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Liechtenstein-Chef Koja: "Museumsmenschen haben langen Atem"

Stephan Koja bespielt nun erstmals das Gartenpalais Liechtenstein
Stephan Koja bespielt nun erstmals das Gartenpalais Liechtenstein ©APA/HELMUT FOHRINGER
Seit zehn Monaten steht Stephan Koja an der Spitze der Fürstlichen Sammlungen Liechtenstein. Nun stellt der Wiener mit "Herkules der Künste" die erste von ihm kuratierte Ausstellung vor, die ab Freitag im Wiener Gartenpalais läuft. Aus diesem Anlass sprach der Ex-Direktor der Dresdner Gemäldegalerie mit der APA über die Unterschiede zwischen staatlichen und privaten Kunstsammlungen, Deutsche und Österreicher sowie eine Sensation, über die er noch nicht viel verraten darf.

APA: Sie sind von der Dresdner Gemäldegalerie als einer staatlichen Sammlung in die Liechtenstein'sche und damit eine klassische Privatsammlung gewechselt. Was sind für Sie als Direktor die zentralen Unterschiede?

Stephan Koja: Der größte Unterschied ist die Flexibilität und Schnelligkeit. Ich habe in Dresden durch den Vergleich viel über meine Landsleute gelernt. In Österreich sind wir schneller und beweglicher in unseren Entscheidungen. Wir legen weniger Wert auf das Befolgen eines festgelegten Ablaufs als auf das Erreichen von Zielen. Und wenn wir das Ziel auf einem Weg nicht erreichen können, sind wir eher bereit, es auf andere Weise zu versuchen. Wir reagieren also sozusagen elastischer auf die Situation.

Gleichzeitig offenbarten sich dabei auch die Grenzen der öffentlichen Verwaltung, die in Deutschland zunehmend in Bürokratie erstickt und Entscheidungsprozesse ungemein verlangsamt. Man arbeitet also einen großen Teil der Zeit sein bürokratisches Pflichtenheft ab und kann sich weniger auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren.

Hier habe ich hingegen ganz kurze Wege und ein kleines, sehr motiviertes - und humorbegabtes - Team. Die vergleichsweise schnelleren Entscheidungsprozesse bedeuten nicht, dass hier unachtsam Geld zum Fenster hinausgeworfen wird. Im Gegenteil. Aber dass wir oft viel effektiver arbeiten können...

APA: Wofür das Haus Liechtenstein viel Geld ausgibt, ist die Ergänzung der Sammlung. Wie ist hier Ihre Rolle?

Koja: Ich schlage Ankäufe vor und bereite die Entscheidungsgrundlagen auf - was einen veritablen Anteil meiner Tätigkeit umfasst. Und dann gilt es, den Fürsten und den Stiftungsrat dafür zu gewinnen, dass das Stück eine bedeutende Bereicherung der Sammlung darstellen würde. Erfreulicherweise hat der gegenwärtige Fürst in den mehr als drei Jahrzehnten seiner Regentschaft über 1.000 Kunstwerke gekauft...

APA: Gibt es hierfür ein fixiertes jährliches Budget?

Koja: Das gibt es, auch wenn ich die Höhe nicht verraten kann. Unsere Kriterien für einen Ankauf sind in jedem Fall hohe Qualität und Originalität. Dinge, die der Kunstmarkt im Laufe der Zeit "behübscht" hat, von denen lassen wir die Finger. Im Gegenzug erwerben wir zuweilen Werke, die vielleicht etwas vernachlässigt wurden, aber noch authentisch erhalten sind. Wir haben schließlich eine eigene Werkstatt mit hervorragenden Gemälderestauratoren.

APA: Was sind die inhaltlichen Kriterien für einen Ankauf?

Koja: Es muss einen inhaltlichen Zusammenhang mit der Sammlung geben, die ja vom Spätmittelalter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts reicht und also mehr als 500 Jahre umfasst. Es gibt Bereiche wie die Kleinbronzen, da sind wir eine der besten Sammlungen der Welt. Auf diesen Bereich fokussieren wir uns zum Beispiel. Bei den Gemälden ist es etwa Peter Paul Rubens, bei dem sich Aspekte verdichten und vertiefen lassen. Wir würden nun aber nicht einen neuen Aspekt der Sammlung dazunehmen.

APA: Ihr Vorgänger Johann Kräftner hat nicht zuletzt mit der Sanierung der beiden Wiener Palais Marksteine gesetzt. Was soll die Ära Koja dereinst ausmachen?

Koja: Mein Ziel - nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern aus echtem Interesse - ist es, die Aufarbeitung der Sammlung wesentlich zu stärken. Es geht darum, Werkgruppen mit den besten Wissenschaftern der Welt aufzuarbeiten. In Dresden hat die Forschung beispielsweise zu Tage gebracht, dass vier anonyme Alabasterstatuetten eigentlich Frühwerke von Giambologna sind oder ein Totenschädel aus Carrara-Marmor aus der Hand von Gian Lorenzo Bernini stammt. Oder kombinierte Restaurierungs- und Forschungsprojekte einzelner Werke haben ganz neue Einsichten in das Oeuvre von Künstlern eröffnet. Solche Funde sind unglaublich beglückend - für die Wissenschaft und als Aufwertung für die Sammlung. Ich kann noch nicht zu viel verraten, aber so etwas dürfte uns alsbald auch hier gelingen.

APA: Werden für dieses Ziel auch die Kapazitäten im Haus ausgeweitet?

Koja: Auch das. Wir haben seit Sommer eine weitere Kuratorin und hoffen, dass wir die Mitarbeiterzahl hier weiter aufstocken können. Wir wollen die Expertise verbreitern.

APA: Ihr Vertrag als Direktor der Fürstlichen Sammlungen ist ja nicht befristet. Was ist Ihre persönliche Perspektive in Ihrer neuen Funktion?

Koja: Ein Jahrzehnt auf jeden Fall! Wir Museumsmenschen haben einen langen Atem. Ein Ausstellungsprojekt muss schließlich Jahre vorbereitet werden. Die Dinge müssen deshalb auch reifen, weshalb fünf Jahre zu wenig wären. Ohne ins Details gehen zu wollen kann ich sagen, dass unser Ausstellungsprogramm bereits bis 2028 fixiert ist.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(APA)

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