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Kate McCann als Verdächtige - Spießrutenlauf statt Mitleid

©AP
Noch gibt es in diesem Fall mehr Spekulationen als Fakten. Doch eines ist sicher: An ein Happy End glaubt kaum noch jemand. Vielleicht nicht einmal mehr Madeleines Mutter.

Dass sie nun in Portugal eine „Arguida“ – eine offizielle Verdächtige – sein soll, hat die britische Ärztin Kate McCann geschockt. Viel schlimmer, sagt die Familie, sei für sie die Erkenntnis, dass die Polizei keinen Sinn mehr in der weiteren Suche nach ihrem Kind sieht.

Jeder konnte Kate McCann die Erschöpfung ansehen, als sie am Freitagvormittag im Hafenstädtchen Portimao erneut bei der Kriminalpolizei zum Verhör erschien. Die halbe Nacht lang war sie schon vernommen worden. Was sich dann auf der kurzen Strecke von ihrem Auto bis zur Tür des Büros der „Policia Judiciaria“ abspielte, machte deutlich, wie sehr sich die Stimmung gewandelt hat. Die Szene erinnerte an einen Spießrutenlauf.

In den ersten Wochen nach dem Verschwinden Madeleines, als noch niemand anzweifelte, dass die Dreijährige von Unbekannten aus der Ferienwohnung ihrer Eltern entführt wurde, gab es in der Algarve nur eine einzige große Welle der Sympathie und des Mitleids. Jetzt musste Kate McCann gehässige Bemerkungen über sich ergehen lassen, als sie gezwungen war, an einem Spalier von Schaulustigen vorbeizugehen.

Die schlanke blonde Ärztin trug ein weißes Top und darüber eine dünne rosa Strickjacke. Die blassrosa Knuddelkatze von Madeleine schaute – fast schon demonstrativ – aus Kates Rucksack. Portugiesische Zeitungen hatten berichtet, Kriminaltechniker hätten Leichengeruch an Kleidungsstücken von Kate MCann ausgemacht. Kate habe den Leichengeruch mit ihrer Arbeit als Ärztin erklärt, war in den Blättern zu lesen.

Empört gaben sich einmal mehr britische Zeitungen, die sich in den letzten Wochen wiederholt darin geübt hatten, die portugiesischen Ermittler als unfähig darzustellen. Am Freitag berichteten sie von dem Verdacht, Kate und Gerry McCann sollten „geleimt“ werden. Weil sie keinerlei Erfolge vorzuweisen hätten, wollten die Portugiesen nun möglicherweise die Eltern von Madeleine als Täter erscheinen lassen.

Kate McCann werde von der Polizei unter Druck gesetzt, hieß es allerdings auch in portugiesischen Medien. Bei den Verhören sei sie mit Widersprüchen konfrontiert worden. So habe eine 70-jährige britische Nachbarin der McCanns in deren Ferienanlage in Praia da Luz ausgesagt, die Eltern hätten nicht so oft nach dem Mädchen geschaut, wie sie behaupteten. Außerdem hätte sich die Frau in der Nacht des Verschwindens von Madeleine angeboten, die Polizei zu alarmieren, Kate soll sie jedoch mit dem Hinweis gestoppt haben, dies bereits erledigt zu haben. In Wirklichkeit sei ihr Anruf aber erst 40 Minuten später eingegangen.

Nie hat ein Vermisstenfall derartige weltweite Aufmerksamkeit erfahren. Die McCanns selbst hatten dafür mit einer enormen Kampagne gesorgt, darunter mit einem Fürbittbesuch bei Papst Benedikt XVI. im Vatikan. Dementsprechend groß dürfte der Aufschrei sein, sollte sich herausstellen, dass die Eltern am Verschwinden ihres Kindes, vielleicht gar an dessen Tod beteiligt waren. Doch von einem solchen Vorwurf scheinen die Ermittler noch weit entfernt zu sein. Die Einstufung als „Arguida“ bedeutet längst noch keine Anklage.

Das hält britische Zeitungen keineswegs davon ab, über das Geschehen am Abend des 3. Mai zu spekulieren. „Habt Ihr Maddie ruhiggestellt?“ fragte die „Sun“ in Balkenüberschrift. Sie will erfahren haben, dass die Ermittler nun der These nachgehen, dass das Ärzte-Ehepaar McCann seiner kleinen Tochter Beruhigungsmittel gegeben haben könnte, um ungestört mit Freunden in einer Tapas-Bar feiern zu können – versehentlich eine Überdosis.


Mutter von Madeleine zur Verdächtigen erklärt

Vier Monate nach dem Verschwinden der kleinen Madeleine ist ihre Mutter am Freitag überraschend von der Polizei zur Verdächtigen erklärt worden. Das berichtete die britische Nachrichtenagentur PA unter Berufung auf einen nicht genannten Freund der Familie. Kate McCann wurde am Donnerstag elf Stunden lang befragt, am Freitag erschien sie wieder bei der portugiesischen Polizei.

Eine Sprecherin der Familie, Justine McGuinness, sagte, die portugiesische Polizei nehme an, dass Kate McCann in den Tod ihrer Tochter verwickelt sei. Dies sei jedoch absolut lächerlich. Die Vorwürfe beziehen sich nach Angaben der Sprecherin auf Blutspuren in einem Mietwagen der McCanns. Die Familie habe das Auto jedoch erst gut drei Wochen nach dem Verschwinden von Madeleine am 3. Mai gemietet.

Ein anderer Sprecher der Familie, David Hughes, erklärte, die Polizei habe 22 Fragen, die sie Kate McCann stellen wolle. Das erfordere, dass sie zur Verdächtigen erklärt werde. Nach portugiesischem Recht genießt ein Verdächtiger besonderen Schutz, so kann er die Aussage verweigern, die Polizei ihrerseits hat in den Vernehmungen aber auch mehr Spielraum.

Ein Freund der Familie, Clarence Mitchell, erklärte, das Paar sei darüber informiert worden, dass beide zu Verdächtigen erklärt würden. Beide beteuerten, sie hätten nichts mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun. Anwalt Carlos Pinto de Abreu hatte am Morgen noch betont, Kate McCann Mandantin sei „weiterhin eine Zeugin“.

Eine weitere Vernehmung des Vaters von Madeleine war für Freitagnachmittag anberaumt. Die portugiesischen Behörden nahmen zunächst nicht Stellung. Der Polizei lagen nach eigenen Angaben neue Untersuchungsergebnisse in dem Fall vor, die zur Befragung der Eltern führten. Zu den Einzelheiten wollten sich die Behörden nicht äußern. Die Untersuchung der Kleidung und anderer Gegenstände, die in dem Ferien-Appartement sichergestellt worden waren, führte ein britisches Labor durch.

Madeleine verschwand, während die Eltern nach eigenen Angaben rund 50 Meter entfernt in der Ferienanlage zu Abend aßen. Ihre drei Kinder hatten die McCanns im Appartement zurückgelassen. Nach Madeleines Verschwinden starteten sie eine Internet-Kampagne, die helfen soll, vermisste Kinder zu finden. Auf diesem Weg kamen bisher an Spenden von einer Million Pfund (1,5 Millionen Euro) zusammen. In ganz Europa baten Madeleines Eltern um Hilfe bei der Suche nach ihrer Tochter. Ihrem Appell schlossen sich unter anderen die Schriftstellerin J.K. Rowling, David Beckham und auch der Papst an.

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