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Langer Schatten der serbischen Geheimpolizei

Der frühere serbische Staatssicherheitsdienst (SDB), die nach der politischen Wende in Belgrad im Jahr 2000 umgebildete und in den Nachrichtendienst BIA umbenannte Geheimpolizei, hat einen langen Schatten, bis nach Argentinien.

Dort wurde am Montag Milan Lukic, ein vom UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien angeklagter bosnischer Serbe, festgenommen. Lukic hat sich der argentinischen Polizei als Goran Djukanovic, Staatsbürger Serbien-Montenegros, ausgewiesen. Der Reisepass war echt, der Name falsch.

Echte Reisepässe auf falschen Namen ausgestellt standen in den 90er Jahren offensichtlich in der Befugnis des Staatssicherheitsdienstes. Damit wurden verdiente Mitarbeiter aus der Unterwelt, aber auch andere Personen von Rang belohnt. Milosevic-Sohn nach Moskau

Der früher mächtige SDB-Chef Rade Markovic hatte im Oktober 2000 von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, als er dem Sohn des gestürzten jugoslawischen Staatschefs Slobodan Milosevic, Marko, die Flucht nach Moskau ermöglichte.

Der ehemalige Kommandant der inzwischen aufgelösten Spezial- Polizeieinheit „Rote Barette“, Milorad Ulemek (früher Lukovic, alias Legija), hatte im Vorjahr, als er sich in Belgrad der Polizei stellte, ebenfalls einen Reisepass mit falschem Namen bei sich. Allerdings handelte es sich um einen kroatischen Reisepass, der angeblich ebenfalls echt war.

Der in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo lebende Anwalt Dusko Tomic ist überzeugt, dass Lukic mit Hilfe der serbischen Geheimpolizei bis nach Argentinien gekommen ist.

„Lukic besass bereits vor dem Bosnien-Krieg (1992-1995) einen SDB-Ausweis“, sagte Tomic der Belgrader Tageszeitung „Glas javnosti“. Gemäss seinen Erkenntnissen wurde der Haager Angeklagte mit Hilfe der serbischen Geheimpolizei zunächst in die Schweiz gebracht. Konflikt mit Karadzic-Getreuen

Das Londoner Institut für Kriegs- und Friedensberichte (IWPR) hatte im Vorjahr berichtet, dass Lukic, der Jahre lang zum Helfer- Netz des früheren bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic gehört hatte, im Januar 2004 mit den Bodyguards eines der meist gesuchten Haager Angeklagten in einen bewaffneten Konflikt geraten war.

Dies geschah, nachdem es sich herausstellte, dass Lukic dem Haager Tribunal Informationen über Karadzic zugespielt hatte.

Die Flucht von Milan Lukic alias Goran Djukanovic nach Argentinien wurde anscheinend genau geplant. Anwalt Tomic behauptet, dass sich Lukic in der ostbosnischen Stadt Visegrad unlängst scheiden liess.

Plakative Scheidung

Einerseits soll ihm dies ermöglichen, bei einer eventuellen Festnahme vor dem UNO-Tribunal einen bezahlten Anwalt zu beantragen, da sein ganzes Eigentum der geschiedenen Frau zugefallen war. Andererseits wurde dadurch auch für die Ex-Frau ein Identitätswechsel erleichtert.

Lukic wurde in Buenos Aires festgenommen, nachdem er seine Frau und die sechsjährige Tochter vom Flughafen abgeholt hatte.

Der bosnische Serbe, dem das Haager Tribunal die Ermordung von mindestens 140 Menschen in Visegrad anlastet, plädierte vor dem zuständigen argentinischen Gericht auf unschuldig. Er möchte nach Den Haag ausgeliefert werden, um dort seine Unschuld zu beweisen. In Belgrad wurde er im Juli in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft wegen der Entführung und Ermordung von 16 Bosniaken verurteilt.

In Serbien konnte sich Milan Lukic lange Zeit hindurch sicher fühlen. Sein naher Verwandter Sreten Lukic, der selbst wegen Kriegsverbrechen im Kosovo angeklagt wurde, war bis zum Vorjahr ein Polizei-Spitzenfunktionär.

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