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Kampf ums Wasser: "Der Fallmeister", der neue Ransmayr-Roman

Christoph Ransmayr hat einen neuen Roman geschrieben (Archivbild)
Christoph Ransmayr hat einen neuen Roman geschrieben (Archivbild) ©APA (dpa)
Die Welt ist alles, was der Fall ist, sagt Wittgenstein. "Der Fallmeister" nennt Christoph Ransmayr seinen neuen Roman. Sein Fallmeister ist jedoch kein Weltmeister, sondern ein Mörder. Das glaubt zumindest sein Sohn, der sich nicht vorstellen kann, dass dem erfahrenen Schleusenwärter am großen Wasserfall des Weißen Flusses bloß ein Fehler passiert sein könnte, der fünf Menschen das Leben gekostet hat. Auch der spätere Selbstmord des Vaters kommt ihm wie inszeniert vor.

Die Welt besteht vor allem aus Wasser. Ransmayr macht in seiner "kurzen Geschichte vom Töten" daraus sein Leitmotiv. In einer nicht allzu fernen Zukunft beherrscht das Wasser das Denken der Menschen und die Kämpfe der Mächtigen. Einerseits ist reines Trinkwasser ein begehrtes, rares und teures Gut geworden, andererseits sind durch das Schmelzen der Polkappen die Meeresspiegel gestiegen. Die einstigen Länder sind in Kleinststaaten zerfallen, die "Wasserkriege" gegeneinander führen. "Kommissariate, Republiken, Grafschaften, Alpenbezirke, Matriarchate, Patriarchate, Herzogtümer und welche Namen sich die Zwerge auch immer gaben - jede Scherbe wollte ihre eigene Hymne, ihre eigene, grotesk kostümierte und bis zum Staatsbankrott hochgerüstete Armee, ihre eigene Heraldik..."

Der Ich-Erzähler stammt aus der "Grafschaft Bandon", die man sich in den heimischen Alpen gelegen vorstellen darf, da der tosende Weiße Fluss, an dessen Ufern er aufgewachsen ist, jahrhundertelang für seine Salzschifffahrt bekannt war, und das Tote Gebirge seine Grenze bildet. Der Protagonist ist ein auf der ganzen Welt gefragter Wasserwirtschaftsingenieur, Spezialist für auch in flachen Gewässern funktionierende Wasserstrudel-Kraftwerke. Systemrelevante Hydrotechniker sind die neuen Wunderwuzzis, weltweit gefragt und hoch bezahlt. Als daheim der Unfall passiert, den er für Mord hält, arbeitet er "an verschiedenen Stauwerken des brasilianischen Rio Xingu, einem Zustrom des Amazonas". Später ist er am Mekong im Einsatz und berichtet von der regelmäßigen Umkehr der Fließrichtung des Tonle Sap. Auch die Schilderung von verzweigten, labyrinthischen Kanalsystemen an der norddeutschen Küste ist faszinierend. Bei diesen Naturbeschreibungen ist Ransmayr ganz bei sich. In diesen Momenten gibt man sich seinem Erzählfluss widerstandslos hin.

Doch da gibt es noch die Schwester des Erzählers, Mira heißt sie, und dass in Niederösterreich die Myrafälle ein bekanntes Ausflugsziel sind, ist möglicherweise kein Zufall. Mira hat Glasknochenkrankheit und ist in der unwegsamen Schlucht, in der die beiden Geschwister aufwachsen, das einzige weibliche Wesen, dem sich der Protagonist nähern kann. Die Liebesgeschichte zwischen Bruder und Schwester findet auf einer "Mesopotamien" genannten Flussinsel, umtost vom "Weißwasser", ihre körperliche Erfüllung, eine als heilig empfundene Geschwisterliebe wie im alten Ägypten zwischen Pharao und Pharaonin.

Als er der sehnsüchtig vermissten Schwester zwischen zwei Aufträgen ins ehemalige Norddeutschland nachreist, wohin sie ein "Deichgraf" entführt hat und wo im "Elbwasserkrieg" jeder gegen jeden zu kämpfen scheint, ist sie abweisend. Seine energischen Versuche, im einsam in der Brandung stehenden Leuchtturm (in dem es sogar ein "Bernsteinzimmer" gibt), körperliche Nähe zu erzwingen, enden böse und in der Erkenntnis, "daß einer der spröden Halswirbel meines Mädchens aus Glas in meiner Umarmung und im verzweifelten Versuch, meine Pharaonin in meinem Leben zu halten, gebrochen sein mußte".

In der Abwägung, ob es sich bei diesem schmalen Roman um einen Schlag ins Wasser handelt, oder ob Ransmayr es letztlich als Erzähler doch gelingt, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen, spielt eine starke Rolle, welches Gewicht man dem irritierenden Motiv der tragischen Geschwisterliebe im Verhältnis zu jener globalen Dystopie einräumt, die sich aus den gängigen Prognosen der Zukunftsforscher speist.

Am Ende bricht der Ich-Erzähler in den Süden auf, zu seiner Mutter Jana, auf eine dalmatinische Insel, wohin sie einst im Rahmen einer ethnischen Säuberung aus Bandon abgeschoben wurde. Es wird eine Reise durch eine "kontinentale Scherbenwelt", die an Ransmayrs vor einem Vierteljahrhundert erschienenen Roman "Morbus Kitahara" erinnert. Der Hamburger Hafen brennt, Europa ist von Grenzwällen und Stacheldrahtzäunen vielfach zerschnitten und nur von einem "Wassermann" wie dem Hydrotechniker, der um Schlupflöcher und Schleichwege weiß, durchquerbar. Ransmayrs "kurze Geschichte vom Töten" endet jedenfalls dort, wo alles Leben seinen Ausgang nahm: am Meer.

(S E R V I C E - Christoph Ransmayr: "Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten", S. Fischer Verlag, 224 Seiten, 22,70 Euro, Lesung im Literaturhaus NÖ, Stein/Krems 22.4., 19 Uhr)

(APA)

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