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Kein Sommerloch bei der Schuldenberatung: Wöchentlich 40 neue Klienten.

Karl Heinz Bonetti: „Zwei Mitarbeiter sind bei uns nur vorbeugend tätig.“
Karl Heinz Bonetti: „Zwei Mitarbeiter sind bei uns nur vorbeugend tätig.“ ©VN/Matt
Bregenz (VN) Dass Vorarlbergs Institut für Sozialdienste seine Klienten schneller bedienen kann als etwa die Schuldenberatung der Steiermark, liegt an den Sprechtagen. Die Kollegen in Graz setzen Hilfesuchende auf eine Warteliste. Bis zu sechs Monate muss Christoph Lösch sie vertrösten. Vorarlberg federt den Druck wöchentlich ab.

Rasche Lösungen

„Jeden Donnerstag halten wir zu neunt ab 9 Uhr in Bregenz, Feldkirch und Bludenz Sprechtag.“ Karl Heinz Bonetti zählt im Durchschnitt 40 Erstkontakte, „deren Probleme sich etwa zu einem Viertel gleich lösen lassen“.

Dabei ist Lösung immer relativ. Die 26-jährige Alleinerzieherin zweier Kinder, die mit 5000 Euro Schulden zuletzt bei ihm vorsprach, wird nun ihre Bank um Stundung bis Jahresende bitten. Sie hat Aussicht auf Erfolg. „Bei den ortsansässigen Banken klappt das in der Regel.“ Die „amtsbekannten“ Risikobanken dagegen verhalten sich kaum kulant. Da hat Bonetti Erfahrungen. Mit der ersten Bilanz des Jahres 2008 legt Bonetti triste Aussichten auf den Tisch. 685 Erstkontakte verzeichnet die Statistik der Schuldenberatung, die im Vorjahr insgesamt 2539 Klientinnen und Klienten beraten hat. „Das sind um 8,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.“ 380 Vorarlberger stellten von Jänner bis Anfang Juli 2008 Anträge auf Privatkonkurse.

Sie mussten erkennen: Das alles geht sich nie aus. „Ihre Zahl stieg gegenüber dem ersten Halbjahr 2007 um 23 Prozent.“ Durchschnittlich stehen die Menschen mit 84.000 Euro in der Kreide. „27 Prozent unserer Klienten waren arbeitslos.“

Über die Jahre . . .

So wie jener 45 Jahre alte Mann, „der in 20 Jahren bei 30 Gläubigern 100.000 Euro Schulden zusammengetragen hat. Davon entfallen 60 Prozent nur auf Zinsen und Kosten.“ Der Mann ist geschieden und für ein Kind unterhaltspflichtig. Immerhin kann er nun bei einem Handwerker Teilzeit arbeiten und hat Aussicht, ganz übernommen zu werden. Aber längst nicht immer löst Erwerbsarbeit alle Probleme.

Ein 26-jähriger Schuldner, der nun nach einer Trennung wieder allein dasteht und eine Verpflichtung von 40.000 Euro bedienen sollte, arbeitet regelmäßig. „Er verdient 1300 Euro netto.“ Aber 600 Euro gehen für Miete und Betriebskosten drauf. „Da bleibt für Leben und Schuldentilgung herzlich wenig.“ Er hatte übrigens den 20.000-Euro-Kredit aufgenommen, um einen Wagen zu kaufen. Den fuhr er umgehend zu Schrott. Die zweiten 20.000 Euro Schulden resultieren aus Forderungen der Versicherung.

Beispiele hat Karl Heinz Bonetti, weiß Gott, genug: Er erzählt von einem 20-Jährigen, ledig, mit 16.000 Euro Schulden. „8000 Euro hat er nur mit Handy und Kreditkarten ausgegeben, die zweiten 8000 sind Inkasso- und Anwaltskosten.“ Oder die 27-jährige Frau, die 600 Euro monatlich zur Verfügung hat, aber 380 Euro für Schuldentilgung bezahlen sollte. Sie hat gebürgt. Jetzt stehen 35.000 Euro offen. „Gerade bei Migranten haben wir das leider oft.“

Da bürgt die Ehefrau für den Gatten, das Kind für die Eltern. Ein anderes Muster, das sich leider wiederholt, findet Bonetti dort, wo das Geld herkommt: Er denkt an jenes Vorarlberger Hilfsarbeiterehepaar mit zwei kleinen Kindern, das bei einer Wiener Bank 60.000 Euro auf Pump erhalten hat. Ein Kreditvermittler, wie sie verstärkt unter Migranten Kunden suchen, hatte die beiden vermittelt. Der einzige Geldbetrag, der in diesem Geschäft sicher blieb, war seine Provision.

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