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Kriegsende vor 75 Jahren, Teil 1

Am 2. Mai 1945 rücken die französischen Truppen in Lustenau ein.
Am 2. Mai 1945 rücken die französischen Truppen in Lustenau ein. ©Marktgemeinde Lustenau
Anfang Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Das Foto zeigt die im Hof der Volksschule Kirchdorf abgestellten Panzer der französischen Besatzungstruppen. Es wurde dem Historischen Archiv von Norbert Bösch zur Verfügung gestellt. 
Ende des Zweiten Weltkrieges in Lustenau

Die Panzerbesatzung richtete damals ihr Nachtlager auf dem Boden der Scheune seines vis-à-vis liegenden Elternhauses in der Kaiser-Franz-Josef-Str. 6 ein. Die Offiziere, Elsässer, die gut Deutsch sprachen, bekamen ein Zimmer im ersten Stock.

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa offiziell mit der Unterzeichnung einer bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Der dadurch besiegelten Niederlage des nationalsozialistischen Deutschen Reiches folgte rund dreieinhalb Monate später auch die Kapitulation Japans. Bei Kriegsende waren es über 60 Millionen Menschen, die einerseits durch den Krieg ums Leben gekommen bzw. andererseits millionenfach vom brutalen Regime der Nationalsozialisten ermordet worden waren.

In Lustenau endete der Krieg am 2. Mai 1945. Damit einhergehend erfolgte die Befreiung von der Herrschaft der NSDAP durch französische Truppen. Diese wurden bei ihrem letztlich friedlichen Einmarsch vom Großteil der Lustenauer Bevölkerung mit Jubel begrüßt. Die Gemeinde hatte im Zweiten Weltkrieg über 500 Gefallene und Vermisste zu beklagen. Während des Krieges wurden viele Lustenauerinnen und Lustenauer Opfer der menschenverachtenden NS-Justiz. Die Namen der 28 damals ermordeten bzw. zu Tode gekommenen Menschen finden sich heute stellvertretend für alle Lustenauer Opfer der NS-Diktatur auf der 2013 errichteten Gedenkstätte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kriegerdenkmal.

Ein von Oskar Alge Mitte September 1945 abgefasster Bericht schildert eindringlich die letzten Kriegsmonate und das unmittelbare Kriegsende in Lustenau. Der Stickereifabrikant war Mitglied der NSDAP und damaliger Stellvertreter des Bürgermeisters Hans Grabher. Dieser war im März 1942 in die Wehrmacht eingerückt, hatte allerdings sein Amt offiziell – obwohl er gar nicht vor Ort war – bis Kriegsende inne. Die in dieser dreiteiligen Serie präsentierten Auszüge aus dem Bericht entstammen den Gemeindeprotokollen, in die die Aufzeichnungen von Oskar Alge später aufgenommen wurden. Die Zitate sollen an die dramatischen Ereignisse vor 75 Jahren erinnern und schildern im ersten Teil die Lage der vielen Flüchtlinge in der Gemeinde und den allgegenwärtigen Mangel und die Not gegen Ende des Krieges. Die Zeichensetzung wurde der heute gebräuchlichen Orthographie angepasst, offensichtliche Tippfehler korrigiert, die sonstige Schreibweise allerdings beibehalten:

„Durch den Verlust wertvoller Gebiete im Osten wurde die Ernährungslage des deutschen Volkes von Tag zu Tag schwieriger. Der Zustrom von einer Unzahl Kriegsflüchtlinge gestaltete dieselbe noch viel schwieriger. Ich sah mich veranlasst, im Verlaufe der letzten Wochen in den Schulen Kirchdorf und Rheindorf Gemeinschaftsverpflegungen einzurichten. Dieselben haben in der letzten Zeit ca. 200 Flüchtlinge aufgenommen und mit Mittag und Abendmahlzeit verpflegt. Alle verfügbaren Zimmer und Wohnräume wurden beschlagnahmt und mit den zugewanderten Flüchtlingen belegt. Im Gasthaus zur Krone wurde ein Auffanglager, bestehend aus 90 Strohsäcken, im katholischen Kongregationshaus Konstantia ein solches mit 60 Betten eingerichtet.

Es wurden uns Transporte bis zu 150 Personen zugewiesen, die vorerst in den besagten Räumen Unterkunft fanden. Nach Maßgabe der verfügbaren Wohnräume wurden dann diese Menschen nach und nach in die ihnen zugewiesenen Räume umquartiert. Schätzungsweise befinden sich augenblicklich in Lustenau ca. 700 Flüchtlinge. Das Bekleidungs- und Verpflegungsproblem für diese Menschen ist mit größten Schwierigkeiten verbunden, umso mehr, als uns zurzeit nicht das geringste Quantum an Kartoffeln zur Verfügung steht. Durch den Umstand, dass die Front unserem Gebiete von Tag zu Tag näher rückte, wurden die Verhältnisse parallellaufend immer schwieriger. Die maßgebenden Behörden versäumten die Gelegenheit, rechtzeitig die notwendigen Vorräte an Kartoffeln, Reis und anderen Lebensmitteln heranzuschaffen. […] In aller Eile wurden in der Umgebung unserer Gemeinde provisorische Befestigungen errichtet, die eine Verzögerung des Vormarsches der feindlichen Panzerspitzen bezwecken sollten. Natürlich war diese ganze Arbeit ein Provisorium und hatte von rein militärischem Standpunkte aus gesehen nicht den geringsten Zweck.“

Durch die Kreisleitung wurde die Parole verlautbart, dass der Gau Tirol-Vorarlberg als Bergfestung bis zum letzten Mann verteidigt werde. Jedem vernünftig denkenden Menschen musste diese Verfügung als ein Unsinn erscheinen, da die Feinde von West und Ost in beständigem Vordringen waren und die Moral der deutschen Wehrmacht vollkommen erschüttert war.“

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