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K.o.-Tropfen in Vorarlberg: "Beängstigende Ausmaße"

Keine Insel der Seligen: K.o.-Tropfen sind auch im Ländle im Umlauf.
Keine Insel der Seligen: K.o.-Tropfen sind auch im Ländle im Umlauf. ©Bilderbox (Themenbild)
Auch in Vorarlberg fallen jedes Jahr zahlreiche Jugendliche den sogenannten K.o.-Tropfen zum Opfer. Wir zeigen, wie man sich vor sexuellem Missbrauch und Raub unter Einfluss dieser gefährlichen Substanzen schützen kann.

Clarissa feiert gerade ihren 18. Geburtstag, als sie zum Opfer wird. In einer bekannten Vorarlberger Tanzbar will sie den Eintritt ins Erwachsenenalter feiern. Als sie sich mit ihren Freundinnen auf der Tanzfläche befindet, schüttet ihr ein Unbekannter etwas ins Getränk.

Das Mädchen bekommt davon nichts mit und trinkt weiter, ohne zu wissen, was sie da zu sich nimmt. Knapp zehn Minuten später wird ihr übel, sie sucht die Toilette auf, übergibt sich mehrfach. Vor ihren Augen tanzen die Farben. Clarissa ringt nach Sauerstoff und läuft ins Freie. Auf dem Parkplatz knickt sie um. Ein Fremder kommt ihr zu Hilfe. „Geht es dir gut?“ fragt er, soviel weiß sie noch. Dann Dunkelheit, nichts als Dunkelheit.

Flucht vor der Welt

Am nächsten Morgen wacht die junge Frau in einem Feld auf, ihre Kleidung ist zerrissen, ihr Genitalbereich schmerzt. Clarissa geht nach Hause, verkriecht sich mehrere Tage lang – aus Scham. Erst dann sucht sie einen Arzt auf. Sie bekommt Schmerzmittel und den Namen eines Psychiaters.

Mehrere Monate lebt sie mit der Furcht vor einer ungewollten Schwangerschaft, vor Geschlechtskrankheiten, vor AIDS. Nichts davon trifft ein. Zu einer Anzeige ringt sie sich erst mehrere Monate nach der Tat durch. Dann, als bereits alle Spuren verwischt sind.

Kaum nachzuweisen

Leider kein Einzelfall, bestätigt Albert Lingg, Primar am Landeskrankenhaus Rankweil. Viele Frauen, die Opfer von sexuellen Übergriffen nach Konsum von K.o.-Tropfen werden, zeigen die Tat erst viel zu spät oder gar nicht an. Was insbesondere deswegen problematisch ist, weil es sich dabei um flüchtige chemische Substanzen handelt, die schon wenige Stunden nach der Einnahme nicht mehr nachzuweisen sind. Und damit auch jegliches Fremdverschulden.

Nicht so bei Clarissa: Neben Verletzungen im Genitalbereich trägt sie auch Würgespuren davon. Der Täter wird dennoch nicht gefasst – Zeugen gibt es keine, und erinnern kann sich die junge Frau an nichts mehr.

Getränk nicht aus den Augen lassen

Was die sogenannten K.o.-Tropfen besonders gefährlich macht ist die Leichtigkeit, mit der man sie beschaffen kann. Denn in vielen europäischen Ländern sind sie nicht verboten. Sie können unter ganz alltäglichen Pseudonymen im Internet bestellt werden. Für Polizei und Zoll sind sie dann nahezu unauffindbar, erklärt Andreas Prenn von der Supro.

Er empfiehlt Jugendlichen vor allem, zwei Verhaltensregeln zu beachten: Erstens, das eigene Getränk niemals unbeaufsichtigt zu lassen. Und zweitens, gut aufeinander aufzupassen. Sollte doch etwas passieren, sei es wichtig, nicht nur die betroffene Person schnellstmöglich in ein Krankenhaus zu bringen, sondern auch das Getränk sicherzustellen. Und auf jeden Fall einen entsprechenden Bluttest vom behandelnden Arzt zu verlangen.

Auch Männer gefährdet

Franz ist Partyveranstalter. Auch er weiß einiges zu berichten über das Problem der K.o.-Tropfen in Vorarlberg. Die Szene beschreibt er als „so organisiert, dass es wirklich beängstigend ist.“ Kriminelle Banden würden die Substanzen in großen Mengen aus dem Ausland importieren und dann in verschiedenen Clubs an den Mann bringen. Besonders gefährdet sind Frauen, die ohnehin schon einen über den Durst getrunken haben: „Nüchtern kriegen das die Wenigsten.“

Aber nicht nur Frauen müssen aufpassen. In vielen Fällen werden die Tropfen verwendet, um finanziell potente Clubbesucher lahmzulegen und auszurauben. Frauen kommt dann oft die Rolle des Köders zu. Insgesamt sei der große „Hype“ der Tropfen aber vorüber. Die Bandenchefs hätten sehr wohl begriffen, dass der Profit das eingegangene Risiko keineswegs aufwiege. Zur Wachsamkeit rät er trotzdem. Insbesondere den Barkeeper soll man im Auge behalten: Wenn der wegen eines Schirmchens oder einer dekorativen Frucht mit dem Drink hinter der Bar verschwindet, sei das schon als verdächtig einzustufen.

Flashbacks der vergessenen Nacht

Für Clarissa kommen Ratschläge dieser Art zu spät. Noch heute leidet die mittlerweile 21-Jährige an den Folgen der Vergewaltigung. Sie hat zwar einen festen Freund, Intimität fällt ihr aber nach wie vor schwer. An manchen Tagen will sie noch nicht einmal berührt werden. Dann suchen sie zumeist Bilder von jener Nacht heim, an die sie eigentlich keine Erinnerung mehr hat.

Der Psychologe nennt das einen „Flashback“: Eindrücke oder Erinnerungsfetzen, die das Gehirn in einem halb-bewussten Zustand abgespeichert hat, und die dann immer wieder zurückkehren. Auch die innere Sperre gegen Intimität sei sehr oft bei Opfern anzutreffen, erklärt Primar Lingg. Was es dann brauche, sei vor allem Eines: „Geduld, sehr viel Geduld.“ Und das von beiden Partnern, wie Clarissa weiß. (MST)

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