesregierung einen "Eiertanz" attestierte - kein Verständnis mehr für das zögerliche Vorgehen der Politik in Sachen Corona-Maßnahmen. "Ich denke, es ist die Zeit längst gekommen, wo die Politiker auf die Virologen hören sollten - und wenn die Virologen sagen, wir brauchen einen Lockdown, dann bin ich auch dafür", mit entsprechenden Hilfen und Unterstützungen, so Brandstetter am Donnerstag. Man dürfe bei dem Thema "nicht auf Wählergruppen schielen", betonte Brandstetter am Vormittag, noch vor Bekanntwerden der in Oberösterreich und Salzburg geplanten Lockdowns. Ja, impfen sei eine zutiefst persönliche Sache. Er sei mittlerweile aber für eine Covid-Impfpflicht, "sonst wird uns das Thema in den nächsten Jahren weiter begleiten". Bereits im ersten Quartal hat die UNIQA begonnen, sich an Covid-Impfkampagnen zu beteiligen.

Am politischen Corona-Management übte der UNIQA-Chef scharfe Kritik: "Die Lage hat sich wegen einer völlig unklaren Strategie dramatisch verschlechtert. Deshalb haben wir diesen Schlamassel", sagte Brandstetter in einem Online-Auftritt im Klub der Wirtschaftspublizisten: "Die Zahlen schnalzen durch die Decke und es wird noch immer hin- und herlaviert." Der Föderalismus habe seine Stärken und seine Schwächen. In dieser Krise sollte man aber etwas lernen. Wenn ein Unternehmen so agieren würde wie die Politik in ihrem Zusammenspiel, "na, gute Nacht", meinte Brandstetter: "Wenn das in einem Unternehmen so wäre, da würden wir ein wenig professionelles Bild abgeben."

Manche Touristiker forderten dieser Tage ja bereits einen weiteren harten Lockdown, um die Wintersaison zu retten. Für den stationären Handel wiederum wäre ein solcher vor Weihnachten das Horrorszenario schlechthin. Alleine der Wegfall der ungeimpften Kundinnen und Kunden lässt die durchschnittlichen Ausgaben im stationären Handel im Schnitt um 30 Mio. Euro pro Tag sinken, zeigten aktuelle Berechnungen der Keppler-Uni in Linz (JKU). Schon vor dem Weihnachtsfest im Vorjahr hatte es einen kompletten Lockdown gegeben, der die Umsätze im stärksten Quartal in Richtung Online-Handel umlenkte. Für die Industrie ist die Aufrechterhaltung der Produktion oberstes Gebot.

Die Mitgliedsbetriebe der Hoteliervereinigung (ÖHV), die die gehobene Hotellerie vertritt, erwarten laut einer Umfrage, dass 51 Prozent des Buchungsvolumens bis Anfang Jänner von Stornos betroffen sein wird. Die durchschnittliche Zimmerauslastung lag im November bei 38 Prozent, im Dezember erwarten die 378 befragten Betriebe im Schnitt 40 Prozent. An den Weihnachtsfeiertagen soll sie bei 57 Prozent liegen.

"Gesundheit geht vor, da gibt es gar keine Zweifel. Das heißt aber nicht, dass man die desaströsen wirtschaftlichen Folgen eines Lockdowns einfach ausblenden kann", sagte ÖHV-Vizepräsident Walter Veit zur APA. "Wir haben schon vor Wochen einen Schutzschirm gefordert. Und jetzt stehen wir genauso unvorbereitet da wie im Vorjahr. Unsere dringende Forderung, Maßnahmen zur Abfederung der Einnahmenausfälle in der Schublade zu haben, wurden ebenso ignoriert wie die Prognosen der Epidemiologen."

Von den Sozialpartnern wollten weder Arbeiterkammer (AK), und Gewerkschaftsbund (ÖGB) noch Wirtschaftskammer (WKÖ) und Industriellenvereinigung (IV) vor einem am Nachmittag mit der Regierungsspitze anberaumten Treffen zur Coronalage und etwaigen neuen -Maßnahmen eine Stellungnahme abgeben. Die IV ist hier auch dabei, obwohl sie de jure nicht zu den Sozialpartnern gehört.

(APA)

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