Junglehrer: "Anschlag auf das Bildungssystem"

Tobias Bachner kann sich vorstellen, dass das Instrument des Streiks angewandt wird.
Tobias Bachner kann sich vorstellen, dass das Instrument des Streiks angewandt wird. ©handout
Bregenz - Die Bundesregierung hat gestern das neue Lehrerdienstrecht ohne die Zusage der Lehrergewerkschaft beschlossen. W&W sprach mit Tobias Bachner (33), Lehrer am BG Gallus Bregenz über die fatalen Folgen.
Lehrerdienstrecht beschlossen
Die Änderungen im Detail

Bei dem Entwurf der Bundesregierung zum neuen Lehrerdienstrecht gibt es eine ganze Bandbreite an Problemen, die jungen sowie alten Lehrern aufstößt. Das Ganze hängt sich an den Unterrichtszeiten auf, in denen Fächer bis jetzt unterschiedlich, je nach Aufwand, gerechnet werden. „Nach dem neuen Entwurf müssen nun alle Lehrer, egal wie intensiv ihre Fächer sind, 24 Stunden unterrichten und demnach bis zu 30 Prozent mehr arbeiten. Die Lehrergewerkschaft fordert eine Arbeitszeitstudie, welche die Regierung bewusst ignoriert, da man dadurch sehen könnte, was das neue System für uns Lehrer bedeutet“, erklärt Tobias Bachner.

Vieles wird nicht honoriert

Neben den Unterrichtsstunden kommen noch Korrekturen dazu. „Wir arbeiten viele Stunden, die nicht honoriert werden: Vor- und Nachbereitungen, Gang-Aufsichten, Sprechstunden, Pädagogische Tagungen, Konferenzen, Öffentliche Tage, Eltern und Schülergespräche oder wöchentliche Teamsitzungen von jeweils zwei Stunden“, führt Tobias fort. Beim Entwurf der Regierung wird zudem mit attraktiven EinstiegsGehältern geworben. Rechnet man genauer nach, verdienen AHS Lehrer im Endeffekt um 20 Prozent weniger. Das Argument der Regierung, dass man durch zusätzliche Fächer dazu verdienen könne, sieht Tobias als utopisch: „Ein Lehrer ist mit 24 Stunden plus Vor- und Nachbereitung bereits am Limit. Wenn man sich die Burnout-Raten der Lehrkräfte ansieht, wird ersichtlich, dass ein Dazuverdienen mit zusätzlichen Fächern und ein Drehen an der Belastung-schraube nicht zu verantworten ist.“

Junglehrer werden verheizt

Wie bereits erwähnt, sieht das neue Modell vor, dass Junglehrer von Anfang an 24 Stunden unterrichten. Mit einem Bachelor Abschluss dürfte man dann bereits an einer AHS unterrichten. Innerhalb von fünf Jahren muss berufsbegleitend der Master nachgeholt werden. Ansonsten droht die Kündigung. Zusätzlich könnten Lehrer verpflichtet werden, unterrichtsfremde Fächer zu unterrichten. Nach dem neuen Modell könne dies zu demotivierten Lehrern führen, da der Zwang ein Fach unterrichten zu müssen, immer problematisch sei. „Im Endeffekt läuft alles auf ein Sparpaket hinaus. Mehr Klassen pro Lehrer bedeutet mehr Schüler pro Lehrer und die hochgepriesene hochwertige und individuelle Betreuung von Schülern wird erschwert. Die Regierung weiß nicht, ob sie eine Gesamtschule will oder nicht und wen man wo einsetzen soll. Jetzt wird ein Dienstrecht veranlasst, welches ein Rückschritt bedeutet. Das Pferd wird von hinten aufgezäumt und das ist nie gut. Außerdem wird es zu einer Zwei-Klassengesellschaft zwischen den Lehrern mit altem und jenen mit neuem Dienstrecht kommen, was für jedes Kollegium ungünstig ist“, so der 33-jährige AHS-Lehrer. Auch das in Mode gekommene Lehrerbashing der Gesellschaft und die geringe Wertschätzung von Lehrern ist kritisch zu sehen. „Gerhard Pusnik, Obmann der Vorarlberger LehrerInneninitiative, bezeichnete das Dienstrecht als Anschlag auf das Bildungssystem. Ich würde das unterschreiben. Der Mangel an Lehrern ist auch ein Problem. Das neue Dienstrecht wird diese Problematik verschärfen. Es arbeiten auch an unserer Schule Lehrer, die bereits in Pension gehen könnten. Mit der neuen Regelung wird es viele geben, die dann nicht mehr können“, ist Tobias überzeugt.

„Schülerunion steht hinter den Lehrern!”

Auch die Schülerunion in Vorarlberg steht hinter den Lehrern. Sandro Tirler, 19, Pressesprecher Schülerunion: „Zwölf Jahre und 35 Verhandlungsrunden für ein neues Lehrerdienstrecht zu brauchen, ist ein Spott für Österreich. Ich kann den Unmut der Bevölkerung über die leidige Debatte zwar durchaus verstehen, aber viele wissen vielleicht auch nicht wirklich im Detail, welche Verschlechterungen hinsichtlich Bezahlung und Arbeitsaufwand das neue Dienstrecht für künftige Junglehrer im Endeffekt bedeuten würde. Wir, die Schülerunion, stehen als größte Schülerorganisation Österreichs hinter den Bedenken der Lehrer!

Schüler zum Lehrerdienstrecht

Christina Metzler, 17, HLW Rankweil: „‚Lehrer sollen mehr arbeiten’ ist zwar ein gefundenes Fressen für den Boulevard, aber da steckt viel mehr dahinter, denn der Lehrberuf ist bestimmt kein einfacher. Es gibt gute Lehrer und jene mit deutlichem Potenzial nach oben. Gute Lehrer arbeiten mit Vor- und Nachbereitungszeit insgesamt sicher mehr als 40-50 Stunden pro Woche.”

Andreas Sulzberger, 18, BHAK Bludenz: „Ich bin der Meinung, dass wir dringend ein neues Lehrerdienstrecht brauchen. Ich finde es zwar gut, dass das Einstiegsgehalt aller Lehrer angehoben wird, aber nicht, dass es auf ein Arbeitsleben gerechnet, bei einigen Lehrergruppen einen deutlichen Einkommensverlust bedeuten soll. Das würde ich auch nicht einfach so ohne Gegenmaßnahmen hinnehmen.”

Vanessa Schürmann, 17, BHAK Lustenau: „Es darf nicht sein, dass sich hier Regierung und Lehrergewerkschaft gegenseitig immer nur blockieren. Je länger man wartet, desto mehr müssen dann wieder wir Schüler dafür büßen. Dem Lehrermangel können wir nur entgegenwirken, wenn Lehrer in der Öffentlichkeit nicht immer diffamiert werden.”

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