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Kunstkirche

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel

Ich gehe durch Graz, versuche mich zu orientieren, lese die Straßenbezeichnungen, trete durch eine schmale Mauergasse voller erfrischender Graffiti fantastischer Wesen, Totenköpfe, grinsende Teufelsfratzen, dahinter das Elisabethinen Krankenhaus. Ich überquere eine stark befahrene Straße, Grün blinkt, rette mich rasch an das gegenüberliegende Gehsteig-Ufer. 3 Sekunden später brüllen PKW‘s vorbei, in jedem hockt ein rasender Terraner drinn, als ginge es vor der Ampeldreifaltigkeit um Tod und Leben. Gerettet. Großstadtalltag. Ich schwenke fast fluchtartig in die nächste Straße ein, da stoppen mich plötzlich Inschriften: „Ach du grüne Neune, Adam und Eva, Arabische Nächte, Aura, …“. Ein Wort nach dem andern hüpft in meinen Kopf. „Blaues Wunder, Don’t worry, Email for you, Trau dich, Fair Play, Gelbes Trikot, Ikon, …” Immer mehr Wörter verführen in bunter Anmut zum Weiterlesen. Ich bemerke, dass die bemalten Wände Kirchenwände sind. Und schon geht es weiter: „Pupille, Schafherde, Schlosserei, Science Fiction, Skepsis, Sonnenfinsternis, Tonleiter, Zarte Worte, …“. Jetzt bin ich durch.

Das große Gebäude Kernstockstraße Nr. 9 mit den vielen Wörtern außen ist tatsächlich eine Kirche: St. Andrä. Meine Horrorvision: Gleich wird ein MNS-Pfarrer herauskommen und mit Desinfektionsmittel Pandemiegläubige segnen. Es kommt keiner, Erleichterung. Nicht staatliche Pandämonie mit türkisgrüner Lebensrettung ist hier das Thema, es geht um „Afrolook, Almrausch, Anekdote, Angsthase, Anno dazumal“. Kunst und Kirche. Erfrischend lebendig in diesen Zeiten. 50 Worte, 50 Farben und 50 Schriften erscheinen an den Wänden mal schräg, mal gerade, mal schief, mal senkrecht in unterschiedlicher Größe. Da hält jeder kurz inne und fragt sich was. Was?

2010 wurde der Außenbereich komplett renoviert und eine neue Fassade mit dem Titel "Gegenwart" durch Künstler Gustav Troger gestaltet: Sakrales trifft auf Alltägliches aus unterschiedlichsten Lebensbereichen.

Seit 1999 gibt es in der Kirche St. Andrä ein Bleiberecht bzw. eine explizite Gastfreundschaft für zeitgenössische Kunst. Die KUNSTKIRCHE lässt mutige, durchaus provokante, Kunstinterventionen zu und Kunstwerke in der Kirche, einen stillen Dialog führen (www.andrae-kunst.org). Bischof Hermann Glettler (1999-2016 Pfarrer von St. Andrä) begründete das so:
„Kunst steigert Vitalität. Die Kirche ist als Gottesort der natürliche Umschlagplatz für alle Fragen, die die menschliche Existenz betreffen. Gegen die Banalisierung des Lebens und gegen alle gesellschaftlichen Tendenzen zur Ver¬flachung von Lebenswahrnehmung verbünden sich Kunst und Kirche“.

Als ich weitergehe, folgen mir sieben Geister namens „Kristall, Mauer, Mozart, Nur Mut, Smiley, Sumpfhuhn“ und ganz zuletzt „Pinocchio“.

(c) Ulrich Gabriel
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