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Kerry, der "Blair-Demokrat"

Er ist kein Amerikaner, der aus Texas nie richtig herausgekommen ist. John Kerry kennt die Welt - allerdings natürlich aus amerikanischer Sicht.

Als Sohn eines Diplomaten ist er zwar in den USA geboren, und zwar am 11. Dezember 1943 in einem Militärspital in Denver im Bundesstaat Colorado. Doch Teile seiner Kindheit und Jugend verbrachte er in Europa, wo der Vater an den US-Botschaften in Westberlin und Oslo tätig war. Mit elf Jahren wurde John Kerry in ein Schweizer Internat gesteckt, wo er wohl sein Französisch und auch ein bisschen Deutsch gelernt hat.

Wichtiger war dann wohl der Besuch der Internatsschule St.Paul’s in Massachusetts, einer amerikanischen Elite-Institution für die Sprösslinge reicher Eltern, wo John als einer der wenigen Katholiken und demokratisch Gesinnten unter den Kameraden aus reicheren, protestantisch-republikanischen Familien ein schweres Leben hatte. „Na und, was ist so schlimm wenn einen niemand geliebt hat? Ich schaue nach vorne nicht zurück“, meint der heute 60-jährige ungeniert zu seiner Schulzeit.

Diese Einstellung „sich nicht beschweren, nichts erklären“ ist Teil der Kerry-Aura, die den Politiker mit den derzeit besten Chancen im November der Herausforderer von Präsident George W. Bush zu werden, auf eine gewisse Weise unnahbar macht. Kerry will geschätzt werden, aber nicht geliebt – er ist kein Verführer wie Bill Clinton, kein Schmeichler, kein Populist.

Während andere Kandidaten um die demokratische Präsidentschaftsnominierung, wie etwa Senator John Edwards, viel öfter das zähnefletschende Siegerlächeln aufsetzen, bleibt Kerry oft ernst und verhalten. Der Vietnam-Veteran, Anwalt und Senator schätzt klare Fakten und eine offene Sprache.

Die Außenpolitik hat ihn wohl schon wegen seiner Herkunft interessiert, schließlich war sein Vater Karrierediplomat. Auch die familiären Wurzeln könnten ihn zu einem transatlantischen Brückenbauer machen. Denn John Forbes Kerry (JFK) stammt nur auf mütterlicher Seite von einer amerikanischen Traditionsfamilie ab: Rosemary Forbes Kerry kann die Linie ihrer Vorfahren bis zu John Winthrop zurückverfolgen, der 1630 unter den Gründern der Stadt Boston war.

Väterlicherseits waren die Großeltern aus der österreichisch-ungarischen Monarchie eingewandert: Großvater Fritz Kohn kam aus dem heute tschechischen Sudetendorf Horni Benesov (Bennisch), Großmutter Ida Lowe aus Budapest. Bei der Emigration 1905 in die USA änderte Fritz Kohn seinen Namen auf Frederick Kerry und konvertierte vom Judentum zum Katholizismus.

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